Dietmar Hamann, alle habe sich auf den Cham­pions League-Kra­cher Liver­pool gegen Bayern gefreut. Aber das Hin­spiel war eher eine zähe Ange­le­gen­heit. Waren Sie ent­täuscht?
Nein, ent­täuscht möchte ich nicht sagen. Ich war ja oft genug selbst bei sol­chen Spielen mit dabei. Da sieht man nicht immer das große Spek­takel. Klar, es gab schon bes­sere Spiele als das vor vier Wochen. Aber man konnte die Span­nung förm­lich greifen.

Dabei war es unge­wöhn­lich ruhig im Sta­dion an der Anfield Road.
Stimmt. Das ist mir schon bei You’ll never walk alone“ vor dem Anpfiff auf­ge­fallen. Das wurde von den Fans nicht mit dieser Über­zeu­gung gesungen, wie ich es schon erlebt hatte.

Haben Sie eine Erklä­rung dafür?
Der FC Liver­pool befindet sich in einer ganz komi­schen Situa­tion. Man war in der ver­gan­genen Saison im Cham­pions League-Finale, hat zwi­schen­zeit­lich die Pre­mier League mit sieben Punkten ange­führt. Jetzt merkt man, dass es etwas zu ver­lieren gibt. Ins­ge­samt ist die Erwar­tungs­hal­tung größer geworden. Dazu kommt noch, dass man vor dem FC Bayern sehr großen Respekt hat. Das gilt auch für die Fans. 

Jürgen Klopp sprach nach dem 0:0 vom besten Unent­schieden, das man kriegen kann. Niko Kovac machte auch einen zufrie­denen Ein­druck. Wer hat denn nun die bes­seren Karten?
Bei einem 0:0 ist eigent­lich die Mann­schaft im Vor­teil, die beim Rück­spiel aus­wärts antritt. Du reist doch immer mit dem Selbst­ver­trauen an, min­des­tens ein Tor zu machen. Und wenn dir das gelingt, muss der Gegner im eigenen Sta­dion schon zwei Tore schießen. Aber diesmal ist das anders. Mich hat schon über­rascht, wie ideenlos Liver­pool in der Offen­sive war – ins­be­son­dere in der zweiten Halb­zeit. Die Mann­schaft hat sehr große Ehr­furcht gezeigt und die wird in Mün­chen noch größer sein. Bayern hat zuletzt 5:1 und 6:0 gewonnen, das hat man in Liver­pool regis­triert. Es läuft wieder. Beim FC Liver­pool stot­tert dagegen der Motor, auch wenn es am Wochen­ende einen 4:2‑Sieg gegen Burnley gab.

Hätten Sie gedacht, dass Niko Kovac die Bayern-Mann­schaft nach einer schwie­rigen Phase so schnell wieder in die Spur bringt?
Ehr­lich gesagt nein. Ich ziehe mein Hut vor Niko Kovac, wie er die Situa­tion gemeis­tert hat. Zumal man ja nicht das Gefühl hatte, dass Niko Kovac die unein­ge­schränkte Unter­stüt­zung sei­tens der Ver­eins­füh­rung erhielt. Aber er legte eine stoi­sche Ruhe an den Tag, hat nichts Ver­rücktes gemacht, son­dern blieb immer gelassen. Das über­trägt sich auf die Mann­schaft. Ich weiß nicht, ob ein anderer das auch so hin­be­kommen hätte. Der FC Bayern Mün­chen ist in einer Umbruch­phase – diese ganzen Welt­trainer wie Guar­diola, Zidane oder Mour­inho, die wollen doch keinen Umbruch coa­chen, son­dern eine Top-Mann­schaft haben.

Beim FC Liver­pool ist die Ent­wick­lung genau anders herum: mit dem Klopp­schen Vollgas-Fuß­ball eroberte man in der Vor­runde die Pre­mier League. Zwi­schen­zeit­lich betrug der Vor­sprung sieben Punkte. Jetzt ist man mit einem Zähler Rück­stand hinter Man­chester City auf Platz zwei. Kostet die Spiel­weise zu viel Kraft, vor allem in Anbe­tracht der vielen Spiele im eng­li­schen Pro­fi­fuß­ball?
In der ver­gan­genen Saison hat die Mann­schaft das ja auch gut hin­be­kommen und ist ins Cham­pions League-Finale ein­ge­zogen. Aber es fällt schon auf, dass Liver­pool sehr oft mit der selben Elf antritt – vor allem in der Offen­sive gibt es kaum Wechsel. Das kostet natür­lich Kraft. Aber ich denke, der psy­cho­lo­gi­sche Aspekt ist viel wich­tiger. Die Leich­tig­keit ist abhanden gekommen – weil eben das Gefühl da ist, dass es etwas zu ver­lieren gibt.

Was ist für die Liver­pool-Fans wich­tiger: die Meis­ter­schaft oder die Cham­pions League zu gewinnen?
Die Meis­ter­schaft. Die meisten Fans können sich noch an den letzten Cham­pions League-Sieg 2005 erin­nern, aber der letzte Meis­ter­titel liegt 29 Jahre zurück. 

Eng­lands Ex-Natio­nal­spieler Gary Neville hat Liver­pool emp­fohlen, sich aus der Cham­pions League zu ver­ab­schieden, um sich voll auf die Liga kon­zen­trieren zu können.
Das ist Unsinn. Ein Wei­ter­kommen gegen den FC Bayern würde dem Team im Rennen um die Meis­ter­schaft einen großen Schub ver­leihen, das würde die Chance auf den Meis­ter­titel erhöhen. So etwas gibt Selbst­ver­trauen.

Aber die zusätz­liche kör­per­liche Belas­tung auf­grund wei­terer Spiele.
Ich sehe darin eher einen posi­tiven Aspekt. Wenn die Spieler unter der Woche auch ran müssen, bleibt weniger Zeit zum Nach­denken. Letz­teres kann auch sehr viel Energie kosten.

Jürgen Klopp wird in Liver­pool immer noch ver­ehrt. Dabei hat er mit dem Klub noch nichts gewonnen.
Das ist eine gefähr­liche Situa­tion. Er genießt Hel­den­status, obwohl er den letzten Schritt über die Ziel­linie noch nicht gemacht hat. Jürgen Klopp ist jetzt in seinem vierten Jahr in Liver­pool, lässt attrak­tiven Fuß­ball spielen und kommt mit seiner emo­tio­nalen Art bei den Fans sehr gut. Aber jetzt muss er auch einmal einen Titel gewinnen. Sonst kann die Stim­mung auch schnell umschlagen. 

Als Sky-Experte hatten Sie Robert Lewan­dowski in der Woche vor dem Hin­spiel in Liver­pool kri­ti­siert. 
Mir hat vor allem sein Lamen­tiere, das Abwinken, die ganze Kör­per­sprache nicht gefallen. Das ist nicht för­der­lich – vor allem wenn man zwei junge Spieler wie Coman und Gnabry an seiner Seite hat. Auf die muss man als erfah­rener Spieler positiv ein­wirken. Gegen Liver­pool war es schwer für Lewan­dowski. Aber er hat für die Mann­schaft gear­beitet. Auch in den Spielen danach hat er gekämpft und Tore geschossen – wobei ich ihn nicht allein auf die Tore redu­zieren will. Wichtig ist, dass er für die Mann­schaft arbeitet. Und das tut er jetzt wieder. Um das aber klar­zu­stellen: ich würde nie behaupten, dass das mit meiner Kritik zu tun hat.

Sie wurden von den Bayern-Füh­rungs­riege wegen Ihrer Aus­sagen zu Robert Lewan­dowski heftig atta­ckiert. Hoeneß nannte sie einen Alles­bes­ser­wisser“.
Ist ja klar, dass die Ver­ant­wort­li­chen ihre Spieler ver­tei­digen. Aber das muss auf eine gewisse Art und Weise pas­sieren. Für per­sön­liche Atta­cken habe ich kein Ver­ständnis.

Man hat das Gefühl, dass die Bayern-Oberen beson­ders emp­find­lich sind, wenn ehe­ma­lige Spieler Kritik äußern.
Ich fühle mich meinem Sender und den Zuschauern gegen­über ver­pflichtet, das zu sagen, was mir auf­fällt – egal ob ich mal für den FC Bayern gespielt habe oder nicht.

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rum­me­nigge sind die Gesichter des FC Bayern Mün­chen. Beim FC Liver­pool kennt man abseits des Spiel­felds außer Jürgen Klopp nie­manden.
Der Klub hat ame­ri­ka­ni­sche Besitzer. Und die halten sich im Hin­ter­grund und lassen die Leute vor Ort machen – im Unter­schied zu vielen anderen nega­tiven Bei­spielen in der Pre­mier League. Die Fans in Eng­land haben sich an die aus­län­di­schen Eigen­tümer gewöhnt. Das tut ihrer Liebe zum Fuß­ball keinen Abbruch. Sie wollen sehen, dass mit ihrem Verein weiter nach vorne geht und alles dafür gemacht wird.

Beim FC Bayern hat zuletzt die Aus­boo­tung von Hum­mels, Boateng und Müller für Unruhe gesorgt. Auch die Spieler haben Ihren Unmut geäu­ßert. 
Sie haben allen Grund dazu. Sport­lich kann man über Löws Ent­schei­dung dis­ku­tieren, aber der Stil und der Zeit­punkt – das geht nicht. Wenn, dann hätte der Bun­des­trainer im Sommer einen Schnitt machen können.

Im Spiel gegen Wolfs­burg hatte man bei den Betrof­fenen den Ein­druck hatte, dass Löws Ent­schei­dung sogar leis­tungs­stei­gernd wirkte. 
Das hat Jogi Löw sicher nicht des­wegen gemacht – aber ich hatte auch den Ein­druck, dass das ein Neben­ef­fekt ist. 

Beim Hin­spiel in Liver­pool haben sich beide Teams auf hohem Niveau neu­tra­li­siert. Was erwarten Sie am Mitt­woch für ein Spiel? 
Ich glaube, dass es eher wieder ein Tak­tieren als ein Offen­siv­spek­takel geben wird. Und das spielt den Bayern mehr in die Karten. Für sie spricht auch ihre grö­ßere Erfah­rung. Ins­ge­samt sehe ich den FC Bayern Mün­chen im Vor­teil.