Seite 2: Unbestritten? Seine Eleganz

Die Spiel­über­sicht ist also etwas, was im Prinzip jeder Fuß­ball­spieler mit­bringen muss. Glei­ches gilt für das Stel­lungs­spiel in der Defen­sive. In beiden Hin­sichten mag Becken­bauer nicht schlechter gewesen sein als andere über­durch­schnitt­lich gute Spieler, aber eben auch nicht derart signi­fi­kant besser, dass man ihn in der Weise, wie das geschehen ist, in einer Son­der­ka­te­gorie her­aus­heben müsste.

Kri­ti­sieren an seinem Spiel könnte man: Er hat sich aus gefähr­li­chen Situa­tionen meist her­aus­ge­nommen und die Drecks­ar­beit anderen über­lassen; er hat sich seine Frei­heiten genommen und ist dann langsam zurück­ge­trabt, wäh­rend andere die Lücken schließen und die Struktur im Spiel auf­recht erhalten mussten; er hatte, in zahl­rei­chen Film­auf­nahmen immer wieder sichtbar, enorme Schwä­chen im Kopf­ball­spiel; er hat den Ball zumeist unbe­drängt ange­nommen und wei­ter­ver­ar­beitet; er zeigte tech­ni­sche Kabi­nett­stück­chen“, aller­dings war dar­unter nichts Außer­ge­wöhn­li­ches, bra­si­lia­ni­sche Kinder hätten ihm sicher­lich Tricks zeigen können, an denen er geschei­tert wäre.

Sicher war Becken­bauer tech­nisch äußerst begabt, und das was er tat, sah immer gekonnt aus. Vor allem seine geschlenzten Pässe, die er frei­lich nicht, wie immer behauptet wurde, locker aus dem Fuß­ge­lenk (das geht näm­lich gar nicht), son­dern locker aus dem mit­schwin­genden Knie­ge­lenk geschlagen hat. In jungen Jahren war er schnell und kon­di­ti­ons­stark, vor allem hatte er ein enormes Tempo beim Antritt. Er war selbst­be­wusst, traute sich etwas zu und hatte keine Hem­mungen, das Kom­mando an sich zu reißen. Aber das allein machte ihn noch nicht zu einem beson­deren Spieler.

Sein Bewe­gungs­ab­lauf ist so har­mo­nisch, wie ich es noch bei keinem anderen Spieler gesehen habe“

Helmut Schön über Beckenbauer

Unbe­stritten und unbe­streitbar ist die beson­dere Ele­ganz Becken­bauers. Sein Bewe­gungs­ab­lauf ist so har­mo­nisch, wie ich es noch bei keinem anderen Spieler gesehen habe“, pries Helmut Schön die Erschei­nung seines Kapi­täns auf dem Platz. Außerdem beherrscht er in der Ball- und Schlag­technik jede Vari­ante.“ An der Seite von Schwar­zen­beck kam seine tän­ze­ri­sche Leich­tig­keit im Kon­trast zu dessen bäue­risch-grober Kan­tig­keit noch besser zur Gel­tung. Spek­ta­kulär wurde Becken­bauers Aus­strah­lung aber erst dadurch, dass sich zur Bewe­gungs­be­ga­bung und zur tech­ni­schen Finesse auch noch ein bestimmter Habitus gesellte. Die Ana­lysten von spiel​ver​la​ge​rung​.de“ for­mu­lierten tref­fend: Erst seine Aura, sein Gang machen ihn zu einem außer­ge­wöhn­li­chen Akteur auf der Bühne des Welt­fuß­balls. Nie­mand reicht an seine Aus­strah­lung heran. Seine Kör­per­hal­tung – sie ist offen und selbst­be­wusst. […] Er schaut nicht nach unten. Ein Kaiser schaut nie nach unten.“

Becken­bauer scherte immer wieder aus der Mann­schafts­dis­zi­plin aus, kul­ti­vierte seinen eigen­sin­nigen und ego­is­ti­schen Stil und damit sein Image als beson­derer Spieler. Und als er es geschafft hatte, von den eigenen wie von den geg­ne­ri­schen Spie­lern als Star“ akzep­tiert zu werden, konnte er die dadurch ent­stan­denen psy­cho­lo­gi­schen Effekte nutzen und sein Poten­tial so ent­falten, als sei er in Watte gepackt. Wer für gut gehalten wird, der hält sich selbst für gut, spielt befreit auf, wird locker“, so der Psy­cho­loge Städler. Man sieht ihm gewisse Schwä­chen nach, akzep­tiert Ent­schul­di­gungen, ver­stärkt das Posi­tive, lässt ihm Frei­heiten, ent­lässt ihn teil­weise aus der Mann­schafts­dien­lich­keit‘.“ 

Je mehr die Mann­schaft den Kaiser als beson­deren Anführer akzep­tierte, desto mehr konnte sie sich umge­kehrt an seiner Auto­rität und der Erschei­nung seiner Erha­ben­heit auf­richten. Und je selbst­ver­ständ­li­cher und unver­wund­barer der Status des Kai­sers inner­halb der Mann­schaft wurde, desto unan­tast­barer wurde er für den Gegner. Becken­bauer wurde kaum einmal heftig atta­ckiert, keiner traute sich – mit Aus­nahme des Ita­lie­ners Pier­luigi Cera im WM-Halb­fi­nale von 1970 – ihn umzugrät­schen. Oft schwebte Becken­bauer, wie das die FAZ einmal aus­drückte, mit seiner über­trieben auf­rechten Kör­per­hal­tung bei­nahe wie ent­ma­te­ria­li­siert“ durchs Mit­tel­feld, andere schrieben von einer unsicht­baren Schutz­blase und der fuß­ball­kun­dige Phi­lo­soph Martin Hei­degger ver­suchte das Wesen der Genia­lität des Kaiser mit dem Begriff Unver­wund­bar­keit“ auf den Punkt zu bringen.