Meine Groß­tante Elli, Jahr­gang 1903, Gott hab sie selig, hat in ihrem langen Leben alles gesehen und erlebt. Ihr Bruder starb also junger Soldat im Ersten Welt­krieg. Am Ende des Zweiten Welt­kriegs musste sie aus ihrer Heimat Schle­sien vor den Russen flüchten. Sie hasste Hitler, sie hasste Krieg, doch sie liebte das Leben. Tante Elli inter­es­sierte sich nicht für Politik. Doch von ihrer Ver­eh­rung für Kaiser Wil­helm II., der Deutsch­land in ihrer Kind­heit und Jugend regierte, wollte sie auch im hohen Alter nicht abrü­cken. Die Über­zeu­gung, dass Wil­helm II. nur das Beste für die Men­schen und das Land wollte, hat Elli bis zu ihrem Tod nicht ver­loren. Der Kaiser ein geis­tiger Tief­flieger – vom Inzest gezeichnet –, der die Welt ins Unglück stürzte, auch weil er schlechten Bera­tern ver­traute? Da keifte Elli nur: Red’ nicht so einen Unsinn, Junge!“

Als ich in der Süd­deut­sche Zei­tung nun das Inter­view mit Franz Becken­bauer las, musste ich an Tante Elli denken, an ihre Stur­köp­fig­keit, wenn es um Wil­helm II. ging. Dass für sie nicht sein konnte, was nicht sein darf. Als ich ein Kind war, gab es in diesem Land auch einen Kaiser. Aber der befeh­ligte keine Streit­kräfte und ent­schied auch nicht über Leben und Tod. Denn Franz Becken­bauer war ein guter Kaiser. Einer, der so undeutsch mit dem Ball jon­glierte, dass er trotz des kon­ser­va­tiven Back­grounds wie eine Sym­bol­figur des modernen, welt­of­fenen, fried­lie­benden Willy-Brandt-Deutsch­lands wirkte. Einer, der auch ohne Trai­ner­schein mit­tel­mä­ßige Beton­ki­cker zu Welt­meis­tern triezte. Der mit seiner Aura sogar die Schat­ten­männer der FIFA so bezirzte, dass die ihm trotz vieler Wider­stände eine WM zu Füßen legten.

Ein Offen­ba­rungseid. Eine Selbst­de­mon­tage. Das Ende des Mythos.

In kind­li­chem Gut­glauben habe ich in den ver­gan­genen Wochen gehofft, dass Becken­bauer aus der für ihn unge­wohnten Schweig­sam­keit auf­steigt und so lässig wie der­einst das Leder nun alle Vor­würfe an sich abtropfen lässt. Natür­lich war schon länger klar, dass er nicht frei von Schuld in der Sommermärchen“-Affäre sein kann. Aber wie hat er es denn früher mit Krisen gemacht? Er hat sie weg­ge­lä­chelt. Als glück­lich Ver­hei­ra­teter mode­rierte er mit einem Ja, gut, ähh, sich sach mal…“-Augenzwinkern selbst einen Weih­nachts­fei­er­ab­sturz mit anschlie­ßender Schwan­ger­schaft als gött­li­chen Willen ab. Nie ist ein Fremd­gänger ele­ganter aus so einer Nummer raus­ge­kommen. Wir alle ahnten natür­lich, dass sich auch ein Kaiser Franz seine Wirk­lich­keit mit­unter so zurecht­legt, wie er es für richtig hält. Aber wer macht das denn nicht ab und an?

Also warum nicht auch diesmal? Ja mei, wo sammer denn? Was wollt’s eana? 6,7 Mil­lionen Euro für so ne tolle WM. Und so einen schönen Sommer. Ist doch längst ver­jährt, außerdem war des damals doch Gang und Gäbe“. Die Medien hätten geju­belt. Alfred Draxler bei der BILD“wäre einer abge­gangen. Der Franz, a Hund is er schon, a rechter Sau­hund is er.“ Und im Karton wäre Ruhe gewesen.

Statt­dessen nun dieses SZ-Inter­view. Ein Offen­ba­rungseid. Eine Selbst­de­mon­tage. Das Ende des Mythos Becken­bauer als dem ein­zigen ewigen Glücks­kind, das es in diesem Land je gegeben hat.