Fuck you, I’m Mill­wall!“ Roy Larner trank an diesem Junitag gerade ein Bier im Black and Blue“, einem Restau­rant nahe der London Bridge, als drei Männer durch die Tür stürmten und die Gäste sofort mit Macheten zu atta­ckieren begannen. Larner, ein 47-jäh­riger Mill­wall-Fan, reagierte schnell. Er sprang aus seinem Stuhl, rief den Namen jenes kleinen, wider­bors­tigen Zweit­li­gisten und ging mit bloßen Händen auf die Angreifer los, die sich später als IS-Ter­ro­risten her­aus­stellten. Larner bekam acht Stiche ab, ver­ließ das Restau­rant trotzdem auf zwei Beinen – und sah noch, wie die Polizei die drei Atten­täter erschoss.

In den Wochen danach wurde Larner so etwas wie ein Volks­held. Man nannte ihn den Löwen der London Bridge“, ein Ver­weis auf das Mas­kott­chen des FC Mill­wall, und lud ihn ein, seine Wunden in Fern­seh­shows zu prä­sen­tieren. Sein Schlachtruf Fuck you, I’m Mill­wall!“ wurde zu einem Twitter-Hashtag, zu einem Inbe­griff für Wider­stand und am Ende sogar zu einer Mode­linie.

Blut­dürs­tiger Fana­tiker gegen Got­tes­krieger

Acht Men­schen starben an jenem Abend im Zen­trum Lon­dons, doch es gehört eben zu den Merk­malen der Briten, dass sie ihren Sinn für schwarzen Humor bewahren. In diesem Fall war es die Vor­stel­lung, dass Ter­ro­risten auf Mill­wall treffen, als der viel­leicht absur­deste Zusam­men­prall von Kul­turen, den man sich vor­stellen kann. In der einen Ecke: blut­dürs­tige Fana­tiker, vor denen die Men­schen zit­tern. In der anderen: die Got­tes­krieger des IS. Einen kurzen Moment lang war der FC Mill­wall, der gerne als größter kleiner Klub der Welt bezeichnet wird, fast schon ange­sagt.

Doch dabei konnte es nicht lange bleiben, schließ­lich haben wir es hier mit Mill­wall zu tun. Und so tauchte, kurz nachdem dar­über gespro­chen wurde, dass Larner eine Tap­fer­keits­me­daille bekommen sollte, im Internet ein altes Video auf, das ihn dabei zu zeigen scheint, wie er sich auf häss­liche Art mit einem Pas­santen anlegt. Die Nation war gera­dezu beru­higt, sie konnte zum Nor­mal­zu­stand zurück­kehren. In dem werden die Anhänger des FC Mill­wall glei­cher­maßen gegei­ßelt wie heim­lich feti­schi­siert. Es sind Fans, die sich zur Arbei­ter­klasse ebenso bekennen wie zu dem harten Viertel, aus dem sie kommen. Eine Art ver­lo­rener urbaner Stamm.

Kleines, dre­ckiges Geheimnis

Im eng­li­schen Bewusst­sein nimmt Mill­wall heute einen selt­samen Platz ein. Hört man den Namen des Klubs, ent­steht gleich das Bild des klas­si­schen glatz­köp­figen Hoo­li­gans und wird mit fast so etwas wie Nost­algie betrachtet. Auf seine eigene Art ist Mill­wall ein Teil der eng­li­schen Pop­kultur geworden, wie Teds, Punks oder Mods – eine wei­tere Jugend­kultur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts.

Mill­wall ist das kleine, dre­ckige Geheimnis des Fuß­balls“, sagt Mickey Simpson vom Dach­ver­band der Mill­wall-Fans. Er stammt aus dem Stadt­teil Ber­mondsey, der Heimat des Klubs, wohnt aber inzwi­schen mit seiner jungen Familie in Kent, was ein durchaus typi­scher Weg für Mill­wall-Anhänger und andere weiße Süd-Lon­doner aus der Arbei­ter­klasse ist. Jeder hasst uns oder redet dar­über, dass er es tut. Aber wir sind auch ihr heim­li­ches Laster, denn ins­ge­heim wollen alle Fans wie Mill­wall-Fans sein. Man­chester United, Liver­pool – all diese Fans wün­schen sich doch, dass es bei ihrem Klub eine Stim­mung gibt, wie Mill­wall sie schafft.“ Ob das stimmt, sei mal dahin­ge­stellt, denn Mill­wall gilt nach wie vor als Syn­onym für Gewalt im Fuß­ball und für das, was einst die eng­li­sche Krank­heit“ genannt wurde.