Seite 2: Der Fußball gegen seinen Feind, die Moderne

Des­halb kann man bei Heim­spielen Gruppen von auf­ge­regten Japa­nern oder Skan­di­na­viern ent­de­cken, die auf der Suche nach authen­tisch“ bri­ti­schem Fuß­ball sind und schließ­lich ent­täuscht abziehen, weil sie keinen Hauern in Vin­tage-Snea­kern dabei zusehen durften, wie die ein Bahn­ab­teil zu Klein­holz machen oder sich mit 200 Aus­wärts­fans eine Stra­ßen­schlacht lie­fern.

Das heißt, manchmal ziehen die Schau­lus­tigen nicht ein­fach ab. Nach dem Heim­spiel gegen Scun­t­horpe in der letzten Saison wurden die Anhänger auf der Gäs­te­tri­büne etwas zu früh aus dem Sta­dion gelassen und trafen auf Heim­fans. Es kam zu einem Wort­wechsel, und plötz­lich schickte ein glatz­köp­figer Hüne einen Scun­t­horpe-Fan mit einem gezielten Haken zu Boden. Die Polizei griff ein, drückte den Schläger auf den Gehweg und legte ihm Hand­schellen an. Erst später stellte sich heraus, dass der ver­meint­liche Mill­wall-Fan aus Rot­terdam kam – ein Hool-Tou­rist, der mal für einen Tag so richtig Mill­wall sein wollte.

Neue Gegner

We are Mill­wall, no one likes us, we don’t care. Der berühm­teste Song des Klubs, dass keiner Mill­wall mag, es ihnen aber total egal ist, ist sar­kas­tisch gemeint. Es ist eine Ant­wort auf die ermü­dende Dar­stel­lung der Fans als bru­tale Tiere und kin­der­fres­sende Super-Hoo­li­gans. Aber das bekommt gerade dieser Tagen eine andere Bedeu­tung, denn Mill­wall – ein Verein, der sich irgendwie immer im Krieg mit der Welt befunden hat – wird seit einiger Zeit von ganz neuen Geg­nern bedroht: von Geld und Macht. Schon sechs Jahre lang kämpft Mill­wall gegen den Gemein­derat, der am Grund­be­sitz des Klubs inter­es­siert ist und ihn mehr oder weniger aus seiner ange­stammten Heimat ver­stoßen will. Das Ganze ist eine Schau­er­ge­schichte, in der es um tra­di­tio­nelle Bin­dungen geht, um die Gen­tri­fi­zie­rung einer Groß­stadt und um den alt­be­kannten Kampf des Fuß­balls gegen seinen Feind, die Moderne.

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Das London der Spe­ku­lanten rückt Ber­mondsey immer näher.

Sebas­tian Wells

Es sah zwi­schen­durch schon so aus, als hätte Mill­wall diesen Kampf gewonnen. Druck von der Straße sorgte dafür, dass der Plan fal­len­ge­lassen wurde, den Verein zu ent­eignen und sein Land an eine mys­te­riöse Gruppe von Inves­toren zu ver­kaufen. Doch viele glauben, dass die rich­tige Schlacht nun erst beginnt. Es ist näm­lich eine sehr große Menge Geld an ein Stadt­er­neue­rungs­pro­gramm geknüpft, dessen Umset­zung unzwei­fel­haft dazu führen wird, dass die bis­he­rigen Bewohner von Ber­mondsey aus ihrem Bezirk ver­trieben werden.

Urbanes Mikro­klima

Doch fürs Erste geht das Leben scheinbar normal weiter. Als sich an einem kalten Tag kurz nach Weih­nachten der Tabel­len­führer Wol­ver­hampton Wan­de­rers in Mill­walls Sta­dion The Den“ vor­stellt, sieht alles aus wie immer. Die Menge strömt die Ilderton Road hinab, vorbei an den Schrott­plätzen mit toten Autos. Durch den Bogen einer Eisen­bahn­brücke kann man das Dach des Sta­dions sehen, ein klo­biges Ding aus Well­blech und blauem Stahl, das vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert gebaut wurde, als Mill­wall ein paar hun­dert Meter umzog, vom Old Den“ ins New Den“. Schon damals ging es um Immo­bi­lien, auf dem Grund­stück des alten Sta­dions wurde eine Wohn­an­lage errichtet.

Um das neue Sta­dion wirkt es rauer und zer­klüf­teter als sonst in London. Dank des sozialen Woh­nungs­baus leben hier noch jene armen Arbei­ter­fa­mi­lien, die aus anderen relativ zen­tralen Bezirken der Metro­pole längst ver­schwunden sind. Die Straßen haben ihren eigenen Geruch, eine Mischung aus Leicht­in­dus­trie, Lon­doner Staub und den Abgasen der rie­sigen Müll­ver­bren­nungs­an­lage, die neben dem Sta­dion steht. Dieses ver­müllte urbane Mikro­klima passt zu einer Gegend, die selbst an einem Spieltag karg und her­un­ter­ge­kommen wirkt. Ein Effekt, der dadurch ver­stärkt wird, dass von den umge­benden Gebieten der Reichtum näher rückt. Wenn man auf den Straßen von Ber­mondsey über­fallen wird, kann es sein, dass man ein­fach nur das Gebiet einer der Auto­kna­cker­banden betreten hat, die Luxus­ka­rossen klauen und sie dann per Con­tainer ans andere Ende der Welt ver­schiffen.