Seite 3: Die Klubs liegen auf der Lauer

Trotz des Fahn­dungs­drucks, so sagt Plum, wird sich die Lage nicht grund­sätz­lich ändern. Wir hinken immer hin­terher und werden das auch weiter tun.“ Der Mann mit der Robo­ter­stimme bestä­tigt das und erzählt, dass einer seiner Dealer-Kol­legen Karten über einen offi­zi­ellen Fan­klub von Ein­tracht Frank­furt bezieht, der nur noch zu diesem Zweck besteht.

Anderswo gibt das auch. Beim 1. FSV Mainz 05 behauptet Bledon einige Jah­res­karten zu unter­halten, die sich allein schon des­halb ren­tieren, wenn man sie für die Spit­zen­spiele gegen Bayern, Dort­mund, Frank­furt oder Schalke wei­ter­geben kann. Auch aus diesem Grund zieht der FC Bayern Jah­res­karten ein, die nicht min­des­tens in zehn von 17 Sai­son­spielen benutzt werden.

Unein­deu­tige Rechts­lage

Das größte Pro­blem bei der Bekämp­fung des Schwarz­markts aber ist die unein­deu­tige Rechts­lage. Den ver­schie­denen Ticket­platt­formen konnte bis­lang juris­tisch nicht ent­schei­dend bei­gekommen werden, obwohl sie teil­weise Gebühren kas­sieren, die sit­ten­widrig erscheinen. Ansonsten ver­stößt nie­mand gegen ein Gesetz, der sein Ticket selbst zu dra­ma­tisch über­höhten Preisen wei­ter­ver­kauft. Aber die Ver­eine ver­bieten das dafür in ihren All­ge­meinen Geschäfts­be­din­gungen: Wer eine Ein­tritts­karte mit mehr als 15 Pro­zent Auf­schlag ver­kauft, ver­stößt dagegen.

Ein Fans, der also eine über­zäh­lige Ein­tritts­karte nicht auf den Zweit­markt­platt­formen anbietet, die 16 Klubs der Ersten und Zweiten Bun­des­liga inzwi­schen haben, son­dern sie über eBay oder Viagogo ver­kauft, kann Pro­bleme bekommen und sein Abnehmer auch. Die Klubs liegen auf der Lauer oder lassen auf der Lauer liegen. Die Dort­munder Anwalts­kanzlei Becker & Hau­mann ist inzwi­schen im Auf­trag von acht Bun­des­li­gisten unter­wegs, unter anderem von Borussia Dort­mund. So kann es einem Kunden, der sein Ticket auf dem digi­talen Schwarz­markt gekauft hat, also pas­sieren, dass dieses an der Sta­di­on­kasse gesperrt ist. Meis­tens lassen die Klubs die Zuschauer später doch ein, an der Clea­ring­stelle müssen sie aber erklären, woher sie die Tickets haben.

So kommen die Verein viel­leicht nicht an die pro­fes­sio­nellen Schwarz­händler, die sich hinter fal­schen Anschriften ver­bergen, zumin­dest aber an die Zufalls- oder Gele­gen­heits­händler.

Wer beim BVB erwischt wird, darf ein Jahr lang keine Ein­tritts­karte kaufen. Auf den Anwalts­kosten bleibt er viel­leicht auch noch hängen. Den Klubs ist es aber wichtig, dass hier kein neues Geschäfts­mo­dell auf­ge­macht und für Abmah­nungen kas­siert wird, wie man das bei der Musik­in­dus­trie kennt“, sagt Rechts­an­walt Ulf Hauman. Auch Michael Plum unter­scheidet zwi­schen Ama­teuren und Profis: Wenn bei uns einer seit 1978 Mit­glied von Borussia Mön­chen­glad­bach ist und zum ersten Mal auf­fällt, rufen wir ihn an und ermahnen ihn freund­lich.“

Wie Leer­ver­käufe an der Börse

Plum glaubt auch zu wissen, wer dieser Wim Bledon hinter dem Stimm­ver­zerrer ist, kann es aber nicht beweisen. Doch der Ticket­dealer ahnt selber, dass er sein Geschäft ver­mut­lich nicht ewig wird wei­ter­führen können. Mit­tel­fristig plant er schon den Aus­stieg: So langsam habe ich genug auf der hohen Kante.“ Die Euro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich nächstes Jahr will er noch mit­nehmen. Dass es dafür jetzt schon Tickets zu kaufen gibt, obwohl noch keine Paa­rung fest­steht, erklärt er wie die Leer­ver­käufe an der Börse.

Man ver­kauft eine Ware, die es noch nicht gibt, muss sie zum ent­spre­chenden Zeit­punkt natür­lich beschaffen und hofft dabei auf hohen Gewinn. Doch im großen, glo­balen Geschäft mit Ein­tritts­karten zu den wich­tigen Tur­nieren spielen Mit­tel­ständler wie er nur eine Neben­rolle. Da steckt orga­ni­sierte Kri­mi­na­lität mit im Geschäft“, sagt die Stimme. Und das ist noch mal eine ganz andere Geschichte.

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Die Repor­tage erschien in 11FREUNDE #168. Ihr bekommt sie immer noch im Shop oder im App-Store.