Ihr habt keine Chance!“ Mit diesen Worten wurden Kol­lege Dirk Gie­sel­mann und ich zum Inter­view nach Gel­sen­kir­chen ent­lassen, wo wir uns mit Kevin Kuranyi treffen wollten. Kevin Kuranyi: das gebrannte Kind, das Inter­views scheut und, wenn es gar nicht anders geht, sich hinter Phrasen ver­schanzt. Manche machen sich erst gar nicht die Mühe, das so zu sehen. Für sie ist Kuranyi nur eins: ein Schnösel.

Haben wir wirk­lich keine Chance, ein inter­es­santes Inter­view zu Stande zu bringen, was und wie wir auch fragen?

Wir reden uns ein: Wer keine Chance hat, kann ja eigent­lich auch nicht ver­lieren. Na, dann. Auf geht´s nach Gel­sen­kir­chen.



Ein Nach­mittag unter dem Dach der Arena. Auf den leeren Rängen wischen Putz­frauen jeden ein­zelnen Auf­gang feucht durch. Wir stehen da und hau­chen kalte Luft in die rie­sige Mehr­zweck­halle. Denn es heißt: Warten auf Kuranyi. Diese Schnösel lassen ja gern mal auf sich warten, fahren lieber noch eine Runde in ihrem Cabrio ums Freibad. Pah. Diese jungen Leute. Früher war alles… 

… aber da ist er ja schon, pünkt­lich wie ein Maurer, die schwarze Woll­mütze so weit ins Gesicht gezogen, dass man nur seine blitz­weißen Zähne erkennt. Er grüßt freund­lich, kurzer Witz, lautes Lachen – haben wir etwa doch eine Chance?

Show­down am Handfön

Als der Foto­graf ihn bittet, die Mütze für die Fotos abzu­nehmen, zucke ich zusammen: Das war´s! Kuranyi wird gehen! Wir haben doch keine Chance! Kein Pro­blem! Mach ich“, sagt Kuranyi. Aber ich hab Müt­zen­haare.“ Er wolle sich nur noch kurz im Spiegel ansehen, sagt er und ver­schwindet auf die Toi­lette. Das kann dauern“, ächzt Gie­sel­mann und linst auf seine Uhr. Plötz­lich ertönt das Geräusch eines Föns. Unsere Blicke treffen sich. Hängt Kuranyi gerade wirk­lich unterm Handfön auf dem Män­nerklo? 

Als Kuranyi wie­der­kommt, grinst er noch breiter als zuvor. Hast du dich eigent­lich gerade unter den Handfön geklemmt?“, fragt ihn ein Schalker Offi­zi­eller. Ja, klar!“, smilet Kuranyi. Ist ein Schnösel, der weiß, dass er ein Schnösel ist, über­haupt noch ein rich­tiger Schnösel?

Die Fotos sind schnell gemacht, dann das Gespräch. Und Kuranyi zeigt uns, dass er deut­lich mehr ist als ein Mann mit poma­digem Haar und Mil­li­meter-Bart. Haare hat doch jeder! Und jeder muss sie sich irgendwie schneiden lassen“, sagt er zum gän­gigen Kli­schee des Fri­sur­fi­xierten. Ich bin alt genug, um ernst genommen zu werden.“ Er erzählt von seiner Kind­heit in Panama, die von Armut geprägt war, seinen Gast­el­tern im Schwarz­wald und seinem Leben als Spießer. Wie mies die Wochen nach dem Ende seiner Natio­nal­mann­schafts­kar­riere waren – und dass er immer noch hofft, dass Jogi ihn begna­digt. Von den Pfiffen auf Schalke. Seiner Freund­schaft zu Mario Gomez. Und den Tipps, die Klaus Fischer ihm gibt. Und immer wieder lacht er. Über sich und seine Geschichte.

Nach zwei Stunden sind alle Fragen beant­wortet. Daraus könnt ihr ja fast ein Buch machen“, sagt er zum Abschied. Das viel­leicht nicht, aber immerhin haben wir ein Inter­view. Ein Inter­view mit Kuranyi. DEM Kuranyi.

Auf dem Rückweg suchen wir krampf­haft nach etwas, das wir doof finden können: Am Inter­view, an der Begeg­nung, an Kuranyi sowieso. Wir suchen bis nach Berlin und finden nichts. Keine Chance.


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