Die 20 Schüler, die im kargen Klas­sen­zimmer der Mount Plea­sant Aca­demy sitzen, hor­chen bei der Frage erschro­cken auf. Wer ihr Lieb­lings­fuß­baller sei. Bisher hatten sich die jamai­ka­ni­schen Fuß­ball­ta­lente, die neben dem Trai­ning an der Aca­demy auch einem ganz nor­malen Stun­den­plan folgen, ein­zeln neben ihr Pult gestellt, hatten artig ihren Namen, ihr Alter und ihre Posi­tion her­un­ter­ge­betet und sich wieder hin­ge­setzt. Jetzt werden sie nach ihrer eigenen Mei­nung gefragt. Und schon schwirren die Namen der größten Fuß­baller durch den Raum: Lionel Messi, Cris­tiano Ronaldo, N’golo Kante. Einer nennt Thomas Müller. Viel­leicht weil Gäste aus Deutsch­land im Raum stehen.

Chelsea lockt

Später laufen sie auf­ge­regt umher. Hier im Hin­ter­land Jamaikas hat ein Freund von Roman Abra­mo­witsch aus dem Nichts eine Fuß­bal­laka­demie auf­ge­baut. Die besten Talente, so heißt es, würden eines Tages vom FC Chelsea unter Ver­trag genommen werden. Alle anderen erhalten zumin­dest eine gere­gelte Schul­aus­bil­dung. Doch der Traum ist es, Messi, Ronaldo oder not­falls auch Thomas Müller auf der Welt­bühne zu folgen. Und Leon Bailey? Bei der Frage nach dem bekann­testen Fuß­baller des Kari­bik­staates fallen die Augen der Kinder auf den Boden. Jetzt wäre ihre Mei­nung schon wieder gefragt. Aber äußern will sich nie­mand. Ja ja, der Bailey wäre schon gut. Aber ein Vor­bild? Nicht wirk­lich.

In Jamaika herrscht dieser Tage ein Mei­nungs­krieg um den Namen Bailey. Mit­ten­drin: Craig Butler, der Adop­tiv­vater des Lever­ku­sener Profis. Wie ver­worren die The­matik ist, zeigt sich schon bei der Frage, in wel­chem Ver­hältnis Butler und Bailey zuein­ander stehen. Adop­tiv­vater? Wer hat euch das erzählt“, will Butler wissen. Nein, er sei schließ­lich der ein­ge­tra­gene Vater, und dabei solle man es belassen. Dass die guten Gene auch von ihm stammen könnten, steht ihm schließ­lich gut zu Gesicht. Der Erfolg seines (Adoptiv-)Sohns zieht auch die Kinder der rei­chen Fami­lien in But­lers eigene Fuß­ball­schule: die Phoenix All Stars Aca­demy.

Der Sama­riter

Wegen der Aca­demy, aus der Bailey her­vor­ging, steht Craig Butler im Clinch mit dem jamai­ka­ni­schen Fuß­ball­ver­band. Es geht darum, ob die Pro­fi­ver­eine seine Talente meiden oder, so wie es Ver­eins­ver­treter sagen, ob die Talente ein­fach nicht gut genug für den jamai­ka­ni­schen Pro­fi­fuß­ball seien. Wenn du dich umschaust, sieht du die gesamte Demo­gra­phie Jamaikas. Weiße, gemischt­far­bige und schwarze Jamai­kaner“, sagt Butler und blickt hin­unter auf das straf­raum­große Fuß­ball­feld, das er Aka­demie nennt. Er sieht sich als warm­her­ziger Sama­riter, der alle auf­nimmt und sich um jeden küm­mert. Wes­halb nach dem Trai­ning einige Kinder in seinen schweren Jeep springen und mit ihm nach Hause fahren.