Es ist Abend, als sich der unbe­kannte Anrufer zur ver­ab­re­deten Zeit meldet. Die Nummer ist erwar­tungs­gemäß unter­drückt, seine Stimme klingt über­ra­schend robo­ter­haft. Ist das Telefon kaputt, oder warum hört es sich an, als ob er durch ein Rohr spricht? Nein, da ist ein Stimm­ver­zerrer zwi­schen­ge­schaltet“, sagt er so, als sei das völlig selbst­ver­ständ­lich.

Aber viel­leicht ist es das auch, denn kurz darauf wird er behaupten, mit dem Handel von Ein­tritts­karten pro Monat rund 15 000 Euro zu ver­dienen. Dass er seine Iden­tität unbe­dingt geheim halten will, liegt nicht daran, dass das Dealen mit Tickets ver­boten wäre, denn das ist es nicht. Vor allem will er sich vor den Nach­for­schungen des Finanz­amts schützen. Der Unbe­kannte betreibt seit über zehn Jahren ein Geschäft, für das er noch nie Steuern gezahlt hat.

Bis 700 Karten bei einem Spiel

Er selbst hält sich für einen mit­tel­stän­di­schen Händler“ in einer Branche, deren Größe man nur schätzen kann. Die Deut­sche Fuß­ball-Liga ver­fügt laut eigener Aus­kunft über keine ver­läss­li­chen Zahlen, wie viele Ein­tritts­karten für Bun­des­li­ga­spiele jähr­lich auf dem Schwarz­markt landen. Es gibt nur Ori­en­tie­rungs­werte. Der FC Bayern etwa geht davon aus, dass im Schnitt zwi­schen 500 bis 700 Karten pro Spiel meist­bie­tend oder zu hohen Fest­preisen wei­ter­ver­kauft werden.

Borussia Mön­chen­glad­bach zählte vor drei Spiel­zeiten fast 3000 Auk­tionen ihrer Karten bei eBay für alle Spiele, letzte Saison waren es nur noch 800. Man geht davon aus, dass im Schnitt 2,5 Karten pro Auk­tion ver­hö­kert werden. Dann gibt es noch Viagogo, Seat­wave und andere Platt­formen, wo zusammen wohl ein wei­teres Drittel des Schwarz­han­dels statt­findet. Der klas­si­sche Schwarz­markt vor dem Sta­dion, wo ver­sprengte Händler ihre Suche Karte“-Schilder hoch­halten, spielt hin­gegen nur noch eine Neben­rolle.

Pro­fi­ta­bler als Sex oder Drogen“

Der Mann hinter dem Stimm­ver­zerrer geht von 60 000 Fuß­ball­ti­cket­auk­tionen bei eBay pro Saison aus. Damit würde man, die andere Platt­formen mit ein­ge­rechnet, auf rund 200 000 Schwarz­markt­ti­ckets kommen. Bei einem Preis von kon­ser­vativ geschätzten hun­dert Euro pro Karte wäre der Markt um die zwanzig Mil­lionen Euro groß. Dieses Geschäft ist pro­fi­ta­bler als Sex oder Drogen“, behauptet der pro­fes­sio­nelle Ticket­dealer.

Das ist natür­lich massiv über­trieben, aber er liebt selbst in der Anony­mität große Worte und die dra­ma­ti­sche Insze­nie­rung. Unter Pseud­onym hat er ein Buch geschrieben, das den Titel Schwarz­markt Ticket­handel“ trägt und im Unter­titel behauptet: Ein Dealer packt aus“. Das tut er aller­dings wirk­lich, denn so genau ist noch nie erklärt worden, wie hier­zu­lande der Schwarz­handel mit Ein­tritts­karten, vor allem beim Fuß­ball, funk­tio­niert. Es herrscht Krieg zwi­schen Ver­einen und Schwarz­händ­lern“, sagt die Stimme am Telefon.

Die tech­noide Stimme am Telefon

Zwi­schen die Fronten geraten dabei jene Fans, die auf dem Schwarz­markt Ein­tritts­karten für ein Fuß­ball­spiel kaufen, das sie unbe­dingt sehen wollen. Gerne wüssten sie, woher die Tickets eigent­lich kommen. Etwa die fürs Ach­tel­fi­nale der Euro­pa­meis­ter­schaft am 27. Juni kom­menden Jahres in Nizza. Über Viagogo können schon heute Karten bestellt werden, vier Tickets der besten Kate­gorie für je 654,99 Euro plus unglaub­liche 392,99 Euro Buchungs­ge­bühr. Und woher stammten eigent­lich die beiden Karten für die Süd­kurve der Arena in Mün­chen, die bei eBay im Oktober vor dem Spit­zen­spiel zwi­schen dem FC Bayern und Borussia Dort­mund für knapp über 600 Euro den Besitzer wech­selten? Warum konnte der Online-Markt­platz Ticketbis zudem stolz melden, dass für die gleiche Partie eine VIP-Karte sogar für 1100 Euro an einen Japaner ver­kauft wurde?

Die tech­noide Stimme am Telefon hat sich als Buch­autor das reich­lich bescheu­erte Pseud­onym Wim Bledon zuge­legt. Wenn er die Her­kunft der Tickets erklärt, öffnet sich ein erstaun­li­ches Par­al­lel­uni­versum, in dem es sogar eigene Wörter gibt. Aus­schleusen“ ist so eins. Der Dealer erzählt davon, dass er in einigen Ver­einen seine Leute sitzen hat, die Karten für ihn aus dem nor­malen Ver­kaufs­pro­zess aus­schleusen“. Ver­gli­chen mit ihrem Stun­den­lohn an der Kasse ver­dienen die Beschaffer bei mir mehr“, sagt er.

Ansonsten ist die Beschaf­fung der Karten vor allem Fleiß­ar­beit. Mal fährt der Schwarz­händler direkt bei Vor­ver­kaufs­start die Vor­ver­kaufs­stellen ab, denn selbst im digi­talen Zeit­alter gibt es sie sogar bei Borussia Dort­mund noch. Haupt­säch­lich ist es aber ein Job am Com­puter. Wenn man sich ein paar Sonn­tag­nach­mit­tage hin­setzt und die Bestel­lungen aus einer Excel-Tabelle in das Bestell­for­mular hin­ein­ko­piert und immer wieder den Senden-Button drückt, ist das ziem­lich leicht ver­dientes Geld“, sagt er. Aller­dings musste er dazu vorher vir­tu­elle Iden­ti­täten mit E‑Mail-Anschriften schaffen und diese mit realen Post­an­schriften und Kre­dit­kar­ten­num­mern ver­binden.

Das ist der kom­pli­zier­teste Teil der Akqui­si­tion. Manchmal stehen ganze Fami­lien dahinter, die sich so etwas Geld hinzu ver­dienen. Oft suchen Schwarz­händler Hoch­haus­sied­lungen nach unbe­nutzten Brief­kästen, auf die sie dann viele Namen schreiben. Weil manche Klubs Ein­tritts­karten nur noch an Mit­glieder ver­kaufen, haben sie inzwi­schen auch vir­tu­elle Mit­glieder in ihren Kar­teien. Borussia Mön­chen­glad­bach geht davon aus, dass es unge­fähr 2000 der ins­ge­samt 72 000 Mit­glieder sind. Andere umla­gerte Spit­zen­klubs dürften auf ähn­liche Zahlen kommen.

Schwarz­markt­profis reicht ein Spiel

Beim größten deut­schen Klub sind die Ein­tritts­karten am hef­tigsten umkämpft. Der FC Bayern hat 38 000 Dau­er­kar­ten­in­haber, für die rest­li­chen 37 000 Karten pro Spiel stellt sich immer die gleiche Frage. Wie können wir diese Tickets gerecht ver­teilen?“, sagt Oliver Meß­taler, der Direktor Ticke­ting beim FC Bayern. Die 270 000 Mit­glieder bzw. die 300 000 Mit­glieder in den rund 4000 Bayern-Fan­klubs können sich weit vor der Saison auf Spiele bewerben, im März nächsten Jahres etwa schon für die Saison 2016/17. Die Tickets werden ver­lost, wobei es bis zu zwanzig Fil­ter­kri­te­rien gibt, um die Karten mög­lichst gerecht unter die Fans zu bringen. Die früh­zei­tige Ver­tei­lung sorgt aber auch dafür, dass manch einer gerade gar nicht kann, wenn sein Spiel ange­setzt ist.

Schwarz­markt­profis reicht es, für ein Spit­zen­spiel der Bayern eine Hand­voll Karten zu bekommen, um das Monats­ge­halt eines Fach­ar­bei­ters ein­zu­strei­chen. In der Spitze geht sogar noch mehr: Mit nur einer Karte fürs Finale dahoam“, Bayern gegen Chelsea 2012, machte Wim Bledon 2000 Euro Gewinn. Eine gute Quelle bei den Spit­zen­klubs ist auch das Kar­ten­kon­tin­gent der Gäs­te­teams. Wenn Ingol­stadt in Dort­mund oder Hof­fen­heim in Mün­chen spielt, kommt man mit etwas Geschick leicht an Tickets, die man dann mit üppigem Auf­schlag an BVB- oder Bayern-Fans ver­kaufen kann.

1200 Karten für eine Partie

Mein Rekord ist es gewesen, 1200 Karten für ein Bun­des­li­ga­spiel zu beschaffen“, behauptet Bledon. Dass solche Zahlen keine Ange­berei sind, hat er seinem Ver­leger Philip Berger auf unge­wöhn­liche Weise nach­ge­wiesen. Der Chef des kleinen Panda-Ver­lags in Frank­furt bekam von seinem Autor 500 Ein­tritts­karten eines Bun­des­li­ga­spiels zuge­schickt, um zu beweisen, dass er sich nicht alles aus­ge­dacht hatte. Wir prüften zehn Stück dieser Karten und in der Tat bestä­tigte uns der Verein, dass sämt­liche von uns genannten Karten nicht genutzt worden seien – sprich: Die von Herrn Bledon uns zuge­sandten Karten waren tat­säch­lich alle­samt bezahlt, aber unge­nutzt ver­fallen“, schreibt Berger in einer Mail.

Zehn­tau­sende Euro musste Bledon damals abschreiben. Warum das so war, bleibt unklar. Aber es gehen halt nicht alle Geschäfte auf, und es gibt Fehl­spe­ku­la­tionen. Ver­mut­lich ver­kaufte der Dealer den rie­sigen Kar­ten­satz aber auch des­halb nicht, weil der betref­fende Klub ihm auf der Spur war. Anony­mität aber ist die Geschäfts­grund­lage. Vor allem einen wie Michael Plum von Borussia Mön­chen­glad­bach möchte man lieber nicht an den Hacken haben. Der Abtei­lungs­leiter Ver­wal­tung & Con­trol­ling, Mit­glie­der­be­treuung und Ticke­ting ist ein echter Fuß­ballfan und lehnt den Schwarz­handel nicht nur pro­fes­sio­nell ab, son­dern voller Pas­sion. Mir als Fuß­ballfan geht es unheim­lich auf den Sack, wenn in Dort­mund bei uns im Gäs­te­block plötz­lich Gelbe sind“, sagt er.

Die Jäger

So gibt es in der Bun­des­liga wohl kaum einen so pas­sio­nierten Jäger von Schwarz­händ­lern wie ihn: Wir ver­folgen das intensiv und nicht halb­seiden.“ Zwanzig Fans der Glad­ba­cher scannen für ihn ehren­amt­lich das Internet danach, wo mit Glad­bach-Karten gedealt wird und ver­su­chen die Her­kunft zu klären. Plum und seine Leute haben auch schon vor prä­pa­rierten Brief­kästen in Hoch­haus­sied­lungen gestanden. Irgend­wann mal hatten sie sogar keine Ein­tritts­karten mehr an Anschriften in Lünen gelie­fert, weil sie dort einen Schwarz­händler geortet hatten, der rei­hen­weise Freunde und Ver­wandte vor Ort für seine Zwecke ein­ge­spannt hatte.

Glad­bach hat sogar das gemacht, was Wim Bledon aner­ken­nend für schon fast Wahn­sinn“ hält. Der Klub ist unter Tar­nung selber als Kunde auf dem Schwarz­markt auf­ge­taucht, um so an Ver­käu­fer­daten zu gelangen, die nicht hinter Fake-Adressen sitzen. Ich hatte nie gedacht, dass ein Verein das machen würde. Das hätte ich nur Bayern Mün­chen zuge­traut“, sagt er ins Telefon. Zurecht übri­gens, denn auch Bayern Mün­chen ist mit­unter ver­deckt als Auf­käufer unter­wegs.

Trotz des Fahn­dungs­drucks, so sagt Plum, wird sich die Lage nicht grund­sätz­lich ändern. Wir hinken immer hin­terher und werden das auch weiter tun.“ Der Mann mit der Robo­ter­stimme bestä­tigt das und erzählt, dass einer seiner Dealer-Kol­legen Karten über einen offi­zi­ellen Fan­klub von Ein­tracht Frank­furt bezieht, der nur noch zu diesem Zweck besteht.

Anderswo gibt das auch. Beim 1. FSV Mainz 05 behauptet Bledon einige Jah­res­karten zu unter­halten, die sich allein schon des­halb ren­tieren, wenn man sie für die Spit­zen­spiele gegen Bayern, Dort­mund, Frank­furt oder Schalke wei­ter­geben kann. Auch aus diesem Grund zieht der FC Bayern Jah­res­karten ein, die nicht min­des­tens in zehn von 17 Sai­son­spielen benutzt werden.

Unein­deu­tige Rechts­lage

Das größte Pro­blem bei der Bekämp­fung des Schwarz­markts aber ist die unein­deu­tige Rechts­lage. Den ver­schie­denen Ticket­platt­formen konnte bis­lang juris­tisch nicht ent­schei­dend bei­gekommen werden, obwohl sie teil­weise Gebühren kas­sieren, die sit­ten­widrig erscheinen. Ansonsten ver­stößt nie­mand gegen ein Gesetz, der sein Ticket selbst zu dra­ma­tisch über­höhten Preisen wei­ter­ver­kauft. Aber die Ver­eine ver­bieten das dafür in ihren All­ge­meinen Geschäfts­be­din­gungen: Wer eine Ein­tritts­karte mit mehr als 15 Pro­zent Auf­schlag ver­kauft, ver­stößt dagegen.

Ein Fans, der also eine über­zäh­lige Ein­tritts­karte nicht auf den Zweit­markt­platt­formen anbietet, die 16 Klubs der Ersten und Zweiten Bun­des­liga inzwi­schen haben, son­dern sie über eBay oder Viagogo ver­kauft, kann Pro­bleme bekommen und sein Abnehmer auch. Die Klubs liegen auf der Lauer oder lassen auf der Lauer liegen. Die Dort­munder Anwalts­kanzlei Becker & Hau­mann ist inzwi­schen im Auf­trag von acht Bun­des­li­gisten unter­wegs, unter anderem von Borussia Dort­mund. So kann es einem Kunden, der sein Ticket auf dem digi­talen Schwarz­markt gekauft hat, also pas­sieren, dass dieses an der Sta­di­on­kasse gesperrt ist. Meis­tens lassen die Klubs die Zuschauer später doch ein, an der Clea­ring­stelle müssen sie aber erklären, woher sie die Tickets haben.

So kommen die Verein viel­leicht nicht an die pro­fes­sio­nellen Schwarz­händler, die sich hinter fal­schen Anschriften ver­bergen, zumin­dest aber an die Zufalls- oder Gele­gen­heits­händler.

Wer beim BVB erwischt wird, darf ein Jahr lang keine Ein­tritts­karte kaufen. Auf den Anwalts­kosten bleibt er viel­leicht auch noch hängen. Den Klubs ist es aber wichtig, dass hier kein neues Geschäfts­mo­dell auf­ge­macht und für Abmah­nungen kas­siert wird, wie man das bei der Musik­in­dus­trie kennt“, sagt Rechts­an­walt Ulf Hauman. Auch Michael Plum unter­scheidet zwi­schen Ama­teuren und Profis: Wenn bei uns einer seit 1978 Mit­glied von Borussia Mön­chen­glad­bach ist und zum ersten Mal auf­fällt, rufen wir ihn an und ermahnen ihn freund­lich.“

Wie Leer­ver­käufe an der Börse

Plum glaubt auch zu wissen, wer dieser Wim Bledon hinter dem Stimm­ver­zerrer ist, kann es aber nicht beweisen. Doch der Ticket­dealer ahnt selber, dass er sein Geschäft ver­mut­lich nicht ewig wird wei­ter­führen können. Mit­tel­fristig plant er schon den Aus­stieg: So langsam habe ich genug auf der hohen Kante.“ Die Euro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich nächstes Jahr will er noch mit­nehmen. Dass es dafür jetzt schon Tickets zu kaufen gibt, obwohl noch keine Paa­rung fest­steht, erklärt er wie die Leer­ver­käufe an der Börse.

Man ver­kauft eine Ware, die es noch nicht gibt, muss sie zum ent­spre­chenden Zeit­punkt natür­lich beschaffen und hofft dabei auf hohen Gewinn. Doch im großen, glo­balen Geschäft mit Ein­tritts­karten zu den wich­tigen Tur­nieren spielen Mit­tel­ständler wie er nur eine Neben­rolle. Da steckt orga­ni­sierte Kri­mi­na­lität mit im Geschäft“, sagt die Stimme. Und das ist noch mal eine ganz andere Geschichte.

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Die Repor­tage erschien in 11FREUNDE #168. Ihr bekommt sie immer noch im Shop oder im App-Store.