Seite 3: Die Sehnsucht nach einem Helden

Psy­cho­lo­gisch betrachtet war Becken­bauer für die Bayern und für die Natio­nal­mann­schaft somit tat­säch­lich ein unge­mein wich­tiger Spieler. Er pro­fi­tierte dabei zudem von opti­malen Bedin­gungen. Da war einmal die weitaus gerin­gere Ath­letik und die im Ver­gleich zu heute zeit­lu­pen­haft wir­kende Lang­sam­keit des dama­ligen Spiels, die ihm eine läs­sige Nut­zung von Frei­heiten erlaubte, da Ball­ver­luste, anders als im heu­tigen Tempo-Umschalt­spiel, nicht umge­hend bestraft wurden. Dazu kamen tak­ti­sche Zwangs­ja­cken. Tak­tisch gesehen habe ich damals die Schwach­stellen in der Mann­de­ckung aus­ge­nutzt“, sagte Becken­bauer selbst. Hätten die Gegner damals schon Raum­de­ckung gespielt, hätte er nie­mals so viele Frei­heiten in der Offen­sive gehabt. Nie­mand hielt ihn auf bei seinen Läufen, weil jeder Gegner seinen Mann abzu­schirmen hatte; solche Aktionen wären heute nicht mehr mög­lich, weil im ball­be­zo­genen Ver­schiebe-System der den Raum deckenden Defen­siv­ketten alle paar Meter einer im Weg steht.

In der Ent­wick­lung der Fuß­ball­taktik gab es also ein kurzes Zeit­fenster, in dem ein Libero-Kaiser regieren konnte. Es war zugleich ein beson­deres kul­tur­his­to­ri­sches Zeit­fenster, in dem sich der Fuß­ball vom Arbeiter- zum Mit­tel­schichts­sport wan­delte und sich beim Publikum wie bei den Medien eine neue Form von Hel­den­sehn­sucht und Hel­den­be­darf bemerkbar machte.

Alle waren Experten – alle lobten den Kaiser

Im gesell­schaft­li­chen Auf­bruch Ende der 1960er Jahre befreiten sich die Kicker vom Makel des Pro­le­ten­tums, tumbes Rackern und Grät­schen allein genügte einem neuen, sozial breiter gefä­cherten Publikum nicht mehr. Der Unter­hal­tungs­wert des Gebo­tenen und ästhe­ti­sche Beur­tei­lungs­kri­te­rien wurden im auf­kom­menden Star-Kult der sich ent­wi­ckelnden Erleb­nis­ge­sell­schaft immer wich­tiger. Im Natio­nal­trikot konnten ball­tech­nisch begabte Spieler wie Becken­bauer und Netzer genia­li­sche Tupfer setzen und damit der Welt demons­trieren, dass auch Deut­sche zum Künst­le­ri­schen taugen. Oder wie die FAZ“ das aus­drückte: In der Posi­tion des Liberos, die er recht eigent­lich schuf, ver­dich­teten sich Sehn­süchte, die das Land der Opel Asconas und Ford Capris ansonsten nur schwer ein­zu­lösen ver­mochte.“ Und, ganz wichtig: Alles geschah zu einer Zeit, als die Bil­dung von Mythen noch pro­blemlos mög­lich war, weil die tech­ni­schen (Fernseh-)Mittel fehlten, sie even­tuell zu ent­larven.

Des Kai­sers Kar­riere vollzog sich also in schönster Har­monie mit dem Zeit­geist. Folgt man Thomas Städler, dann gab es eine wei­terte Beson­der­heit, von der Becken­bauers Star-Image geprägt war: Man durfte an ihm sein Exper­tentum demons­trieren. Gerade wenn man kein Bay­ernfan war, machte es sich sehr gut, wenn man als objek­tiver Fuß­ball­fach­mann‘ Becken­bauers Son­der­klasse lobte. End­lich war es Hun­dert­tau­senden ver­gönnt, so geheim­nis­volle Dinge wie Stel­lungs­spiel und Spiel­aufbau zu erkennen und ken­ne­risch mit der Zunge zu schnalzen.“ Ob das, was man als Exper­ten­wissen von sich gab, mit den objek­tiven Gege­ben­heiten kor­re­lierte, war dann im Prinzip gar nicht mehr ent­schei­dend: Es zählte der Effekt des Wort­ge­klin­gels. Die Intel­lek­tu­ellen neigten zum so genannten linken“ Sturm-und Drang-Fuß­ball Günter Netzers und ver­pönten den so genannten rechten“ Effek­ti­vi­täts­fuß­ball der Bayern der späten Sieb­ziger, konnten aber trotzdem in einer selt­samen gedank­li­chen Ver­kno­tung nicht umhin, der dazu gar nicht pas­senden Diva“ Becken­bauer einen Aus­nah­me­s­tatus zuzu­ge­stehen.