Tor­wart: Tim Wiese
Bestimmt hat es in der Geschichte des Fuß­balls bes­sere Tor­hüter gegeben als Tim Wiese. Aber diese Top11 ist schließ­lich eine sehr sub­jek­tive Rang­liste, also greife ich auf Spieler zurück, mit denen ich eine per­sön­liche Geschichte ver­binde. Tim Wiese nahm ich das erste Mal in Wer­ders Meis­ter­saison 2003/04 wahr. Wiese spielte da noch für den 1. FC Kai­sers­lau­tern. Beim Aus­wärts­spiel der Lau­terer in Bremen saß ich aus­nahms­weise auf der Haupt­tri­büne, die Plätze hatte es als ein­ma­lige Dau­er­kar­ten­prämie gegeben. Unglaub­lich, wie der Mann den Hass des Weser­sta­dions auf sich zog wie ein Honig­topf die Bienen. Bei jeder noch so harm­losen Aktion hallte Wiese, Du Arsch­loch“ durchs Rund, am Ende war der Hohn noch lauter, weil Ailton kurz vor Schluss einen Elf­meter zum ent­schei­denden 1:0 ein­schieben konnte und Wiese Gift und Galle spie. Eine Geschichte, die ich bis heute nach jedem dritten Pils erzähle: Wie Wiese in jenem Spiel eine Ver­let­zungs­pause seines Mit­spie­lers nutzte, um im Voll­sprint zu seinen Betreuern zu hetzen. Nicht etwa, um Wasser zu trinken oder sich um den ver­sehrten Kol­legen zu küm­mern. Son­dern um sich im Spiegel des Medi­zin­kof­fers die Haare zu richten. Den Mann musste man ein­fach hassen.

Dann wech­selte Wiese zu Werder. Und aus Hass wurde Liebe. Wenn Wiese mal wieder in sämt­li­chen Sta­dien des Landes mit einem Anus ver­gli­chen wurde, kra­kelten wir nur noch umso lauter Wiese, Wiese, Wiese“. Der Mann war rein äußer­lich noch immer ein auf­ge­pumpter Proll mit rosa Trikot und Schmalz­haar – aber er war jetzt unser Proll. Und Wieses Spiel­weise passte wie Arsch auf Eimer zum SV Werder dieser Zeit: An man­chen Tagen war er schier unglaub­lich gut, an anderen leis­tete er sich Fehler, die guten Stoff für Hor­ror­filme abgaben. Einmal hat er mich damit übri­gens vor einer Dumm­heit gerettet. 2006 spielte Werder im Cham­pions-League-Ach­tel­fi­nale gegen Juventus Turin. Das Hin­spiel hatte Bremen mit 3:2 gewonnen, im Rück­spiel stand es zur Halb­zeit 1:0 für uns. Ich hatte keine Karte für das Spiel in Turin bekommen und sah die Partie zusammen mit meinem besten Kumpel in der Glotze. Eupho­ri­siert von der Pau­sen­füh­rung glück­seelte ich: Wenn Werder ins Vier­tel­fi­nale kommt, lasse ich mir die Raute übers Herz täto­wieren!“ In der 88. Minute rollte sich der bis dahin famose Tim Wiese nach einer abge­fan­genen Flanke so unnötig ab, wie es eben nur Tim Wiese hin­bekam, verlor die Pille und Emerson staubte ab. Werder war draußen. Und ich bin bis heute Tattoo-frei. Danke, Tim.

Rechts­ver­tei­diger: Billy Wright
Ich habe Wil­liam Ambrose Billy“ Wright nie spielen gesehen. Ich war zehn Jahre alt, als er starb. Aber für mich wird er immer einer der besten Abwehr­spieler sein, die es jemals gegeben hat. Das hat vor allem mit der Bio­grafie von Uwe Seeler zu tun, mit der ich mir einst als Grund­schüler das Fun­da­ment für meine Liebe zum Fuß­ball goss (siehe unten). Uns Uwe erzählt da, wie er gleich in seinem zweiten Län­der­spiel gegen Eng­land antreten musste und sich dabei als junges Wild­pferd die Zähne am eisen­harten Außen­läufer“ Billy Wright aus­biss. Wie Uwe den ker­nigen Briten“ (Jahr­gang 1942) damals beschrieb, gab es für mich keinen Zweifel, dass es unmög­lich gewesen sein musste, einen direkten Zwei­kampf mit diesem omi­nösen Fuß­baller zu gewinnen. Des­halb gehört er in meine Lieb­lingself. Ruhe er in Frieden.

Libero: Franz Becken­bauer
Eigent­lich total lang­weilig Franz Becken­bauer in diese Liste auf­zu­nehmen. Aber als gelernter Libero führt kein Weg vorbei am Über-Libero der Fuß­ball-Geschichte. Wobei ich leider nie annä­hernd diese kai­ser­hafte Ele­ganz erreichte wie der Franz. Auf und neben dem Platz. Wäh­rend Becken­bauer mit durch­ge­streckten Rücken über den Rasen schwebte (hat eigent­lich jemals einer seiner Stollen einen Abdruck hin­ter­lassen?) und seine Mit­spieler kon­se­quent mit feinen Außen­ris­t­pässen bediente, ackere ich bis heute über Kunst­rasen, Asche und manchmal Gras wie eine Mischung aus Wasch­ma­schine und Arbeits­pferd mit Hüft­schaden. Und wäh­rend Becken­bauer selbst auf Weih­nachts­partys gezeugte Kinder so galant erklärt, als han­dele es sich um einen beschwipsten Flirt („Der liebe Gott liebt alle seine Geschöpfe!“), gelingt es mir auch abseits des Platzes nicht immer, das Wasch­ma­schinen-Image abzu­streifen. Trotz dieser ekla­tanten Unter­schiede: Der Kaiser und ich sind Brüder im Geiste. Liberos. Stets mit dem Spiel­feld und 20 Fuß­bal­lern im Blick. Ich meine ja, dass Fuß­ball-Liberos dieses Libero-Denken auch in den Alltag über­nehmen können. Die Sicht aufs Ganze. Die dann zur Not eben zur Stelle sind und die Dinge wieder zum Laufen bringen. Wenn mir das doch nur auch so gut gelingen würde wie dem Kaiser.

Links­ver­tei­diger: Aldair
Schon komisch, dass diese Liste voll ist von Spie­lern, die der Autor wenig bis gar nicht aktiv spielen sah. Aber was Fuß­ball betrifft, war ich schon immer ein Meister der nost­al­gi­schen Erklä­rung. Bestes Bei­spiel: Zum runden Geburtstag eines ehe­ma­ligen Schalke-Spie­lers schrieb ich ein Por­trait, für das die Bezeich­nung Jubel­stück“ noch unter­trieben wäre. Die Leser mussten den Ein­druck bekommen, dass es sich um den besten Men­schen der Welt han­dele. Später erfuhr ich von einem seiner ehe­ma­ligen Mit­spieler, dass besagter Spieler ein Rie­senarsch­loch sei.

Ob Aldair ein Rie­senarsch­loch ist, weiß ich nicht. Ich kann es mir jeden­falls nicht vor­stellen. Die wenigen Male, die ich ihn früher bei Laola“ oder Euro­goals“ sah, hin­ter­ließen jeden­falls einen blei­benden Ein­druck. Wenn ich heute an Aldair denke, dann bin ich mir noch immer ziem­lich sicher, dass der kan­tige Bra­si­lianer auch fah­rende Last­wagen abgrät­schen konnte, ohne sich dabei auch nur einen blauen Fleck zu holen. Ich stelle mir vor, dass sich Genera­tionen von Stür­mern einst ein­ge­nässt haben, weil sie wussten, dass sie gleich gegen Aldair spielen mussten. Viel­leicht hat sich das ja längst ver­schoben, aber das Ver­tei­diger-Bild, mit dem ich auf­wuchs, ver­mit­telte den Ein­druck, dass Abwehr­spieler genau das zu tun haben: Zur Not Last­wagen abgrät­schen und Stürmen Angst machen. Also orderte ich vor einer halben Ewig­keit ein AS-Rom-Trikot und bezahlte extra ein paar Mark mehr, um Ald­airs Namen auf dem Rücken zu tragen. Das Trikot kam dann bald, aller­dings ohne Namen. Ledig­lich ein zehn Zen­ti­meter langer schwarzer Streifen ist auf der Rück­seite übrig geblieben. Viel­leicht hatte Aldair die Buch­staben im letzten Moment noch abge­grätscht.

Vor­stopper: Uli Borowka
Am 10. Juni 1995 war ich das erste Mal im Weser­sta­dion. Es war der 33. Spieltag, Werder spielte zu Hause gegen den KSC und gewann mit 2:1. Die Meis­ter­schaft war zum Greifen nahe, aber das war mir damals gar nicht so bewusst. Selbst­ver­ständ­lich war ich fas­zi­niert vom Erlebnis Sta­dion. Mein Vater, ein Mann, der weniger mit Fuß­ball zu tun hat als Mario Basler mit Inline-Hockey, hatte Karten für die Haupt­tri­büne besorgt. Vor dem Spiel wurden Andy Herzog und Otto Reh­hagel ver­ab­schiedet. Otto wurde nach dem Schluss­pfiff von einem kleinen bul­ligen Mann auf Schul­tern getragen. Der kleine bul­lige Mann heulte wie ein Schloss­hund. Jahre später sah ich den Namen dieses Spie­lers wieder: Auf dem frisch erstan­denen Trikot eines Werder-Kum­pels, der sich seinen Lieb­lings­spieler fei­er­lich vor dem Ost­kurven-Saal aufs Leib­chen hatte stampfen lassen. Es war erstaun­lich: Es gab keinen Werder-Fan, der nicht begeis­tert, wenn nicht gar eupho­risch von den Hel­den­taten des kleinen bul­ligen Mannes berichten konnte. Wäh­rend ich auf unzäh­ligen Aus­wärts­fahrten diesen Hel­den­ge­schichte lauschte, war der Held dabei, sein Leben zu zer­stören. Aber das konnte ich damals nicht wissen. Dann, wieder viele Jahre später, traf ich den kleinen bul­ligen Mann zum Inter­view in Berlin. Aus diesem ersten Gespräch wuchs schließ­lich ein Buch. Ich konnte das kaum glauben: der Held von früher saß bei mir im Wohn­zimmer und erzählte vom Dasein als Anti-Held. Vor kurzem stand ich schließ­lich mit ihm gemeinsam auf dem Platz. Wir spielten auf einem etwas her­un­ter­ge­kom­menen Asche­platz einer Jugend­ar­re­st­an­stalt. Im Finale gegen über­mo­ti­vierte Insassen gewann ich einen Zwei­kampf und holzte den Ball blind nach vorne. Neben mir brüllte Uli Borowka: Suuuuuper, Alex!“ Was soll jetzt eigent­lich noch kommen?

Offen­sives Mit­tel­feld: Johan Micoud
In der 11FREUNDE-Redak­tion hat jeder Kol­lege einen Fuß­baller bzw. ein Thema, das ihm so sehr am Herzen liegt, das es ständig Teil seiner Arbeit ist. Kol­lege A. etwa kann nicht auf­hören, Charly Dörfel zu preisen. Wenn Charly Dörfel nicht gerade mal wieder zum Inter­view ver­haftet wird, taucht Charly Dörfel im Inter­view mit einem anderen Fuß­baller auf oder wird geschickt in einer der Repor­tagen von A. unter­ge­bracht. Mein Charly Dörfel heißt Johan Micoud. Dem werde ich auf ewig dankbar sein und preisen, weil er mich aus dem tristen Dasein als Fan einer mit­tel­mä­ßigen Grauen-Maus-Truppe befreite. Bevor Micoud zu Werder wech­selte, glich der Gang ins Weser­sta­dion dem regel­mä­ßigen Kaffee-und-Kuchen-Besuch bei der unsym­pa­thi­schen Groß­tante, deren Couch­gar­nitur immer nach alt müf­felte. Es half ja nichts, man ging da hin, schließ­lich war man irgendwie mit­ein­ander ver­bunden.

Micoud kam zu Werder wie der neue Mann in Groß­tantes Leben, der früher mal 40 Jahre lang als Kapitän die Welt­meere bereist hatte, zeit­weilig König von Meso­po­ta­mien war, Muhammad Ali mal das Leben gerettet hatte und nun davon bei jedem Kaffee-und-Besuch erzählte. Micoud machte Werder span­nend und auf­re­gend, neu und fas­zi­nie­rend. Aus nerdigen Schulhof-Mit­läu­fern wurde die coolste Gang des Jahr­gangs. Die mit den hüb­schen Mäd­chen aus der Ober­stufe und dem Par­ty­keller mit Zapf­an­lage. Wobei: Johan Micoud gehört heute ein eigenes Weingut. Ich habe bestimmt schon so häufig ver­sucht, mich mit Micoud inmitten seiner Reb­stöcke zu ver­ab­reden, wie Kol­lege A. Charly Dörfel inter­viewt hat. Leider bis­lang erfolglos. Wäre einer so nett, und würde mir diese Zeilen bitte auf Fran­zö­sisch über­setzen?

Defen­sives Mit­tel­feld: Lothar Mat­thäus
Müsste ich ein Tor nennen, dass mich noch heute in Ekstase ver­setzt, dann wäre es jene Bude, die Lothar Mat­thäus bei der WM 1990 gegen Jugo­sla­wien schoss. Nicht das 1:0 mit links (das eben­falls fan­tas­tisch war). Son­dern den knall­harten Flach­schuss nach einem Sprint über das halbe Spiel­feld. Mat­thäus machte damals nicht einen Trick auf dem Weg zum Tor. Keinen Über­steiger. Keinen Hackentrick. Nichts. Er war ein­fach schneller und dyna­mi­scher und härter als seine Gegen­spieler. Sein Schuss war von sol­cher Geschwin­dig­keit und Prä­zi­sion, dass ich für die Beschrei­bung eines meiner liebsten Adjek­tive aus dem Gift­schrank holen möchte: glas­hart. Co-Kom­men­tator Otto Reh­hagel rief damals ver­zückt: Welt­klasse! Welt­klasse! Ein­malig! Ein­malig!“ Mit diesem Tor bin ich auf­ge­wachsen. Genauso mit dem Bild des den Welt­pokal in die Höhe hebenden Lothar Mat­thäus. Kein dümm­li­ches Inter­view, keine pein­liche Lie­bes­ge­schichte, keine unnö­tige Fern­seh­sen­dung wird mir jemals dieses erha­bene Gefühl der Lothar­schen Glo­ri­fi­zie­rung ver­miesen können. Mat­thäus bleibt für mich der King.

Offen­sives Mit­tel­feld: Mara­dona
Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als ich irgendwo las, dass der SSC Neapel einst 24 Mil­lionen DM für Diego Mara­dona bezahlt hatte. 24 Mil­lionen Mark! Der sieben- oder acht­jäh­rige Alex Raack hätte schwören können, dass nie wieder so viel Geld für einen Fuß­baller bezahlt werden würde. Das hat sich bekannt­lich geän­dert, jeder dritt­klas­sige Schotte wird heute für diese gera­dezu lächer­liche Summe durch die Pre­mier League trans­fe­riert. An meiner Fas­zi­na­tion für Mara­dona hat das nichts geän­dert. Natür­lich nicht. Lassen wir die Dis­kus­sionen, wer denn nun der beste Fuß­baller der Welt war. Für mich ist Diego ein­fach DER Fuß­baller der Fuß­ball-Geschichte. Wenn in 1000 Jahren unsere Nach­fahren auf einem lang­wei­ligen Space­ship-Aus­flug auf dem Mars (viel­leicht zur Groß­tante) über Fuß­ball spre­chen, dann werden sie von Diego Mara­dona spre­chen. Nicht nur, weil er so ein unglaub­li­ches Talent besaß. Son­dern weil der Mann so eine fas­zi­nie­rende Gestalt war. Mit so viel Höhen und Tiefen, dass es für 30 Leben reicht. Mit ganzen LKW-Flotten voller Anek­doten. Und weil der Kerl mehr bewegt hat bei den Men­schen, als nur die Hände zum klat­schen. Vor vielen Jahren gerieten mal zwei argen­ti­ni­sche Kriegs­re­porter in die Hände von Saddam-Hus­sein-treuen ira­ki­schen Sol­daten und rech­neten mit dem sicheren Tod. Dann blaffte einer der Iraker: Wo kommt ihr her?“ und die Reporter ant­wor­teten: Argen­ti­nien!“. Argen­ti­nien?“, riefen die Iraker. Mara­dona!“ Die Jour­na­listen wurden laufen gelassen.

Jair­z­inho
Meinen Hang zur nost­al­gi­schen Ver­klä­rung habe ich ja bereits erläu­tert. Was mög­li­cher­weise auch damit zu hat, dass ich meine ersten Taschen­geld-Pfen­nige sparte, um damit auf Floh­märkten abge­grif­fene Fuß­ball-Alma­nache aus längst ver­gan­genen Zeiten zu kaufen. Einer meiner besten Käufe ist bis heute ein Dop­pel­band über die WM 1974, im Bücher­regal gut erkennbar am schwarz-rot-gol­denen Buch­rü­cken. Bra­si­lien spielte bei diesem Tur­nier bekannt­lich nur eine Neben­rolle. Jair­z­inho hat es trotzdem geschafft, sich ledig­lich über Stand­bilder in mein Herz zu spielen. Sahen die deut­schen Kicker 1974 aus wie der etwas zu sehr behaarte Gast­wirt aus der Eck­kneipe, war Jair­z­inho eine opti­sche Erschei­nung: Rie­senafro gepaart mit dem sen­sa­tio­nell schönem blauen bra­si­lia­ni­schen Aus­wärts­trikot. So hätte ich gerne aus­ge­sehen. Aber ich war zu jung, zu weiß, zu wenig Bra­si­lianer und Fuß­baller. Jair­z­inho wurde mein erster Fuß­ball-Pop­star.

Ein paar Seiten weiter ist das Frei­stoßtor von Rive­linho gegen die DDR fest­ge­halten. Jair­z­inho hatte sich damals in die Mauer der ver­dutzten Ost­deut­schen gezwängt und just in dem Moment fal­len­ge­lassen, als Rive­linho gegen den Ball trat. Durch die Lücke flog der Ball ins Tor. Für mich ist das noch immer der beste Frei­stoßtrick aller Zeiten. Ich habe anschlie­ßend natür­lich ver­sucht, Jair­z­inho nach­zu­ma­chen. Doch ein Afro ist mir bis heute nicht gelungen. Und beim Ver­such, den Frei­stoßtrick nach­zu­ahmen, schoss mir ein Mit­spieler einst den Ball volles Pfund in die Eier. Immerhin habe ich mir vor Jahren das sen­sa­tio­nell schöne Bra­si­lien-Trikot von der WM 1974 gekauft. Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich ver­sucht, es mal wieder anzu­ziehen. Ich passe nicht mehr rein.

Ailton
End­lich mal ein Spieler, den ich des­halb in diese Liste berufe, weil ich seine Kunst live habe erleben dürfen. In der Saison 2003/04 war Ailton der beste Stürmer der Welt. Min­des­tens. Er schoss 28 Tore und Werder damit zur Meis­ter­schaft. Als Krö­nung hob er im ent­schei­denden Spiel gegen den FC Bayern den Ball mit der Innen­seite über Oliver Kahn hinweg ins Tor, als sei das nicht der beste Tor­hüter der Welt (min­des­tens), son­dern ein schla­fender Zeug­wart. Kleines dickes Ailton war in diesen Jahren ein­fach fan­tas­tisch. Super-Stürmer hatten eigent­lich aus­zu­sehen wie 100-Meter-Sprinter, Ailton sah meis­tens aus wie Homer Simpson. Was ihn außerdem für meine ganz per­sön­liche Lieb­lingself qua­li­fi­ziert: Der Mann macht mich glück­lich. Selbst als er vor einigen Jahren ins Dschun­gel­camp einzog und sich damit erneut der Lächer­lich­keit preisgab, sah er zufrieden aus. Ailton war noch etwas dicker, saß auf einem Pferd und ritt durchs Nir­gendwo der TV-Pein­lich­keit. Gemeinsam mit einem Trupp Papp­nasen, die man früher im Sta­dion der Gesell­schaft zuliebe ver­hauen hätte. Er grinste trotzdem wie ein Honig­ku­chen­pferd. Da wusste ich: Die Saison 2003/04 wird sich Ailton nie­mals nehmen lassen. Der Glück­liche.

Uwe Seeler
Die Bezie­hung zwi­schen Uwe Seeler und mir ist sehr spe­ziell. Jeden­falls für mich. Ich muss in der dritten Klasse gewesen sein, als der über die Dörfer tin­gelnde Bücherbus als kleine Image­kam­pagne Säcke voller Bücher in unserer Schule aus­kippen ließ und wir ein­ge­laden wurden, uns eines aus­zu­leihen. Das Buch mit dem haar­losen Mann in Seit­fall­zieher-Hal­tung sprang mir direkt ins Auge. Es war die 1965 erschie­nene Bio­grafie von Uwe Seeler, zuletzt aus­ge­liehen im Herbst 1978. Ich befand mich in den begin­nenden neun­ziger Jahren und nahm das Buch mit nach Hause. Nach drei Wochen fuhr meine Mutter zur Schule und bat inständig darum, dass ihr Sohn diese Bio­grafie behalten könne. Bis dahin hatte ich sie näm­lich zehnmal gelesen. Ich wusste alles über Uwes Leben bis zum Jahr 1965. Ich kannte die Namen seiner Frau, seiner Kinder, seiner Familie, seines ersten Chefs am Ham­burger Hafen. Konnte die Hoch­zeits­torte exakt beschreiben. Wusste um die innige Freund­schaft zu Klaus Stürmer und die bei­der­sei­tige Lei­den­schaft für Bock­würst­chen.

Ein Fuß­baller, der knapp zehn Jahre vor meiner Geburt seine Kar­riere beendet hatte, wurde zu meinem großen Idol. Ich traf ihn das erste Mal bei einem Spiel seiner Tra­di­ti­onself in Mei­ßen­dorf, einem Kaff bei Celle. Mein Vater und ich war­teten eine Stunde im Regen, bis Uwe end­lich aus der Kabine kam. Dann gab er mir ein Auto­gramm in sein/​mein Buch. Das brachte ich Jahre später wieder mit, als ich ihn inter­viewen durfte. Uwe lächelte. Und ich war wieder in der dritten Klasse.