Herr Kamps, Sie haben fast 400 Bun­des­liga-Ein­sätze und zahl­reiche DFB-Pokal­spiele auf dem Buckel. Das ist eine Menge Holz. War das Halb­fi­nale gegen Lever­kusen denn ihr größtes Spiel?

Dieses Spiel ist schon schwer zu toppen. Das bleibt natür­lich ein Leben lang in Erin­ne­rung.

Vier Elf­meter, vier Glanz­pa­raden – haben Sie das zuvor für mög­lich gehalten?

Eigent­lich nicht. Natür­lich ver­sucht man immer sein Bestes. Aber das so etwas dabei her­aus­springt, das hält man im Vor­feld nicht für mög­lich.

Waren Sie traurig, dass es zu keinem fünften Elf­meter gekommen ist? Den hätten Sie doch bestimmt eben­falls gehalten.

(lacht): Ich denke, dass war solch ein Tag, an dem mir das auch noch gelungen wäre. Viel­leicht hätte ich ein­fach den letzten Elfer selbst schießen sollen.

Vor Ihnen hat schon jemand das gleiche geschafft. Aber fünf von fünf Elf­me­tern zu halten, das ist noch nie­mandem gelungen. Dann hätten Sie alleinig im Gui­ness Buch der Rekorde gestanden.

Hel­muth Duckadam hat als Tor­wart von Steua Buka­rest 1986 im Finale des Euro­pa­po­kals der Lan­des­meister gegen Bar­ce­lona eben­falls vier Dinger gehalten. So mussten wir uns den Ruhm teilen. Aber es gibt schlim­meres.



Wie voll­bringt man eine solche Leis­tung? Haben Sie in die psy­cho­lo­gi­sche Trick­kiste gegriffen, um die Schützen zu ver­un­si­chern?

Ich bin halt lange stehen geblieben und habe somit ver­sucht, die Schützen zu irri­tieren. Aber mehr auch nicht. Das war halt ein Tag, an dem vom Timing und der Intui­tion alles super gepasst hat.

Also eine Ein­tags­fliege.

Absolut. Etwas anderes zu behaupten wäre ver­messen.

Werden Sie heut­zu­tage noch auf dieses Spiel ange­spro­chen?

Ständig. Das ist ja auch ein Erlebnis, das haften bleibt.

Sie haben die Elf­meter-Vor­lieben der poten­zi­ellen Lever­ku­sener-Schützen sicher gekannt. Konnten Sie auf Sta­tis­tiken zurück­greifen?

Nein, da war ledig­lich ein Hin­weis von Jürgen Gels­dorf. Er hat zuvor in Lever­kusen gear­beitet und konnte mir einen ent­schei­denden Tipp geben: Er wusste ganz genau, wohin Jorginho schießen wird. Er sagte, der schießt immer gleich – so wird er es auch diesmal machen. Das war ein super Ein­stieg, der mir Sicher­heit gegeben hat.

Und wie hat er denn geschossen, der Jorginho?

Ein schwa­cher Schuss. Von mir aus gesehen, halb­hoch auf die linke Ecke. Aber dank Gels­dorf war das ja keine Über­ra­schung für mich.

Und der zweite von Heiko Herr­lich?

Heiko hat die gleiche Ecke anvi­siert, eben­falls halb­hoch. Aller­dings war der Elfer ein wenig besser geschossen – letzt­lich musste ich mit der rechten Hand über­greifen, um den Ball noch zu errei­chen. Gar nicht so leicht.

Wie war es bei Ioan Lupescu?

Der Ball kam mittig und recht hoch. Den Schuss habe ich gerade so erwischt, dass er als Bogen­lampe gleich wieder in meine Arme fiel. Bei dem Elf­meter hatte ich sicher­lich ein wenig Glück.

Und zu guter Letzt Martin Kree – der Mann mit dem gefürch­teten Bums.

Martin Kree war immer gefürchtet. Glück­li­cher­weise hat er diesen Ball aber ledig­lich mit dem linken Fuß in die rechte Tor­war­tecke geschoben, anstatt mit Voll­spann abzu­ziehen. Bei ihm hätte ich mög­li­cher­weise alt aus­ge­sehen. Aber dass er die Elfer manchmal auf diese Weise macht, hatte ich zuvor einige Male gesehen.

Waren die Schützen so schlecht oder Sie schlicht und ergrei­fend unbe­zwingbar?

Kree und Jorginho haben wirk­lich nicht gut geschossen. Aber die Dinger von Herr­lich und Lupescu waren nicht leicht zu halten.



Und nach dem Spiel waren Sie sicher­lich in einer Art Rausch­zu­stand.

Das war natür­lich der abso­lute Wahn­sinn. Ich habe schon eine Zeit gebraucht, um zu rea­li­sieren, was an diesem Abend geschehen war. Nach dem letzten Elf­meter bin ich in Rich­tung Eck­fahne gelaufen und lag dann dort. Wenige Sekunden später habe ich ein Paket von zwanzig Leuten auf mir liegen. Kurze Zeit habe ich gedacht, dass mir die Lichter aus­gehen (lacht). Ich habe bei­nahe keine Luft mehr gekriegt. Doch dann hat Frank Schulz die Jungs einem nach dem anderen weg­sor­tiert, so dass ich wieder atmen konnte. Das es Frank Schulz war, habe ich dann später im TV gesehen.

Nach dem Schluss­pfiff haben sich auf dem Rasen aus­ge­las­sene Szenen abge­spielt. Und Rolf Töp­per­wien ist auf dem Platz seine Brief­ta­sche geklaut worden.

Toppi war immer mit­ten­drin. Irgendwie hat er es ständig geschafft, an die Leute ran­zu­kommen, um Inter­views ein­zu­fangen. Doch diesmal hat er einen hohen Preis dafür bezahlt (lacht).

Mit Lupescu und Herr­lich haben Sie einige Zeit später zusammen in Glad­bach gespielt. Wurden Sie von den beiden noch einmal auf diese Pokal-Nacht ange­spro­chen?

Ja, na klar. Das ist bei den beiden schon noch hängen geblieben. Lupescu sagte später, dass dies der ein­zige wich­tige Elf­meter seiner Kar­riere gewesen, den er ver­schossen hätte. Und Heiko Herr­lich hat nichts mehr dazu gesagt.

Sie sind nach dem Spiel gegen Lever­kusen ins Finale gegen den dama­ligen Zweit­li­gisten Han­nover ein­ge­zogen. Und erneut kam es zum Elf­me­ter­schießen. In diesem Spiel konnten Sie jedoch nur den Schuss von Oliver Freund halten.

Das Halb­fi­nale war aus meiner Sicht super – da konnte ich mich aus­zeichnen. Im Finale jedoch dachte ich, dass werden die Jungs auf dem Feld schon schau­keln. Aber Han­nover war spie­le­risch besser und hatte die deut­li­cheren Chancen. Als es zum Elf­me­ter­schießen kam, war ich ziem­lich selbst­si­cher. Immerhin hatte ich mehr Infos über die Han­no­ve­raner als über die Lever­ku­sener. Doch wie das manchmal so ist: Es hat nichts genützt.

Daniel Klewer, Ersatz­tor­wart von Nürn­berg, hat neu­lich eben­falls vier Elf­meter im DFB-Pokal gehalten. Er sagte, dass er Kon­takt zu seinen Ver­wandten auf­nimmt. Was hören Sie beim Elf­meter?

Ich höre nichts, son­dern ver­lasse mich auf mein Bauch­ge­fühl. Dazu über­lege ich: Wer kommt als Schütze, habe ich den schon mal vom Elfer­punkt schießen sehen? Ist er Linksfuß oder Rechtsfuß – das sind für mich die ent­schei­denden Infor­ma­tionen.

Der­zeit sind Sie Tor­wart-Trainer bei der Borussia. Was geben Sie Ihren Kee­pern bezüg­lich Elf­meter-Situa­tionen mit auf den Weg?

Wir sam­meln viele Infor­ma­tionen über die Schützen. Zum Bei­spiel, wer welche Ecke bevor­zugt. Und wer wann zuletzt wohin geschossen hat. Das sind wert­volle Tipps für die Jungs.

Weiß Kasey Keller eigent­lich von der Pokal­nacht gegen Lever­kusen?

Ja, er weiß es. Schließ­lich haben wir uns das zusammen ange­schaut.

Wie war seine Reak­tion?

Er war sehr über­rascht. Das hat er mir wohl nicht zuge­traut (lacht).