Seite 5: Miese Typen beim familienfreundlichsten Klub

Auch der FC Mill­wall hat sich ver­än­dert. Der Verein hat es geschafft, sein Image erheb­lich auf­zu­po­lieren, durch Sta­di­on­ver­bote und andere Maß­nahmen. Im letzten Jahr wurde er wieder mal zum fami­li­en­freund­lichsten Klub der unteren Ligen gewählt. Zudem ist der Verein seit den dunklen Acht­zi­gern vor allem dafür bekannt, dass er sich mit großem Eifer fürs Gemein­wohl enga­giert und durch die Stif­tung Mill­wall Com­mu­nity Trust“ viel Gutes im Stadt­teil tut. (Ironie des Schick­sals: Zu Beginn geschah das in Zusam­men­ar­beit mit dem Gemein­derat von Lewisham, der den Klub sogar kurz spon­serte. Eben jener Gemein­derat, der inzwi­schen scharf auf Mill­walls Land ist.)

Doch manche Dinge ändern sich nur langsam. Immer wieder mal wirft man dem Klub vor, er habe ras­sis­ti­sche Fans. Das ist ein beson­ders heikles Thema für einen Verein, der in vielen Berei­chen mul­ti­kul­tu­rell ist. Aber es lässt sich auch nicht leugnen, dass Mill­wall auch heute noch unan­ge­nehme Typen anzieht, die wirk­lich gewalt­tätig oder eben offen ras­sis­tisch sind und die The Den“ für einen Ort halten, an dem gesell­schaft­lich sank­tio­nierte Hal­tungen noch irgendwie tole­riert werden. Der FC Mill­wall hat Armut, Hass und Gewalt, soziale Span­nungen und kul­tu­relle Kon­flikte nicht erfunden – aber sie landen immer wieder auf seiner Tür­schwelle.

Rot­ge­sich­tige Mitt­vier­ziger mit Bauch­an­satz

Im August 2009 wurde das beson­ders offenbar, als Mill­wall zum Rivalen West Ham United reiste. Diese Paa­rung ist berüch­tigt. Sie heißt auch The Docker’s Derby“, weil hier ursprüng­lich die Werft­ar­beiter vom Nord­ufer gegen die vom Süd­ufer antraten. Später bekam das Spiel auch noch einen düs­teren Touch durch die Riva­lität lokaler Gangs­ter­fa­mi­lien – die Krays im Norden, die Richard­sons in der Nähe von Ber­mondsey. An jenem Tag vor neun Jahren eska­lierten die alten Span­nungen und es kam zu einer Art Hoo­ligan-Revival, bei dem 21 Men­schen ver­letzt wurden. An den Videos von der Hauerei, die man auf You­tube sehen konnte, fiel beson­ders auf, wie alt die Prügler waren. Rot­ge­sich­tige Mitt­vier­ziger mit Bauch­an­satz und lichtem Haar, die mit einem Zie­gel­stein in der Hand ihre Jugend wie­der­auf­leben ließen. Das Internet war empört. Aber das Internet konnte auch nicht auf­hören, sich das anzu­sehen.

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Ein Ort jen­seits der schönen neuen Welt.

Sebas­tian Wells

Genau wie nach dem Pokal­spiel zwi­schen Tot­tenham und Mill­wall in der letzten Saison. In Win­des­eile ver­brei­tete sich ein Film, auf dem man zwei Tot­tenham-Fans sieht, die einigen vor­bei­ge­henden Mill­wall-Fans etwas zurufen. Fast bei­läufig tritt einer der Ange­spro­chenen aus der Gruppe, holt einen der beiden Spurs-Fans mit einem ein­zigen Schlag von den Füßen und spa­ziert see­len­ruhig mit seinen Kum­pels weiter.

Mill­wall-Fan Nick Hart sagt: Die Vor­stel­lung, dass jemand seinen Lebens­un­ter­halt mit harter kör­per­li­cher Arbeit ver­dient, im Falle von Mill­wall in den Docks, und sich dann sein Fuß­ball­team anschaut, hat etwas von einer Art Männ­lich­keits­nost­algie. Hier fin­dest du Leute, denen es gefällt, diese Art von Atmo­sphäre noch mal zu erleben. Es geht darum, seine Wur­zeln wie­der­zu­finden und sie fest­zu­halten. Ich glaube, hier gibt es ein fast greif­bares Gefühl von Gemein­schaft, mehr als irgendwo sonst heut­zu­tage. Wenn das ver­schwindet, dann ist es für immer weg.“