Es kommt nicht oft vor, dass Ams­ter­damer Grund­schul­kinder abends im Bett liegen und die Nach­barn schreien hören. Jeden­falls nicht, weil diese gerade ein Tor des AFC Ajax feiern. Oder dass man am nächsten Tag auf­wacht, und an Bars noch die rot- weißen Fahnen hängen sieht. Die öffent­liche Ent­la­dung, die dem 4:1 im Ber­nabeu-Sta­dion folgte, ist inso­fern ein Grad­messer. Sie zeugen vom his­to­ri­schen Cha­rakter dieses Ach­tel­final- Rück­spiels. Und zwei­fellos auch davon, wie tief der Schmerz saß in Ams­terdam: dar­über, dass sich dieser stolze Klub ver­ur­teilt wähnte zu einem Dasein zwi­schen altem Ruhm und dau­er­hafter inter­na­tio­naler Zweit­klas­sig­keit.

Vor diesem Hin­ter­grund waren unmit­telbar nach dem Spiel nicht wenige geneigt, von einer Sen­sa­tion zu spre­chen. Real Madrid so ein­zu­schenken, aus­wärts und nach ver­lo­renem Hin­spiel! Den Seri­en­sieger der Cham­pions League nach allen Regeln der Kunst von der Matte zu fegen, in einem Spiel, so der Ams­ter­damer Fuß­ball-Literat Henk Spaan in der Zei­tung Het Parool, das aus Traum­bil­dern auf­ge­baut schien.“ Die Glück­se­lig­keit ist schon berech­tigt, keine Frage, und das Schwärmen ange­bracht. Doch wer sich daran macht, die Traum­bilder zu sezieren, kommt schnell dahinter, dass dieses Spiel kein Wunder war. 

Viel­leicht fängt man am Ende an, mit diesem uner­hörten Frei­stoß von Lasse Schöne aus viel zu spitzem Winkel. Ein Geschoss aus Wucht und Finesse, das Thibaut Cour­tois kom­lett düpierte und das mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit hinter ihm ein­schlug, die bemer­kens­wert ist. Hakim Ziyech, der Regisser, sagte später, Schöne habe ange­kün­digt: Ich schieß ihn aufs Tor!“ Die Art, wie er das tat zeigt: dieses Ajax war sich seiner eigenen Qua­li­täten sehr bewusst. 

Alles wie immer – oder?

An dieser Stelle bietet es sich an, einen Schritt zurück zu gehen, den Blick­winkel zu erwei­tern und fest­zu­halten: im Ber­nabeu trafen zwei Teams auf­ein­ander, deren Kurven in ent­ge­gen­ge­stetzte Rich­tungen ver­laufen. Das Real des Früh­jahrs 2019 geht den Weg aller großen Mann­schaften, die über ihren Zenit hinaus sind. In Ams­terdam dagegen hat man einmal mehr eine Gruppe von Spie­lern zusammen, die für die Zukunft viel ver­spricht – auch wenn der Weg, den sie zusammen zurück­legen, jetzt schon begrenzt ist: Frenkie de Jong wird im Sommer nach Bar­ce­lona wech­seln, und Mat­t­hijs de Ligt, der 19-jäh­rige Kapitän, könnte ihm folgen. 

Nicht wenige in Ams­terdam erin­nern sich in diesem Jahr an die Saison 2016 – 2017, als aus dem kon­tur­losen Nebel ver­meint­li­cher Abge­hängt­heit wieder ein junges und drauf­gän­ge­ri­sches Ajax auf­tauchte, das in der Europa League Schalke und Lyon nie­der­rang, ehe man im Finale von Man­chester United die Grenzen auf­ge­zeigt bekam. Danach griffen die Gesetz­mä­ßig­keiten der Branche.

Trainer Peter Bosz ging nach Dort­mund. Mit Davy Klassen, Dav­inson Sán­chez und Justin Klui­vert verlor man drei Schlüs­sel­spieler, und wieder einmal schien es, als folge jeder noch so kurzen Blüte des ruhm­rei­chen Ajax der sofor­tige Aus­ver­kauf und zwangs­läu­fige Neu­aufbau.