Im Grunde müsste Oliver Bier­hoff sehr gemischte Gefühle beim Gedanken an das Län­der­spiel­debüt von Miroslav Klose haben. Natür­lich erin­nert sich der Manager der Natio­nal­mann­schaft gerne an den gelun­genen Ein­stand des jungen Stür­mers vom 1. FC Kai­sers­lau­tern. Ande­rer­seits befand sich Bier­hoff schon gar nicht mehr auf dem Platz, als Klose am 24. März 2001 im WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Alba­nien eine gute Vier­tel­stunde vor Schluss ein­ge­wech­selt wurde. Team­chef Rudi Völler hatte seinen Kapitän in der Pause vom Feld genommen, schlecht hatte der an diesem Abend gespielt. Und so war der Tag, an dem die große inter­na­tio­nale Kar­riere des Miroslav Klose begann, zugleich der Tag, an dem Bier­hoff, der EM-Held von 1996, seinen Stamm­platz in der Natio­nal­mann­schaft verlor.

Beides war so nicht unbe­dingt zu erwarten.

Auf den Tag genau zehn Jahre später sitzt Miroslav Klose im Leibniz-Saal des Kur­fürst­li­chen Schlosses zu Mainz. Pres­se­kon­fe­renz vor dem EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Kasach­stan am Samstag (20 Uhr, live im ZDF). Es ist fast schon zu kit­schig, dass Kloses Jubi­lä­ums­spiel in Kai­sers­lau­tern auf dem Bet­zen­berg aus­ge­tragen wird, da, wo ich meine ersten Schritte im Fuß­ball gemacht habe“ und wo er zuvor schon als Fan auf der West­tri­büne gestanden hat. Als er 2001 zur Natio­nal­mann­schaft stieß, war er das eigent­lich immer noch: ein Fan, der sich in die Welt des großen Fuß­balls ver­irrt hatte. Den Team­chef nannte Klose damals ehr­furchts­voll Herr Völler“, und seinen neuen Team­kol­legen Oliver Kahn siezte er.

Klose hat sich aus jener Zeit als schmaler Bub“ in Erin­ne­rung, aber der schmale Bub war es, der die Deut­schen vor einer Bla­mage bewahrte. Zwei Minuten vor dem Ende – es stand immer noch 1:1 – fiel ihm der Ball im alba­ni­schen Straf­raum plötz­lich vor die Füße. Ich hab mich hin­ge­kniet und ihn mit dem Kopf rein­ge­macht“, erin­nert sich Klose. Warum mit dem Kopf? Ich weiß nicht, warum.“ Viel­leicht Instinkt. Egal, es war der Sieg­treffer und ein Traum für mich, ein Mär­chen“. Eigent­lich hatte Klose dem Team­chef nur beweisen wollen, dass er über gute Ansätze ver­füge und daher wei­tere Ein­la­dungen ver­diene. Die Ansätze sind wohl nicht so schlecht gewesen“, sagt er.

Mit seinen bald 33 Jahren stammt Klose noch aus einer anderen Zeit, er hat mit Spie­lern zusam­men­ge­spielt, da kennt man die Namen schon fast nicht mehr“, mit Wosz, Scholl oder Jere­mies. Seine aktu­ellen Kol­legen Mario Götze, André Schürrle oder Sven Bender könnten deren Söhne sein. Klose ist im aktu­ellen Auf­gebot der jung­dy­na­mi­schen Natio­nal­mann­schaft bei Weitem der Älteste, das Län­der­spiel gegen Kasach­stan wird sein 107. sein. Vor ihm liegen nur noch Jürgen Klins­mann (108) und Lothar Mat­thäus (150), und zum Tor­re­kord von Gerd Müller (68) fehlen ihm ganze neun Treffer.

Das ist die Gesell­schaft, in der sich der scheue Miro von einst inzwi­schen bewegt: unter lauter Welt­meis­tern. Und auch wenn es für Klose nie zu einem inter­na­tio­nalen Titel gereicht hat, so hat seine Kar­riere doch einen eigenen Charme, gerade wegen der zyklisch auf­tre­tenden Schwan­kungen und der Brüche, von denen es einige gab. Klose war immer beson­ders anfällig für den Stürmer-Blues, für jene Phasen, in denen die Minuten der Tor­lo­sig­keit gezählt werden. Dass er sich aus sol­chen Krisen her­aus­ge­kämpft hat, das ist viel­leicht Kloses größte Leis­tung. Es ist ein­fach ein­drucks­voll, wie er auch schwie­rige Phasen bei­sei­te­schiebt“, sagt Oliver Bier­hoff.

Miroslav Klose ist ver­mut­lich der ein­zige Spieler der Welt, der gleich­zeitig einen Lauf und einen Antilauf haben kann. In der Natio­nal­mann­schaft genießt er gerade mal wieder größte Wert­schät­zung und höchstes Ver­trauen. Über ihn gibt es bei uns keine Dis­kus­sionen“, sagt Bun­des­trainer Joa­chim Löw. Im Verein hin­gegen ver­harrt Klose seit Monaten im Status des Ergän­zungs­spie­lers. Zuletzt wurde er bei den Bayern achtmal hin­ter­ein­ander ein­ge­wech­selt, immer erst nach der 65. Minute. Seit Ende Sep­tember stand Klose nicht mehr in der Startelf. Es war das Spiel, in dem Mario Gomez zum vor­erst letzten Mal von der Bank kam. Damals kreuzten sich ihre Wege. Mario hat seine Chance her­vor­ra­gend genutzt“, sagt Klose. Gomez hat seitdem immer von Anfang an gespielt und sich mit 19 Sai­son­toren an die Spitze der Tor­jä­ger­liste geschossen.

In der Natio­nal­mann­schaft ist es genau umge­kehrt. Klose wurde im Sep­tember 2009 zum letzten Mal bei einem Län­der­spiel ein­ge­wech­selt – für Mario Gomez, für den es zugleich der bisher letzte Ein­satz von Beginn an war. Warum sollte der Bun­des­trainer auch etwas ändern? Klose hat in den jüngsten fünf Län­der­spielen immer getroffen und ins­ge­samt sieben Tore erzielt. Er ist ein­fach ein ganz wich­tiger Spieler für uns“, sagt Oliver Bier­hoff. Und des­halb will Klose auf jeden Fall bis zur EM 2012 in seinem Geburts­land Polen wei­ter­ma­chen. Selbst über die WM 2014 hat er schon mal laut nach­ge­dacht.

Warum auch nicht? Miroslav Klose hat ja gerade einen Lauf.