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Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Wie die Fans in Mill­wall um die Zukunft ihres Vier­tels kämpfen. (Text: Barney Ronay, Übers.: Uli Hesse)

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Fuck you, I’m Mill­wall!“ Roy Larner trank an diesem Junitag gerade ein Bier im Black and Blue“, einem Restau­rant nahe der London Bridge, als drei Männer durch die Tür stürmten und die Gäste sofort mit Macheten zu atta­ckieren begannen. Larner, ein 47-jäh­riger Mill­wall-Fan, reagierte schnell. Er sprang aus seinem Stuhl, rief den Namen jenes kleinen, wider­bors­tigen Zweit­li­gisten und ging mit bloßen Händen auf die Angreifer los, die sich später als IS-Ter­ro­risten her­aus­stellten. Larner bekam acht Stiche ab, ver­ließ das Restau­rant trotzdem auf zwei Beinen – und sah noch, wie die Polizei die drei Atten­täter erschoss.

In den Wochen danach wurde Larner so etwas wie ein Volks­held. Man nannte ihn den Löwen der London Bridge“, ein Ver­weis auf das Mas­kott­chen des FC Mill­wall, und lud ihn ein, seine Wunden in Fern­seh­shows zu prä­sen­tieren. Sein Schlachtruf Fuck you, I’m Mill­wall!“ wurde zu einem Twitter-Hashtag, zu einem Inbe­griff für Wider­stand und am Ende sogar zu einer Mode­linie.

Blut­dürs­tiger Fana­tiker gegen Got­tes­krieger

Acht Men­schen starben an jenem Abend im Zen­trum Lon­dons, doch es gehört eben zu den Merk­malen der Briten, dass sie ihren Sinn für schwarzen Humor bewahren. In diesem Fall war es die Vor­stel­lung, dass Ter­ro­risten auf Mill­wall treffen, als der viel­leicht absur­deste Zusam­men­prall von Kul­turen, den man sich vor­stellen kann. In der einen Ecke: blut­dürs­tige Fana­tiker, vor denen die Men­schen zit­tern. In der anderen: die Got­tes­krieger des IS. Einen kurzen Moment lang war der FC Mill­wall, der gerne als größter kleiner Klub der Welt bezeichnet wird, fast schon ange­sagt.

Doch dabei konnte es nicht lange bleiben, schließ­lich haben wir es hier mit Mill­wall zu tun. Und so tauchte, kurz nachdem dar­über gespro­chen wurde, dass Larner eine Tap­fer­keits­me­daille bekommen sollte, im Internet ein altes Video auf, das ihn dabei zu zeigen scheint, wie er sich auf häss­liche Art mit einem Pas­santen anlegt. Die Nation war gera­dezu beru­higt, sie konnte zum Nor­mal­zu­stand zurück­kehren. In dem werden die Anhänger des FC Mill­wall glei­cher­maßen gegei­ßelt wie heim­lich feti­schi­siert. Es sind Fans, die sich zur Arbei­ter­klasse ebenso bekennen wie zu dem harten Viertel, aus dem sie kommen. Eine Art ver­lo­rener urbaner Stamm.

Kleines, dre­ckiges Geheimnis

Im eng­li­schen Bewusst­sein nimmt Mill­wall heute einen selt­samen Platz ein. Hört man den Namen des Klubs, ent­steht gleich das Bild des klas­si­schen glatz­köp­figen Hoo­li­gans und wird mit fast so etwas wie Nost­algie betrachtet. Auf seine eigene Art ist Mill­wall ein Teil der eng­li­schen Pop­kultur geworden, wie Teds, Punks oder Mods – eine wei­tere Jugend­kultur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts.

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Mickey Simpson, ein harter Mann vom Dach­ver­band der Mill­wall-Fans

Sebas­tian Wells

Mill­wall ist das kleine, dre­ckige Geheimnis des Fuß­balls“, sagt Mickey Simpson vom Dach­ver­band der Mill­wall-Fans. Er stammt aus dem Stadt­teil Ber­mondsey, der Heimat des Klubs, wohnt aber inzwi­schen mit seiner jungen Familie in Kent, was ein durchaus typi­scher Weg für Mill­wall-Anhänger und andere weiße Süd-Lon­doner aus der Arbei­ter­klasse ist. Jeder hasst uns oder redet dar­über, dass er es tut. Aber wir sind auch ihr heim­li­ches Laster, denn ins­ge­heim wollen alle Fans wie Mill­wall-Fans sein. Man­chester United, Liver­pool – all diese Fans wün­schen sich doch, dass es bei ihrem Klub eine Stim­mung gibt, wie Mill­wall sie schafft.“ Ob das stimmt, sei mal dahin­ge­stellt, denn Mill­wall gilt nach wie vor als Syn­onym für Gewalt im Fuß­ball und für das, was einst die eng­li­sche Krank­heit“ genannt wurde.

Des­halb kann man bei Heim­spielen Gruppen von auf­ge­regten Japa­nern oder Skan­di­na­viern ent­de­cken, die auf der Suche nach authen­tisch“ bri­ti­schem Fuß­ball sind und schließ­lich ent­täuscht abziehen, weil sie keinen Hauern in Vin­tage-Snea­kern dabei zusehen durften, wie die ein Bahn­ab­teil zu Klein­holz machen oder sich mit 200 Aus­wärts­fans eine Stra­ßen­schlacht lie­fern.

Das heißt, manchmal ziehen die Schau­lus­tigen nicht ein­fach ab. Nach dem Heim­spiel gegen Scun­t­horpe in der letzten Saison wurden die Anhänger auf der Gäs­te­tri­büne etwas zu früh aus dem Sta­dion gelassen und trafen auf Heim­fans. Es kam zu einem Wort­wechsel, und plötz­lich schickte ein glatz­köp­figer Hüne einen Scun­t­horpe-Fan mit einem gezielten Haken zu Boden. Die Polizei griff ein, drückte den Schläger auf den Gehweg und legte ihm Hand­schellen an. Erst später stellte sich heraus, dass der ver­meint­liche Mill­wall-Fan aus Rot­terdam kam – ein Hool-Tou­rist, der mal für einen Tag so richtig Mill­wall sein wollte.

Neue Gegner

We are Mill­wall, no one likes us, we don’t care. Der berühm­teste Song des Klubs, dass keiner Mill­wall mag, es ihnen aber total egal ist, ist sar­kas­tisch gemeint. Es ist eine Ant­wort auf die ermü­dende Dar­stel­lung der Fans als bru­tale Tiere und kin­der­fres­sende Super-Hoo­li­gans. Aber das bekommt gerade dieser Tagen eine andere Bedeu­tung, denn Mill­wall – ein Verein, der sich irgendwie immer im Krieg mit der Welt befunden hat – wird seit einiger Zeit von ganz neuen Geg­nern bedroht: von Geld und Macht. Schon sechs Jahre lang kämpft Mill­wall gegen den Gemein­derat, der am Grund­be­sitz des Klubs inter­es­siert ist und ihn mehr oder weniger aus seiner ange­stammten Heimat ver­stoßen will. Das Ganze ist eine Schau­er­ge­schichte, in der es um tra­di­tio­nelle Bin­dungen geht, um die Gen­tri­fi­zie­rung einer Groß­stadt und um den alt­be­kannten Kampf des Fuß­balls gegen seinen Feind, die Moderne.

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Das London der Spe­ku­lanten rückt Ber­mondsey immer näher.

Sebas­tian Wells

Es sah zwi­schen­durch schon so aus, als hätte Mill­wall diesen Kampf gewonnen. Druck von der Straße sorgte dafür, dass der Plan fal­len­ge­lassen wurde, den Verein zu ent­eignen und sein Land an eine mys­te­riöse Gruppe von Inves­toren zu ver­kaufen. Doch viele glauben, dass die rich­tige Schlacht nun erst beginnt. Es ist näm­lich eine sehr große Menge Geld an ein Stadt­er­neue­rungs­pro­gramm geknüpft, dessen Umset­zung unzwei­fel­haft dazu führen wird, dass die bis­he­rigen Bewohner von Ber­mondsey aus ihrem Bezirk ver­trieben werden.

Urbanes Mikro­klima

Doch fürs Erste geht das Leben scheinbar normal weiter. Als sich an einem kalten Tag kurz nach Weih­nachten der Tabel­len­führer Wol­ver­hampton Wan­de­rers in Mill­walls Sta­dion The Den“ vor­stellt, sieht alles aus wie immer. Die Menge strömt die Ilderton Road hinab, vorbei an den Schrott­plätzen mit toten Autos. Durch den Bogen einer Eisen­bahn­brücke kann man das Dach des Sta­dions sehen, ein klo­biges Ding aus Well­blech und blauem Stahl, das vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert gebaut wurde, als Mill­wall ein paar hun­dert Meter umzog, vom Old Den“ ins New Den“. Schon damals ging es um Immo­bi­lien, auf dem Grund­stück des alten Sta­dions wurde eine Wohn­an­lage errichtet.

Um das neue Sta­dion wirkt es rauer und zer­klüf­teter als sonst in London. Dank des sozialen Woh­nungs­baus leben hier noch jene armen Arbei­ter­fa­mi­lien, die aus anderen relativ zen­tralen Bezirken der Metro­pole längst ver­schwunden sind. Die Straßen haben ihren eigenen Geruch, eine Mischung aus Leicht­in­dus­trie, Lon­doner Staub und den Abgasen der rie­sigen Müll­ver­bren­nungs­an­lage, die neben dem Sta­dion steht. Dieses ver­müllte urbane Mikro­klima passt zu einer Gegend, die selbst an einem Spieltag karg und her­un­ter­ge­kommen wirkt. Ein Effekt, der dadurch ver­stärkt wird, dass von den umge­benden Gebieten der Reichtum näher rückt. Wenn man auf den Straßen von Ber­mondsey über­fallen wird, kann es sein, dass man ein­fach nur das Gebiet einer der Auto­kna­cker­banden betreten hat, die Luxus­ka­rossen klauen und sie dann per Con­tainer ans andere Ende der Welt ver­schiffen.

Vor dem bekannten Mill­wall Cafe“, dem Sta­dion direkt gegen­über, treffen sich die Fans, über­wacht von einer etwas schläf­rigen Abtei­lung berit­tener Poli­zisten. Mill­wall-Väter und Mill­wall-Mütter schieben Mill­wall-Kinder vor sich her. Ein Berg von einem Mann mit einem Kopf so groß wie ein Baum­stumpf bleibt stehen und rotzt einen solch enormen Klumpen Spei­chel auf den Gehweg, dass es klingt, als würde man einen großen Schinken gegen die Wand klat­schen. Der Hüne dreht sich um und brüllt: Mill­wall!“ Der Ruf ist an nie­manden gerichtet, der Mann sagt nur, wie’s ist.

Im Mai stieg Mill­wall durch die Play­offs in die zweite Liga auf, wobei der Erfolg durch einen Platz­sturm der jubelnden Fans über­schattet wurde. Heute werden 16 000 Zuschauer die Partie gegen Wol­ver­hampton sehen, das unter dem por­tu­gie­si­schen Trainer Nuno Espi­rito Santo und mit Hilfe des mäch­tigen Spie­ler­ver­mitt­lers Jorge Mendes einen guten, tech­ni­schen Fuß­ball spielt. Mill­wall wird von seinem Ex-Spieler Neil Harris betreut und bevor­zugt einen direk­teren, kör­per­be­tonten Ansatz. Nie­mand hier glaubt, dass die Heimelf eine Chance hat, schon beim Warm­ma­chen wirken die Wolves ele­ganter, moderner.

Seit 108 Jahren

Doch dann geschieht plötz­lich etwas. Als der Wind durch die große, offene Arena pfeift, findet The Den“ seine Stimme. Es ist ein Geräusch, das aus der Luft zu kommen scheint, durch den Dunst der Ver­bren­nungs­an­lage. Man hört die Züge an den offenen Ecken des Sta­dions vor­bei­rattern. Die Spieler aus Wol­ver­hampton wanken etwas. Mill­wall geht in Füh­rung. Die Wolves drehen die Partie, doch in der Schluss­phase fällt das 2:2. Als die Sonne hinter den Schorn­steinen ver­sinkt, hat Mill­wall einen Punkt geholt.

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Das Sta­dion The Den“, ein Ort für Männ­lich­keits­nost­algie?

Sebas­tian Wells

Wäh­rend die Fans in die kalte, graue Welt von Ber­mondsey zurück­kehren, erin­nert ein ein­sames Banner an die lebens­be­droh­liche Lage ihres Ver­eins. Nein zum Zwangs­ver­kauf“ steht dort. Der Klub spielt hier seit 108 Jahren, als die eins­tige Fabrik­mann­schaft die Mill­wall Docks auf einer Halb­insel in der Themse ver­ließ und ein paar Kilo­meter nach Westen zog. Ber­mondsey war schon damals ein selt­samer Teil des erwei­terten Lon­doner Zen­trums – schwer zu finden, schwer zu errei­chen, noch schwerer zu ver­lassen, ein­ge­klemmt von der sich win­denden Themse. Später auch abge­schnitten von den Mil­li­arden, die durch die moder­ni­sierten Dock­lands im Osten oder die City im Nord­westen strömen.

Lon­dons Hunger

Mill­wall ist ein Arbei­ter­klub“, sagt Mickey Simpson. Er ist die letzte Bas­tion des echten Arbei­ter­fuß­balls. Das hat mit der Geschichte zu tun, weil Mill­wall der Klub der Hafen­ar­beiter ist. Und mit der Bin­dung, die die Men­schen zu dieser Gegend haben. Es ist ein Arbei­ter­be­zirk von London, ein Ort, an dem man tat­säch­lich noch wohnen kann.“ Noch. Denn vor sechs Jahren kamen zum ersten Mal die umstrit­tenen und den Klub bedro­henden Pläne für New Ber­mondsey“ auf. Das Moder­ni­sie­rungs­pro­jekt sah vor, dass der Gemein­derat des Ver­wal­tungs­be­zirks Lewisham den Klub zum Ver­kauf seines Landes zwingen würde (was recht­lich mög­lich ist), um es dann an eine Erschlie­ßungs­firma namens Renewal zu ver­äu­ßern. Zu lukrativ ist das Sta­di­onge­lände, zu groß ist Lon­dons Hunger nach Wohn­raum.

Im letzten Jahr kamen immer mehr frag­wür­dige Ein­zel­heiten über das Pro­jekt ans Tages­licht. Die Besitz­ver­hält­nisse von Renewal waren ver­schach­telt, und schließ­lich stellte sich heraus, dass es sich bei einem der Fir­men­gründer um den ehe­ma­ligen Bür­ger­meister von Lewisham han­delt. Der aktu­elle Vor­stands­vor­sit­zende des Unter­neh­mens hatte eben­falls in der Bezirks­ver­wal­tung gear­beitet. Außerdem sollte hier öffent­li­ches Land an eine Firma gehen, die noch nie ein sol­ches Pro­jekt betreut hat. Immer lauter regte sich der Wider­stand, ange­facht von einer Social-Media-Kam­pagne der Mill­wall-Fan­klubs.

Wie aus der Zeit gefallen

Es fühlt sich an wie etwas, das das Herz der modernen bri­ti­schen Gesell­schaft berührt“, sagt Nick Hart, der in Ber­mondsey lebt und einen Mill­wall-Pod­cast betreibt. Man wird von mys­te­riösen Gebilden regiert. Man weiß nicht, wer sie sind. Ihre Besitzer leben in Steu­er­oasen auf der anderen Seite der Welt. Und doch bestimmen ihre Ent­schei­dungen dar­über, was mit etwas pas­siert, das mir und vielen anderen am Herzen liegt – ein klapp­riger, alter Fuß­ball­verein in Ber­mondsey. Das fühlt sich unge­recht an. Als würde man von einer gesichts­losen Macht her­um­ge­schubst.“ Bei einem Pokal­spiel im Januar 2017 fingen Fern­seh­ka­meras die Pro­teste ein und der öffent­liche Druck wurde so groß, dass das Pro­jekt erste Risse bekam. Schließ­lich nahm der amtie­rende Bür­ger­meister von Lewisham, Steve Bullock, die Ent­eig­nung zurück. Der Jubel war laut und fast ungläubig.

Es fühlte sich aber nicht an wie ein Sieg, eher wie eine Waf­fen­ruhe in einem Krieg, der wenig mit Fuß­ball zu tun hat, dafür viel mit Geld, Gemein­schaft und Gen­tri­fi­zie­rung. Mill­wall ist ein Klub, der nach wie vor aus der Zeit gefallen wirkt. Ein Ort jen­seits der schönen neuen Welt, ein Ort der Men­schen, die nie­mand mehr will: weiße Männer mitt­leren Alters mit Glatze, die nicht mit­spielen und nicht weg­gehen wollen, die aber trotzdem irgendwo leben müssen.“ Die Leute sind fas­zi­niert, wenn sie hören, dass du Mill­wall-Fan bist“, meint Hart. Dann sagen sie: Aber du wirkst so normal und nett.‘ Es ist wie im Theater. Jedes Stück braucht einen Bösen auf der Bühne, den man aus­buht, damit man sich gut fühlt. Dabei ist es völlig egal, dass es reine Phan­tasie ist. Etwas, das auf Sachen beruht, die vor langer Zeit pas­siert sind.“ In der Tat hängen die Schatten der dunklen Hoo­ligan-Jahre noch immer über Mill­wall. Als Bür­ger­meister Bullock die Ent­eig­nung aufhob, twit­terte jemand mit Bezug auf die Visi­ten­karten, die Hoo­ligan-Gruppen angeb­lich neben ihren blut­be­schmierten Opfern zurück­ließen: Glück­wunsch, Gemein­derat, ihr habt gerade Mill­wall getroffen.“

Prü­ge­leien im Nie­mands­land

Die Legende sagt, dass der moderne Fuß­ball-Hoo­li­ga­nismus bei einem Spiel von Mill­wall ent­standen ist: 1965 in Bour­ne­mouth, als eine Hand­gra­nate aufs Feld flog (die sich als Attrappe her­aus­stellte) und die Zuschauer sich inner­halb und außer­halb des Sta­dions schlugen. Dass Mill­wall-Fans sich bald einen fins­teren Ruf erprü­gelten, hatte auch mit Ber­mondsey zu tun. Wäh­rend der Sieb­ziger und Acht­ziger war es ein furcht­ein­flö­ßender Ort, eine ver­armte Ecke im Süd­osten Lon­dons, deren enge Gassen und dunkle Pubs an ein Nie­mands­land erin­nerten und das Gefühl her­auf­be­schworen, mitten in einer Groß­stadt von der Gesell­schaft zurück­ge­lassen worden zu sein.

Im Jahre 1977 pro­du­zierte die BBC eine Doku­men­ta­tion über den Anhang von Mill­wall, deren Ziel es war, eine Ver­bin­dung zwi­schen den Fans und der Neo­nazi-Partei National Front“ nach­zu­weisen. Der Film zeigte auch, wie enorm iso­liert, unge­wöhn­lich elo­quent und – ja – extrem brutal die Haupt­ak­teure der Mill­wall-Firms waren. Damals gab es drei Ebenen der Mill­waller Hoo­ligan-Maschi­nerie. Eine Gruppe, die sich F‑Troop“ nannte, bestand aus Fuß­sol­daten, die für ihre extremen und oft völlig unver­mit­telten Aus­brüche von Gewalt im Sta­dion, in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln oder in irgend­einem nichts­ah­nenden Stadt­zen­trum gefürchtet waren. Ende der Sieb­ziger sorgten nur vier dieser F‑Troopers dafür, dass auf der Heim­tri­büne von Charlton Ath­letic eine Mas­sen­panik aus­brach und 2000 Zuschauer flucht­artig das Weite suchten, bis der kom­plette Block men­schen­leer war. Die Nach­wuchs­hools waren der­weil als Halfway Liners“ bekannt, sie träumten davon, ent­weder den Auf­stieg zur F‑Troop“ zu schaffen oder sich gar der schil­lerndsten Mill­wall-Firm anzu­schließen. Das war The Tre­at­ment“, deren Mit­glieder Chir­ur­gen­masken trugen, um ihre Iden­tität zu ver­bergen.

Die neue Fuß­ball­welt ist nicht auf­zu­halten

Der Tief­punkt war im März 1985 erreicht, als hun­derte von Mill­wall-Fans den Rasen des Sta­dions von Luton Town stürmten. 81 Per­sonen wurden ver­letzt, dar­unter 31 Poli­zisten. Der eng­li­sche Fuß­ball jener Zeit war ver­giftet, er erstickte an seiner eigenen zor­nigen Raserei. Es folgten die Unglücke von Heysel im glei­chen Jahr und 1989 Hills­bo­rough – Ver­wer­fungen, denen die alten Zeiten nicht stand­halten konnten.

Die neue Fuß­ball­welt, ein Kind der boo­menden Frei­zeit­branche, lukra­tiver Fern­seh­ver­träge und der Grün­dung der Pre­mier League, war nicht mehr auf­zu­halten. Eine Welt moder­ni­sierter Sta­dien, die große Teile der tra­di­tio­nellen Fan­szene nicht mehr von innen sehen, weil sie es sich nicht leisten können. Der Fuß­ball ver­än­derte sich, so wie die Gesell­schaft und die Stadt. Nur wenige Kilo­meter ent­fernt vom milden indus­tri­ellen Elend, das The Den“ umgibt, steht der mit kata­ri­schem Geld gebaute Wol­ken­kratzer The Shard“, in dem eine Pent­house-Suite 60 Mil­lionen Euro kostet.

Auch der FC Mill­wall hat sich ver­än­dert. Der Verein hat es geschafft, sein Image erheb­lich auf­zu­po­lieren, durch Sta­di­on­ver­bote und andere Maß­nahmen. Im letzten Jahr wurde er wieder mal zum fami­li­en­freund­lichsten Klub der unteren Ligen gewählt. Zudem ist der Verein seit den dunklen Acht­zi­gern vor allem dafür bekannt, dass er sich mit großem Eifer fürs Gemein­wohl enga­giert und durch die Stif­tung Mill­wall Com­mu­nity Trust“ viel Gutes im Stadt­teil tut. (Ironie des Schick­sals: Zu Beginn geschah das in Zusam­men­ar­beit mit dem Gemein­derat von Lewisham, der den Klub sogar kurz spon­serte. Eben jener Gemein­derat, der inzwi­schen scharf auf Mill­walls Land ist.)

Doch manche Dinge ändern sich nur langsam. Immer wieder mal wirft man dem Klub vor, er habe ras­sis­ti­sche Fans. Das ist ein beson­ders heikles Thema für einen Verein, der in vielen Berei­chen mul­ti­kul­tu­rell ist. Aber es lässt sich auch nicht leugnen, dass Mill­wall auch heute noch unan­ge­nehme Typen anzieht, die wirk­lich gewalt­tätig oder eben offen ras­sis­tisch sind und die The Den“ für einen Ort halten, an dem gesell­schaft­lich sank­tio­nierte Hal­tungen noch irgendwie tole­riert werden. Der FC Mill­wall hat Armut, Hass und Gewalt, soziale Span­nungen und kul­tu­relle Kon­flikte nicht erfunden – aber sie landen immer wieder auf seiner Tür­schwelle.

Rot­ge­sich­tige Mitt­vier­ziger mit Bauch­an­satz

Im August 2009 wurde das beson­ders offenbar, als Mill­wall zum Rivalen West Ham United reiste. Diese Paa­rung ist berüch­tigt. Sie heißt auch The Docker’s Derby“, weil hier ursprüng­lich die Werft­ar­beiter vom Nord­ufer gegen die vom Süd­ufer antraten. Später bekam das Spiel auch noch einen düs­teren Touch durch die Riva­lität lokaler Gangs­ter­fa­mi­lien – die Krays im Norden, die Richard­sons in der Nähe von Ber­mondsey. An jenem Tag vor neun Jahren eska­lierten die alten Span­nungen und es kam zu einer Art Hoo­ligan-Revival, bei dem 21 Men­schen ver­letzt wurden. An den Videos von der Hauerei, die man auf You­tube sehen konnte, fiel beson­ders auf, wie alt die Prügler waren. Rot­ge­sich­tige Mitt­vier­ziger mit Bauch­an­satz und lichtem Haar, die mit einem Zie­gel­stein in der Hand ihre Jugend wie­der­auf­leben ließen. Das Internet war empört. Aber das Internet konnte auch nicht auf­hören, sich das anzu­sehen.

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Ein Ort jen­seits der schönen neuen Welt.

Sebas­tian Wells

Genau wie nach dem Pokal­spiel zwi­schen Tot­tenham und Mill­wall in der letzten Saison. In Win­des­eile ver­brei­tete sich ein Film, auf dem man zwei Tot­tenham-Fans sieht, die einigen vor­bei­ge­henden Mill­wall-Fans etwas zurufen. Fast bei­läufig tritt einer der Ange­spro­chenen aus der Gruppe, holt einen der beiden Spurs-Fans mit einem ein­zigen Schlag von den Füßen und spa­ziert see­len­ruhig mit seinen Kum­pels weiter.

Mill­wall-Fan Nick Hart sagt: Die Vor­stel­lung, dass jemand seinen Lebens­un­ter­halt mit harter kör­per­li­cher Arbeit ver­dient, im Falle von Mill­wall in den Docks, und sich dann sein Fuß­ball­team anschaut, hat etwas von einer Art Männ­lich­keits­nost­algie. Hier fin­dest du Leute, denen es gefällt, diese Art von Atmo­sphäre noch mal zu erleben. Es geht darum, seine Wur­zeln wie­der­zu­finden und sie fest­zu­halten. Ich glaube, hier gibt es ein fast greif­bares Gefühl von Gemein­schaft, mehr als irgendwo sonst heut­zu­tage. Wenn das ver­schwindet, dann ist es für immer weg.“