Seite 3: „Ich unterschrieb für ein Jahr – und blieb zehn“

Stimmt es, dass Geyer anfangs ent­täuscht von Ihnen war?
Vor der ersten Trai­nings­ein­heit schmiss der Zeug­wart einem anderen Test­spieler – einem 1,90-Meter-Typen mit großen Händen – das Tor­wart­trikot zu. Als sich dann her­aus­stellte, dass ich der neue bos­ni­sche Tor­wart bin, schaute Geyer skep­tisch. In einer Sta­tistik, die ihm vor­ge­legt wurde, stand näm­lich, ich sei größer.

Sie sind mit 1,82 Meter tat­säch­lich recht klein für einen Tor­hüter.
Geyer schimpfte des­halb ein paar Minuten mit meinem Berater. Irgend­wann sagte ich: Egal, ich fahre wieder nach Hause.“ Aber irgendwie einigten wir uns darauf, dass ich einmal beim Trai­ning mit­mache. Und dann war ich richtig gut. Vor allem bei den Stan­dards. Ist doch nicht so klein“, grum­melte Geyer danach. Kann jeden­falls gut springen.“ Ich unter­schrieb für ein Jahr – und blieb zehn.

Wie lebten Sie sich ein?
Cottbus hat nicht den besten Ruf, aber ich mochte die Stadt und die Leute. Außerdem waren wir eine tolle Truppe. Viele Spieler lebten in meiner direkten Nach­bar­schaft: Zanko Zwet­anow, Chris­tian Beeck, Fran­klin Bit­ten­court, Steffen Heid­rich. Und mit Antun Labak habe ich mir ein Dop­pel­haus geteilt.

Der Kader bestand zum Groß­teil aus aus­län­di­schen Spie­lern. Wie wirkte sich das auf das Spiel aus?
Gegen Wolfs­burg waren wir das erste Bun­des­li­ga­team, das mit elf Aus­län­dern auf­lief. Viel­leicht waren wir in jenen Jahren auch so erfolg­reich, weil wir eine Mul­ti­kul­ti­mann­schaft waren, wir waren Rei­sende in der Fremde, die eine Sprache spra­chen: Fuß­ball. Das schweißte zusammen.

Sie wurden sofort Nummer eins, und nach ein paar Monaten sagte Ihr Mit­spieler Bruno Akra­povic: Für mich stehen Kahn, Kiraly und Piplica auf einer Stufe.“
Inter­es­sante Liste. Kahn war natür­lich ein anderes Level. Aber auch er konnte nicht immer gewinnen. Erin­nern Sie sich an unser Duell?

Kahn schoss gegen Sie einen Elf­meter.
Das war Anfang 2002, wir gingen damals in Mün­chen unter. Es stand 0:6, glaube ich, als die Bayern noch einen Elf­meter bekamen. Kahn wollte end­lich mal ein Tor machen. Gegen Ros­tock hatte er es ja ein Jahr zuvor schon mal ver­sucht, als er den Ball mit der Faust ins Tor boxte. (Lacht.) Nun also: Kahn beim Elf­meter. Ich stellte mich zunächst mit dem Rücken zu ihm auf die Linie. Das schien ihn zu ver­wirren, ich lenkte den Ball an den Pfosten. Er war danach richtig sauer, aber wir haben uns später noch mal getroffen – und über die Szene gelacht.

Hatten Sie je Angst?
Nein, ich habe immer gerne Ver­ant­wor­tung über­nommen. Angst habe ich höchs­tens vor Wasser. Zumin­dest gehe ich nicht gerne baden. Als Kind habe ich mich unter Wasser mal in einer Wurzel ver­fangen. Drei Minuten lang. Ich musste wie­der­be­lebt werden.

2000/01 über­nahmen Sie Ver­ant­wor­tung bei einem Elf­meter, aber schei­terten. Haben Sie es später bereut, dass sie geschossen haben?
Wir spielten damals gegen den Abstieg und mussten gewinnen. Kurz vor der Halb­zeit gab es Elf­meter für uns. Geyer hatte eigent­lich Witold Wawr­zy­czek als Schützen aus­er­koren, aber der bekam plötz­lich Muf­fen­sausen. Also nahm ich mir den Ball – und Martin Piecken­hagen parierte. Bereut habe ich es aber nicht. Ich war ja eigent­lich ein guter Elf­me­ter­schütze. Gegen Essen hatte ich mal im Pokal getroffen, in Kroa­tien war ich auch oft erster Schütze. Diesmal hatte ich halt Pech, wir ver­loren 0:1 und standen wei­terhin auf einem Abstiegs­platz. (Am Ende ret­tete sich Cottbus noch auf Platz 14, d. Red.) Trotzdem nahm mir den Fehl­schuss nie­mand krumm. Auf dem Heimweg traf ich Fans an der Tank­stelle, die nahmen mich sogar in den Arm und trös­teten mich. Auch das war Cottbus in jener Zeit: ein starker Zusam­men­halt, ein fami­liärer Klub, der 2000 sen­sa­tio­nell in die Bun­des­liga auf­stieg und über drei Jahre mit­halten konnte.