Eins ist sicher: Klemen Pre­pelic hat schon bes­sere Tage erlebt. Knapp 15 Minuten stand der slo­we­ni­sche Bas­ket­baller auf dem Court, als seine Mann­schaft am Mitt­woch­abend im EM-Vier­tel­fi­nale über­ra­schend gegen Polen aus­schied. Allein das ist bitter genug. Pre­pelic selbst aber wies eine Plus-Minus-Sta­tistik von ‑17 vor. Das bedeutet, wäh­rend er auf dem Platz stand, war Slo­we­nien 17 Punkte schlechter als die Polen.

Würde man diese Sta­tistik auf den Fuß­ball über­tragen, käme Nico Schlot­ter­beck in nur wenigen Minuten Spiel­zeit auf einen im Fuß­ball ziem­lich miesen Wert von ‑2. Noch bit­terer: Diese zwei Tore reichten, dass Schlot­ter­beck und Borussia Dort­mund das Cham­pions-League-Spiel gegen Man­chester City nach seiner Ein­wechs­lung in der 78. Minute noch mit 1:2 ver­loren. Natür­lich wäre es viel zu ein­fach, die Nie­der­lage allein auf den Som­mer­neu­zu­gang der Borussen zu schieben. Schließ­lich standen noch zehn wei­tere BVB-Spieler auf dem Platz. Und doch führt kein Weg am Gedanken vorbei, dass das Unheil für Dort­mund mit der Ein­wechs­lung Schlot­ter­becks seinen Lauf nahm.

Fün­fer­kette ent­lastet die Außen­ver­tei­diger

Oder, genauer gesagt, mit der Umstel­lung Dort­munds auf die Fün­fer­kette. Es geht zwar am Kern des Pro­blems vorbei, den For­ma­ti­ons­wechsel als fal­sches Signal dafür zu deuten, sich jetzt nur noch auf die Defen­sive zu kon­zen­trieren. Denn an sich war die Umstel­lung nahe­lie­gend. City hatte bis dahin das Spiel extrem breit gemacht. Die Außen­spieler klebten von Beginn an an der Sei­ten­linie, für Dort­munds Vie­rer­kette zog das einen extrem hohen läu­fe­ri­schen Auf­wand nach sich. Wir haben ver­sucht, die Wege für unsere Flü­gel­spieler kürzer zu machen und unsere Außen­ver­tei­diger zu unter­stützen“, erklärte auch Trainer Edin Terzic. Das war vor allem not­wendig, weil zum Ende der Partie hin Ber­nardo Silva und Kevin de Bruyne die Außen­po­si­tionen für City besetzten und von dort das Spiel auf­zogen.

Außerdem schaffte es der BVB so, das Spiel der Citi­zens aus dem eigenen Straf­raum fern­zu­halten. Nur fünf Pässe ließ Dort­mund nach der Ein­wechs­lung Schlot­ter­becks im eigenen Straf­raum zu. Aller­dings zahlten die Borussen dafür einen hohen Preis. Der Ex-Frei­burger war für Stürmer Anthony Modeste gekommen und Dort­mund stellte auf 5−4−1 um. Donyell Malen ging in die Spitze, Jude Bel­lingham auf den rechten Flügel. Statt mit drei zen­tralen Mit­tel­feld­spie­lern agierte der BVB fortan also nur noch mit einer Dop­pel­sechs, was City vor dem Sech­zehner Platz ver­schaffte. Der eng­li­sche Meister bestrafte diese Frei­räume gna­denlos. Beim 1:0 durch John Stones standen sechs Dort­munder im eigenen Straf­raum, den Rück­raum aller­dings bewachte nie­mand. Neben Stones war dort auch Rodri völlig frei. Dass BVB-Keeper Alex­ander Meyer bei Stones Distanz-Kra­cher keine beson­ders glück­liche Figur machte, tat sein Übriges.

Citys indi­vi­du­elle Klasse ent­schei­dend

Auch beim zweiten Gegentor standen Dort­munds Sechser zu tief. Emre Can ließ Joao Can­celo zu viel Zeit für die Flanke, Erling Haa­land voll­endete. Den­noch: Rein auf die Fün­fer­kette wollte bei Dort­mund die Nie­der­lage nie­mand schieben. Wer die tak­ti­sche Umstel­lung als Grund nennt, sucht eine Aus­rede“, sagte Mats Hum­mels nach dem Spiel. Viel eher sei das Pro­blem gewesen, dass die Dort­munder zwei freie Bälle vor dem Tor zuge­lassen hatten, anstatt bis zur 95. Minute über die Grenze zu gehen.“ Auch Jude Bel­lingham nannte kör­per­liche und psy­chi­sche Erschöp­fung als Fak­toren.

Hatte der BVB das Spiel also wieder auf­grund der alten Men­ta­li­täts­pro­bleme aus der Hand gegeben? Auch das würde den Spiel­ver­lauf stark ver­ein­fa­chen. Ja, der BVB hätte beide Gegen­tore womög­lich ver­hin­dert, wenn er die Inten­sität so hoch­ge­halten hätte wie in der ersten Halb­zeit. Aber Dort­mund war auch nicht aus­ein­ander gefallen, hatte das Spiel nicht auf­ge­geben und hatte keine ein­fa­chen Tore kas­siert. Die Dort­munder zeigten Kampf­geist, hielten dagegen und hatten nach dem 1:2 ja sogar noch zwei halb­wegs aus­sichts­reiche Tor­chancen. Um gegen Man­chester City bestehen zu können, rei­chen Kampf, Willen, reicht sogar spie­le­ri­sche Klasse allein nicht aus. Das nötige Glück gehört dazu. Und das hatten in diesem Fall die Citi­zens. Beim Distanz­schuss von John Stones und noch mehr beim zweiten Treffer, wo erst Joao Can­celo den Ball mit dem Außen­rist vors Tor brachte und ihn Erling Haa­land dann in der Waag­rechten irgendwie mit dem Fuß ins Tor spit­zelte. Spie­le­risch her­aus­ra­gend, keine Frage. Aber ein sol­ches Tor gelingt selbst dem Nor­weger nicht in jedem Spiel.