Der Duden beschreibt die Men­ta­lität als eine beson­dere Art des Den­kens und Füh­lens“. Inso­fern ist feh­lende Men­ta­lität“ sicher das Letzte, was man Marco Reus vor­werfen konnte, als er am Sonn­tag­abend nach dem 2:2 des BVB vor die Kameras trat. Viel­mehr erwies sich Reus als aus­ge­spro­chenes Men­ta­li­täts­monster“, ein Begriff, der in der Regel eher mit Ein­tracht Frank­furt, dem Dort­munder Gegner, in Ver­bin­dung gebracht wird. 

Auf die Frage des bedau­erns­werten Repor­ters Ecki Heuser, ob es beim selbst­er­nannten Meis­ter­schafts­kan­di­daten immer noch“ an der Men­ta­lität fehle, ging der BVB-Kapitän umge­hend steil: Das geht mir so auf die Eier mit euch, mit eurer Men­ta­li­täts­scheiße. Ganz ehr­lich, also…“ Beson­ders schön dabei der nach­ge­scho­bene Satz („Ganz ehr­lich, also…“), bei dem man nicht genau wusste, ob er den vor­ge­nannten Kraft­aus­druck („M‑Scheiße!“) abfe­dern oder eher andeuten sollte, dass man die Aus­ein­an­der­set­zung bei fort­ge­setztem Wider­spruch auch draußen vor der Tür fort­setzen könne.

Die Dis­kus­sion begleitet den BVB schon eine Weile

Unab­hängig davon, dass die Ver­wen­dung des Begriffes Men­ta­lität im Fuß­ball­dis­kurs ebenso infla­tionär wie skurril ist (um mal rhe­to­risch brutal den Bock umzu­stoßen), so scheint er bei Reus doch einen gewissen Nerv getroffen zu haben. Weniger, weil seine Mann­schaft in Frank­furt kurz vor Schluss eine Füh­rung ver­dad­delte, denn das ist schon ganz anderen pas­siert. Son­dern eher, weil diese Dis­kus­sion die Dort­munder bereits eine Weile begleitet, im Grunde seit der Rück­runde der letzten Saison, als sie neun Punkte Vor­sprung auf den FC Bayern ver­spielten.

Dass der BVB Pro­bleme hat, aus einer offen­sicht­li­chen Über­le­gen­heit ange­messen Kapital zu schlagen, war gerade in Frank­furt schön zu beob­achten. Statt nach der frühen Füh­rung der vom späten Euro­pa­po­kal­termin am Don­nerstag erschöpften Ein­tracht zeitnah den Rest zu geben, ergötzten sich die Dort­munder an gefäl­ligen Ball­sta­fetten und ver­gaben zudem wei­tere Groß­chancen. Und als die Frank­furter am Ende alles auf eine Karte setzten, geriet der BVB ver­blüf­fend zügig ins Schwimmen.

Ein schwerer Ruck­sack

Aber das hat nichts mit Men­ta­lität zu tun, son­dern mit unserem Defen­siv­ver­halten“, monierte sich Reus, womit er einer­seits recht hat und ande­rer­seits die Ant­wort schuldig bleibt, warum sich seine Mann­schaft so schwer damit tut, kon­zen­triert ihren Stiefel zu Ende zu spielen. Wäre der Aus­druck nicht so häss­lich, so ließe sich sagen, dass es dem BVB nicht an Men­ta­lität fehlt, son­dern an Kil­ler­instinkt. Bei Licht betrachtet ist das aller­dings kein Wunder bei diesem jungen Kader, der von einem Trainer ange­leitet wird, der stets wirkt wie ein fein­geis­tiger, zer­streuter Fuß­ball­pro­fessor und weniger wie ein macht­be­wusster Stra­tege.

Dass die Dort­munder Ver­eins­füh­rung die Meis­ter­schaft als Sai­son­ziel aus­ge­rufen hat, ist ja einer­seits erfri­schend in einer Liga, die sich seit Jahren gera­dezu über­bietet im öden Duck­mäu­sertum gegen­über dem FC Bayern. Ande­rer­seits hat man den Ein­druck, dass Mann­schaft und Coach von Borussia Dort­mund damit ein ziem­lich schwerer Ruck­sack auf­ge­laden wurde. Die würden wahr­schein­lich am besten funk­tio­nieren, wenn man sie unbe­hel­ligt von schnöder Ergeb­nisarith­metik ein­fach ihrem Tag­werk nach­gehen ließe. Aber erzählen Sie das mal Aki Watzke und Ecki Heuser.