Nii Lamptey, wenn all die Pro­phe­zei­ungen ein­ge­troffen wären, würden wir hier und jetzt auf Ihre glanz­volle Kar­riere zurück­bli­cken.
Das muss aus­fallen. Dar­über bin ich selbst am trau­rigsten, glauben Sie mir.

In den frühen Neun­zi­gern galten Sie als der kom­mende Super­star des Welt­fuß­balls. Bei der U 17-WM 1991 wurden Sie vor Ales­sandro del Piero zum Spieler des Tur­niers gewählt. Pelé rief Sie sogar zu seinem legi­timen Nach­folger aus.
Ja, ich erin­nere mich noch gut an diese Zeit. Zunächst sah es so aus, als könnte ich den Erwar­tungen gerecht werden. Ich hatte mit 15 Jahren mein Debüt für den RSC Ander­lecht in der bel­gi­schen Liga gegeben, mit 19 wurde ich Tops­corer bei PSV Eind­hoven in den Nie­der­landen. Mir wäre nie­mals in den Sinn gekommen, dass damit meine größten Erfolge schon hinter mir lagen.

Von Eind­hoven wech­selten Sie zu Aston Villa, dann gleich weiter nach Coventry, nach Venedig – ins­ge­samt spielten Sie für zehn Ver­eine auf vier Kon­ti­nenten, doch nir­gends machten Sie mehr als zehn Spiele. Was lief da schief?
Ich wurde nicht als Mensch behan­delt, son­dern als Ware. Aber erst 1997, nachdem ich inner­halb von vier Jahren für fünf ver­schie­dene Klubs gespielt hatte, begann ich mich zu fragen: Wie soll ich mich bloß durch­setzen, wenn ich vor jeder Saison woan­ders hin­ge­schickt werde? Was ist los? Dann fand ich heraus, dass die Trans­fer­rechte an mir nicht bei einem Klub lagen, son­dern bei einem Spie­ler­ver­mittler.

Wie waren Sie an ihn geraten?
Ein paar Jahre zuvor hatte er mir Geld gegeben, es war nicht viel, aber ich brauchte es. Dafür musste ich ein Papier unter­zeichnen, das er mir hin­hielt. Was darauf geschrieben stand, wusste ich nicht, ich konnte ja nicht lesen. Heute weiß ich: Es war der ver­dammte Ver­trag, der mich für lange Zeit an ihn fes­selte. Er ver­kaufte mich immer weiter, ohne mir davon zu erzählen. Und jedes Mal ver­diente dieser Teufel Geld.

Warum haben Sie ihn nicht ver­klagt?
Ich wusste nicht einmal, dass das mög­lich ist! Und selbst wenn, wäre da immer noch das Sprach­pro­blem gewesen. Mein Eng­lisch war damals noch sehr schlecht. Wissen Sie, mit meiner Bil­dung ist es nicht weit her. Ich kann mich noch nicht mal an den Namen meiner Schule erin­nern, so selten war ich dort. Ich habe immer nur Fuß­ball gespielt.

Haben Ihre Eltern sich nicht darum geküm­mert, dass Sie zum Unter­richt gehen?
Mein Vater war ein gewalt­tä­tiger Alko­ho­liker! Er drückte Ziga­retten auf meiner Haut aus, er schlug mich mit dem Gürtel. Ich habe aus Angst vor ihm wochen­lang unter par­kenden Autos über­nachtet. Als er her­aus­fand, dass ich ein guter Fuß­baller war, hatte ich die Hoff­nung, dass er mich in Zukunft besser behan­deln würde. Doch wenn er unzu­frieden mit meiner Leis­tung war, miss­han­delte er mich wie eh und je.

Wie sind Sie Ihrem Vater ent­kommen?
Nach der U 16-WM 1989 bekam ich einen Bonus vom Ver­band. Mit dem Geld bezahlte ich einen Taxi­fahrer, der mich illegal nach Nigeria brachte. Wir pas­sierten drei Grenzen, ich lag die ganze Zeit im Kof­fer­raum. In Lagos traf ich Ste­phen Keshi, der damals ein Star des afri­ka­ni­schen Fuß­balls war und in Europa spielte. Er gab mich als seinen Sohn aus, besorgte mir einen Pass, und gemeinsam flogen wir nach Bel­gien. In dem Pro­be­trai­ning, das er für mich bei seinem Klub RSC Ander­lecht orga­ni­siert hatte, spielte ich, als ginge es um mein Leben.

Kein ganz unpas­sender Ver­gleich.
Ich war jeden­falls über­glück­lich, als ich hörte, dass der RSC mich tat­säch­lich haben wollte. Wenn ich den Ver­trag mit den Leuten vom Klub gemacht hätte und nicht mit dem Spie­ler­ver­mittler, wäre alles anders gekommen.

Bedenkt man Ihre Her­kunft, haben Sie es weiter gebracht als die meisten anderen, auch wenn Sie es nicht bis nach ganz oben geschafft haben.
Viel­leicht hätte Pelé mich nicht so unter Druck gesetzt, viel­leicht hätten sich die Trainer stärker für mich ein­ge­setzt, wenn sie mein Schicksal gekannt hätten. Viel­leicht hätte ich auch mehr von mir erzählen müssen. Aber ich war noch ein Kind damals. Die euro­päi­sche Kultur, der Pro­fi­fuß­ball, die vielen Städte, in die ich kam – all das war zu viel für mich.

Können Sie sich noch an Fürth erin­nern, wo Sie von 1999 bis 2001 spielten?
Ja, dort war ich wieder ganz gut in Form, schoss sogar ein paar Tore. Trotzdem war auch meine Zeit in Deutsch­land keine glück­liche. Damals starb meine Tochter Lisa. Es war der zweite Schick­sal­schlag, nachdem in Argen­ti­nien mein Sohn Diego an der­selben Krank­heit, einem Lun­gen­de­fekt, gestorben war.

Liegt ein Fluch über Ihrem Leben, Nii Lamptey?
Es gab Zeiten, da habe ich gedacht, dass irgendwer mir Böses will, weil meine Frau Mit­glied eines anderen Stammes ist. Oder weil ich zum Islam kon­ver­tiert war, um in Accra für einen bestimmten Verein spielen zu dürfen. Ich hatte viele Theo­rien im Kopf, die mir erklären sollten, warum alles schief ging. Heute glaube ich: Es war ein­fach nur Pech. Sehr großes Pech.

Das klingt erstaun­lich gelassen. Wie geht es Ihnen heute?
Gut. Ich habe neue Ziele. In Accra habe ich eine Fuß­ball­schule gegründet. Mir ist wichtig, dass wir hier neben dem Trai­ning auch etwas für die Bil­dung der Kinder tun. Sie sollen vor­be­reitet sein auf das, was auf sie zukommt. Nie­mand soll sie mehr als Ware behan­deln können.