Seite 2: Virtuelle Identitäten

Ansonsten ist die Beschaf­fung der Karten vor allem Fleiß­ar­beit. Mal fährt der Schwarz­händler direkt bei Vor­ver­kaufs­start die Vor­ver­kaufs­stellen ab, denn selbst im digi­talen Zeit­alter gibt es sie sogar bei Borussia Dort­mund noch. Haupt­säch­lich ist es aber ein Job am Com­puter. Wenn man sich ein paar Sonn­tag­nach­mit­tage hin­setzt und die Bestel­lungen aus einer Excel-Tabelle in das Bestell­for­mular hin­ein­ko­piert und immer wieder den Senden-Button drückt, ist das ziem­lich leicht ver­dientes Geld“, sagt er. Aller­dings musste er dazu vorher vir­tu­elle Iden­ti­täten mit E‑Mail-Anschriften schaffen und diese mit realen Post­an­schriften und Kre­dit­kar­ten­num­mern ver­binden.

Das ist der kom­pli­zier­teste Teil der Akqui­si­tion. Manchmal stehen ganze Fami­lien dahinter, die sich so etwas Geld hinzu ver­dienen. Oft suchen Schwarz­händler Hoch­haus­sied­lungen nach unbe­nutzten Brief­kästen, auf die sie dann viele Namen schreiben. Weil manche Klubs Ein­tritts­karten nur noch an Mit­glieder ver­kaufen, haben sie inzwi­schen auch vir­tu­elle Mit­glieder in ihren Kar­teien. Borussia Mön­chen­glad­bach geht davon aus, dass es unge­fähr 2000 der ins­ge­samt 72 000 Mit­glieder sind. Andere umla­gerte Spit­zen­klubs dürften auf ähn­liche Zahlen kommen.

Schwarz­markt­profis reicht ein Spiel

Beim größten deut­schen Klub sind die Ein­tritts­karten am hef­tigsten umkämpft. Der FC Bayern hat 38 000 Dau­er­kar­ten­in­haber, für die rest­li­chen 37 000 Karten pro Spiel stellt sich immer die gleiche Frage. Wie können wir diese Tickets gerecht ver­teilen?“, sagt Oliver Meß­taler, der Direktor Ticke­ting beim FC Bayern. Die 270 000 Mit­glieder bzw. die 300 000 Mit­glieder in den rund 4000 Bayern-Fan­klubs können sich weit vor der Saison auf Spiele bewerben, im März nächsten Jahres etwa schon für die Saison 2016/17. Die Tickets werden ver­lost, wobei es bis zu zwanzig Fil­ter­kri­te­rien gibt, um die Karten mög­lichst gerecht unter die Fans zu bringen. Die früh­zei­tige Ver­tei­lung sorgt aber auch dafür, dass manch einer gerade gar nicht kann, wenn sein Spiel ange­setzt ist.

Schwarz­markt­profis reicht es, für ein Spit­zen­spiel der Bayern eine Hand­voll Karten zu bekommen, um das Monats­ge­halt eines Fach­ar­bei­ters ein­zu­strei­chen. In der Spitze geht sogar noch mehr: Mit nur einer Karte fürs Finale dahoam“, Bayern gegen Chelsea 2012, machte Wim Bledon 2000 Euro Gewinn. Eine gute Quelle bei den Spit­zen­klubs ist auch das Kar­ten­kon­tin­gent der Gäs­te­teams. Wenn Ingol­stadt in Dort­mund oder Hof­fen­heim in Mün­chen spielt, kommt man mit etwas Geschick leicht an Tickets, die man dann mit üppigem Auf­schlag an BVB- oder Bayern-Fans ver­kaufen kann.

1200 Karten für eine Partie

Mein Rekord ist es gewesen, 1200 Karten für ein Bun­des­li­ga­spiel zu beschaffen“, behauptet Bledon. Dass solche Zahlen keine Ange­berei sind, hat er seinem Ver­leger Philip Berger auf unge­wöhn­liche Weise nach­ge­wiesen. Der Chef des kleinen Panda-Ver­lags in Frank­furt bekam von seinem Autor 500 Ein­tritts­karten eines Bun­des­li­ga­spiels zuge­schickt, um zu beweisen, dass er sich nicht alles aus­ge­dacht hatte. Wir prüften zehn Stück dieser Karten und in der Tat bestä­tigte uns der Verein, dass sämt­liche von uns genannten Karten nicht genutzt worden seien – sprich: Die von Herrn Bledon uns zuge­sandten Karten waren tat­säch­lich alle­samt bezahlt, aber unge­nutzt ver­fallen“, schreibt Berger in einer Mail.

Zehn­tau­sende Euro musste Bledon damals abschreiben. Warum das so war, bleibt unklar. Aber es gehen halt nicht alle Geschäfte auf, und es gibt Fehl­spe­ku­la­tionen. Ver­mut­lich ver­kaufte der Dealer den rie­sigen Kar­ten­satz aber auch des­halb nicht, weil der betref­fende Klub ihm auf der Spur war. Anony­mität aber ist die Geschäfts­grund­lage. Vor allem einen wie Michael Plum von Borussia Mön­chen­glad­bach möchte man lieber nicht an den Hacken haben. Der Abtei­lungs­leiter Ver­wal­tung & Con­trol­ling, Mit­glie­der­be­treuung und Ticke­ting ist ein echter Fuß­ballfan und lehnt den Schwarz­handel nicht nur pro­fes­sio­nell ab, son­dern voller Pas­sion. Mir als Fuß­ballfan geht es unheim­lich auf den Sack, wenn in Dort­mund bei uns im Gäs­te­block plötz­lich Gelbe sind“, sagt er.

Die Jäger

So gibt es in der Bun­des­liga wohl kaum einen so pas­sio­nierten Jäger von Schwarz­händ­lern wie ihn: Wir ver­folgen das intensiv und nicht halb­seiden.“ Zwanzig Fans der Glad­ba­cher scannen für ihn ehren­amt­lich das Internet danach, wo mit Glad­bach-Karten gedealt wird und ver­su­chen die Her­kunft zu klären. Plum und seine Leute haben auch schon vor prä­pa­rierten Brief­kästen in Hoch­haus­sied­lungen gestanden. Irgend­wann mal hatten sie sogar keine Ein­tritts­karten mehr an Anschriften in Lünen gelie­fert, weil sie dort einen Schwarz­händler geortet hatten, der rei­hen­weise Freunde und Ver­wandte vor Ort für seine Zwecke ein­ge­spannt hatte.

Glad­bach hat sogar das gemacht, was Wim Bledon aner­ken­nend für schon fast Wahn­sinn“ hält. Der Klub ist unter Tar­nung selber als Kunde auf dem Schwarz­markt auf­ge­taucht, um so an Ver­käu­fer­daten zu gelangen, die nicht hinter Fake-Adressen sitzen. Ich hatte nie gedacht, dass ein Verein das machen würde. Das hätte ich nur Bayern Mün­chen zuge­traut“, sagt er ins Telefon. Zurecht übri­gens, denn auch Bayern Mün­chen ist mit­unter ver­deckt als Auf­käufer unter­wegs.