Es soll ja Leute geben, die mit dem Wort Iden­tität nichts anfangen können. Kant nannte es gar einen leeren Begriff ohne Gegen­stand“. Er war halt kein Fuß­ball-Fan.

Dabei ist es ganz ein­fach. Man kann sich aus schnöder Hei­mat­ver­bun­den­heit mit einem Verein iden­ti­fi­zieren oder, weil man es mit Gewin­nern hält. Man kann sich damit iden­ti­fi­zieren, für welche Art von Fuß­ball ein Klub steht oder aber mit ein­zelnen Spieler. Mit dem Klang eines Ver­eins­na­mens oder seinem Logo. Man kann sich damit iden­ti­fi­zieren, wie groß­mütig sich ein Verein in der Nie­der­lage zeigt oder damit, dass er für eine Hal­tung ein­steht. Man kann sich mit der beson­deren Geschichte eines Klubs iden­ti­fi­zieren, mit seinem Sta­dion oder ein­fach nur damit, dass schon der Vater und die Mutter und ihre Mutter und sein Vater sich mit diesem einen Verein ver­bunden fühlten.

Ich iden­ti­fi­ziere mich mit Borussia Mön­chen­glad­bach.

Das ist dumm, weil ich im bran­den­bur­gi­schen Potsdam geboren wurde, weil meine Familie mit Fuß­ball so viel zu tun hatte wie Günter Jauch mit dem Vor-Wende-Potsdam und weil Borussia Mön­chen­glad­bach um die Jahre 1989/90 nicht soooo son­der­lich erfolg­reich war.

Rock­star-Intel­lek­tu­elle und der erste Pop­star

Dafür hatten sie Hans-Jörg Criens. Nur Jupp Heynckes und Her­bert Laumen haben mehr Bun­des­liga-Tore für Glad­bach erzielt als er. Er ist, das muss man wissen, der beste Spieler aller Zeiten. Auch, weil er so wahn­sinnig west­deutsch aussah, was mir, als ich neun Jahre alt war, wahn­sinnig impo­nierte und was mich beru­higte. Denn wenn nur ein Viertel aller West­deut­schen so sein würde wie Hans-Jörg Criens, dann wollte ich keine Angst haben vor einem wie­der­ver­ei­nigtem Deutsch­land.

Außerdem hat Borussia Mön­chen­glad­bach das schönste Wappen der Welt und trägt einen Namen, von dem For­scher sicher zu berichten wüssten, dass er die per­fekte Anzahl an Silben, Vokalen und Kon­so­nanten in sich trägt. Das ahnte auch Gigi Buffon, der seine Liebe zur Foh­lenelf einst damit begrün­dete, dass er als kleiner Junge so fas­zi­niert war vom Klang dieses Klubs.

Natür­lich fand ich es auch sehr, sehr gut, dass meine“ Borussia in den Sieb­ziger Jahren nicht nur sehr erfolg­reich war, son­dern Europa im Sturm nahm“. Ein Underdog, der mit offenem Visier gegen Gla­mour und Geld­adel in die Schlacht zog – und gewann. Unter tosendem Applaus der Rock­star-Intel­lek­tu­ellen und ange­führt von Günter Netzer, dem ersten Pop­star des Fuß­balls. Mein Verein“ wusste, wie es sich anfühlte, zu gewinnen, defi­nierte sich aber nicht dar­über. Und es kam noch besser.