In den ver­gan­genen Monaten klagten Fans immer wieder über Ermü­dungs­er­schei­nungen und eine gewisse Über­sät­ti­gung am Fuß­ball. Jedes Jahr die­selben Meister, jeden Monat die­selben Trai­ner­wechsel, jede Woche die­selben Flos­keln in Field-Inter­views. Der Fuß­ball schien auf seinem Weg zur Per­fek­tion zu ver­gessen, dass das Spiel einst durch seine Spon­ta­nität lebte. Durch über­ra­schende Momente und irre Wen­dungen.

Dieses Jahr aller­dings gibt es wenig Grund zur Klage. Natür­lich, der FC Bayern gewann zum circa zwei­hun­dertsten Mal die Bun­des­liga, Real Madrid holte wieder die Cham­pions League. Aber der Fuß­ball erzählte auch neue Geschichten, und einige davon gehen sogar als Wunder durch.

Eine Geschichte des Schei­terns

Der HSV zum Bei­spiel stieg das erste Mal aus der Bun­des­liga ab, dabei konnte man in den ver­gan­genen Jahren den Ein­druck gewinnen, dass dies, egal wie schlecht die Mann­schaft spielt, nie pas­sieren wird. Dann schied die DFB-Elf, der amtie­rende Welt­meister, zum ersten Mal in der Vor­runde einer WM aus. In einer Gruppe mit Süd­korea, Schweden und Mexiko. Das größte Wunder aber ereig­nete sich am Diens­tag­abend im Mos­kauer Spartak-Sta­dion: Eng­land gewann ein K.o.-Spiel bei einer WM im Elf­me­ter­schießen.

Die jün­gere Geschichte der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft ist vor allem eine Geschichte des Schei­terns im letzten Moment. Kein Team hat bei großen Tur­nieren eine schlech­tere Bilanz im Elf­me­ter­schießen – Eng­land trat sie­benmal an, gewann aber nur ein Mal (im Vier­tel­fi­nale der EM 1996 gegen Spa­nien). Beson­ders bitter war die Halb­final-Nie­der­lage gegen Deutsch­land bei der EM 1996 im eigenen Land.

Im Vier­tel­final gerade wegen des Trai­ners

In der Ver­län­ge­rung rutschte Paul Gas­coigne vor dem leeren Tor an einer Her­ein­gabe von Alan Shearer vorbei. Und dann folgte, wie so oft, die Demü­ti­gung vom Punkt. Die Angst der Schützen beim Elf­meter konnte man bis unters Sta­di­on­dach rie­chen. Einer von ihnen hieß Gareth Sou­th­gate. Er war der sechste Schütze, der Ersatz­mann. Er ver­schoss.

Viele haben vor der dies­jäh­rigen WM in Russ­land natür­lich gewit­zelt, dass Eng­land mit dem Trainer Gareth Sou­th­gate spä­tes­tens beim ersten Elf­me­ter­schießen raus­fliegen würde. Die Wahr­heit ist: Gerade wegen Sou­th­gate stehen die Eng­länder nun im Vier­tel­fi­nale. Schon in der Vor­runde konnte man im Spiel gegen Panama staunen, wie sou­verän Harry Kane seine Elf­meter ver­wan­delte. Zweimal mit voller Wucht ins linke obere Eck. Okay, war nur Panama, unkten einige. Aber diese Schüsse hätte kein Tor­hüter der Welt pariert.

Wie ein Makler an der Wall­street

Gegen Kolum­bien ver­wan­delte Kane in der regu­lären Spiel­zeit erneut gekonnt, diesmal direkt in die Mitte. Eng­land spielte wäh­rend der 90 Minuten keinen Zau­ber­fuß­ball, aber die Spieler zeigten eine starke Prä­senz. Bis die Schluss­phase her­ein­brach, bis das große eng­li­sche Flat­tern begann, eine Ecke, ein Kopf­ball, 1:1. Kennt man ja.

Vor dem Elf­me­ter­schießen schien die Sache also klar: Wie sollten diese ner­vösen Spieler hier gewinnen? Wer ver­traute ihnen noch? Einer auf jeden Fall. Ihr Trainer. Gareth Sou­th­gate. Er stand dort unten, Weste, Kra­watte, blaues Hemd, ordent­lich auf­ge­kratzt, biss­chen ver­schwitzt, wie ein Makler an der Wall­street, der gerade ein paar Mil­lionen Miese gemacht hatte, aber immer noch den Glauben besaß, dass alles sich in ein paar Minuten zum Guten wenden wird.