Seite 2: „Reiche Leute verlieren das Gefühl, was geht und was nicht“

FIFA-Funk­tio­näre wie Jack Warner oder Chuck Blazer haben in die eigene Tasche gewirt­schaftet. Hätte sich Blatter klarer gegen solche Leute posi­tio­nieren müssen?
Diese Männer haben das Ver­werf­lichste gemacht, was man in ihrem Amt tun kann: das Stimm­recht bei einem so wich­tigen Ereignis wie der WM ver­kauft. Sie haben vielen anderen Leuten, die für eine sau­beren Sport gekämpft haben, mit Ver­laub, in den Hin­tern getreten. Blatter hat sein Ver­hältnis zu sol­chen Leuten gepflegt und sie hofiert. Wenn er aller­dings mit ihnen gebro­chen hätte, wäre er weg gewesen.

Und andere Funk­tio­näre? Sie?
Wer in einem sol­chen System den Mut zur Wahr­heit hat, gilt als Nest­be­schmutzer. Ich wollte unbe­dingt an einer FIFA-Reform mit­wirken. Wenn ich aber einen Kriegs­schau­platz her­bei­ge­führt hätte, wäre das Unver­ständnis bei vielen groß gewesen und meine Mög­lich­keiten ein­ge­schränkt worden. Da muss man manchmal um der Sache willen mit den Wölfen heulen.

Die FIFA als Wagen­burg?
Das ist wie eine Wand, an der alles abprallt: Wir machen alles richtig – also könnt ihr es nur falsch machen.

Können Sie ein Bei­spiel für diese Art des Umgangs nennen?
Am Ende meines ersten Jahres als Mit­glied des FIFA-Exe­ku­tiv­ko­mi­tees erfuhr ich auf der Abschluss­sit­zung, dass wir alle eine Art Gra­ti­fi­ka­tion bekommen sollten, ich glaube, es waren 100 000 US-Dollar. Ich wollte mich auf der Sit­zung fra­gend dazu äußern, dass ich den Betrag zu hoch fand. Da gab mir Michel Pla­tini zu ver­stehen, lieber zu schweigen. Theo“, sagte er später, uns ist dieses Geld nicht so wichtig, aber für viele Afri­kaner ist es sehr bedeu­tend. Die leben mit ihren Fami­lien davon. Wenn die das nicht bekommen, fliegt uns der Laden aus­ein­ander.“

Sie fanden Gra­ti­fi­ka­tionen falsch?
Nein, die FIFA ist nicht ein Ama­teur­verein. Es werden Mil­li­arden umge­setzt. Des­halb sollen die Mit­glieder des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees auch Boni bekommen, denn sie tragen hohe wirt­schaft­liche Ver­ant­wor­tung wie in einem großen Kon­zern. Sagen wir, 50 000 Dollar am Jah­res­ende wären okay gewesen. Aber 100 000? Pla­tini und ich haben dieses Geld nicht gebraucht. Die Katarer auch nicht. Viele andere auch nicht. Aber einige nehmen dann eben mit, was sie kriegen können. Ich habe es in soziale Stif­tungen inves­tiert.

Gerade diese Gier macht viele Fans fas­sungslos.
Reiche Leute ver­lieren das Gefühl, was geht und was nicht.

Ich bin zufrieden, wenn ich ein Schnitzel am Tag essen kann“

Der sehr wohl­ha­bende Jack Warner steckte sich allein bei der WM 2006 min­des­tens eine Mil­lion US-Dollar Profit aus dem Wie­der­ver­kauf von Tickets ein. Nach der WM-Ver­gabe an Katar soll er 1,5 Mil­lionen Euro von einer Firma des Kata­rers Mohamed bin Hammam bekommen haben.
Das ist nicht meine Welt. Ich bin zufrieden, wenn ich ein Schnitzel am Tag essen kann. Zumin­dest habe ich kein Nei­demp­finden gegen­über Men­schen, die mehr besitzen als ich.

Haben Sie bei Män­nern wie Chuck Blazer oder Jack Warner gemerkt, dass Sie es mit Kri­mi­nellen zu tun haben?
Man merkt an kleinen Details, dass bestimmte Leute keine Grenzen mehr kennen. Die for­dern dann für die Dauer einer WM auch mal rie­sige Suiten für ihre kom­plette Familie.

Chuck Blazer hat im Trump-Tower ein Apart­ment für seine Katzen gemietet.
An sol­chen Ver­hal­tens­weisen erkennt man auch den Cha­rakter eines Men­schen. Und wenn ein labiles System durch­setzt von cha­rak­ter­schwa­chen Men­schen außer Kon­trolle gerät – dann explo­diert das.

Wollten Männer wie Blazer oder Warner Gott spielen?
(Über­legt.) Spre­chen wir lieber von einer Gott­ähn­lich­keit. Viel­leicht sahen sie sich selbst eine Stufe drunter, auf Papst-Ebene. Sie konnten ja den Welt­fuß­ball tat­säch­lich beein­flussen. Sehen Sie nur die Männer-Welt­meis­ter­schaft. Die Ver­gabe hat einen Wert von Mil­li­arden…

…früher wurde über die Ver­gabe einer WM unter den 24 Exe­ku­tiv­ko­mitee-Mit­glie­dern abge­stimmt.
Und bei jeder Ver­gabe gab es 18 oder 19 Mit­glieder, die waren von vorn­herein fest­ge­legt. Am Ende hing es immer an fünf oder sechs Stimmen. Jede ein­zelne dieser Stimmen war so gesehen viele Mil­lionen Dollar wert. Natür­lich wussten das diese Leute. Sie ver­kauften die Stimmen dann, einige aus mate­ri­ellen Gründen, andere aus Groß­manns­sucht. Mitt­ler­weile haben wir immerhin ein Ziel erreicht, auf das auch ich hin­ge­ar­beitet habe: die WM-Ver­gabe im Kon­gress. Es stimmen nun alle 207 FIFA-Mit­glieds­länder ab. Natür­lich kannst du bei der Ver­gabe auch heute noch bestechen, aber du musst viel mehr ein­setzen, wenn du dich auf Bestechungs­suche machst.

Vor der Ver­gabe der WM in Katar boten zwei der 24 Mit­glieder des Exe­kutiv-Komi­tees, die Ver­treter von Tahiti und von Nigeria, ihre Stimmen zum Kauf an und wurden dabei gefilmt. Ende Mai 2015 nahmen FBI-Ermittler hoch­ran­gige FIFA-Funk­tio­näre fest, dar­unter zahl­reiche Offi­zi­elle, die diese Ver­gabe nach Katar zu ver­ant­worten haben. Kann dieses Tur­nier wei­terhin in Katar statt­finden?
Nein. Ich habe es schon oft gesagt, und ich stehe wei­terhin dazu: Katar ist das Krebs­ge­schwür des Welt­fuß­balls.

Katar reichte 2016 eine Klage gegen Sie ein.
Natür­lich sind das harte Worte, aber ich will sie Ihnen erklären. Katar ist ein Land, in dem Men­schen über einen großen Reichtum ver­fügen. Das gönne ich ihnen. Aber ich kri­ti­siere, dass sie einen soli­da­ri­schen und sozialen Sport wie den Fuß­ball als Macht­in­stru­ment benutzen. Sie schafften zum Bei­spiel gesetz­liche Rah­men­be­din­gungen, um im Schnell­ver­fahren Sportler ein­zu­bür­gern. Sie ent­lohnen die Gast­ar­beiter nicht anständig. Sie scheren sich nicht um Men­schen­rechte und Menschwürde. Die ganze Denk­weise ist extrem elitär. Das ist nicht mein Fuß­ball, und ver­mut­lich ist das auch nicht der Fuß­ball vieler Mil­lionen Fans.

Sepp Blatter hat gesagt, dass die Ver­gabe nach Katar zur Völ­ker­ver­stän­di­gung bei­tragen soll.
Ein Cha­rak­terzug von Sepp Blatter als FIFA-Prä­si­dent war, dass er auch Dinge, die aus seiner Sicht falsch waren, im Sinne des Ver­bandes positiv nach außen ver­kaufen konnte. So werte ich solche Aus­sagen. Ich bin mir sicher, dass er nicht für Katar als WM-Aus­richter gestimmt hat. Allein des­halb, weil Bin Hammam bei der Prä­si­den­ten­wahl 2011 sein Gegen­kan­didat war.

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Ramon Haindl