Tomislav Piplica, wollen wir gleich zu Beginn über Ihr legen­däres Eigentor spre­chen?
Ich habe keine Pro­bleme damit. Es gehört ja zu meiner Kar­riere. Ich mag es nur nicht, wenn alles andere ver­gessen wird.

Es geschah am 6. April 2002, Heim­spiel gegen Glad­bach. Ein harm­loser Fern­schuss von Marcel Witeczek tropfte auf Ihren Hin­ter­kopf und von dort zum 3:3‑Endstand ins Tor. War es der Wind?
Der Ball war abge­fälscht, ich dachte, er landet auf der Latte. Sah blöd aus, und natür­lich war es mein Fehler. Aber nie­mand hat mir einen Vor­wurf gemacht.

Auch Eduard Geyer nicht?
Bis heute haben wir nie dar­über geredet. So etwas kann im Fuß­ball nun mal pas­sieren. Ein paar Tage später stand ich gegen Stutt­gart wieder im Tor. Ich brach mir im Spiel den Finger, ließ mich aber nicht aus­wech­seln. Wir erkämpften ein 0:0. Aber immer noch spra­chen die Leute lieber über mein Eigentor.

Die Fans sangen: Das war super, das war ele­gant!“ Glad­bachs Trainer Michael Front­zeck sagte: Der war unhaltbar!“ Wie sind Sie mit dem Spott umge­gangen?
Ich habe mit­ge­lacht. Ich war ja sogar bei Stefan Raab. Der hat immer wieder ange­rufen: Tomislav, komm doch bitte in meine Show.“ Ich habe erst abge­sagt, aber er blieb sehr hart­nä­ckig, bis ich sagte: Ich komme, wenn du auf­hörst zu fragen.“ In der Sen­dung erhielt ich den Raab der Woche“, danach war ich in ganz Deutsch­land bekannt.

Ihr Lands­mann Petar Raden­kovic sagte, Tor­hüter müssen spe­ziell und ein biss­chen ver­rückt sein. Warum sind Sie Tor­wart geworden?
Zu Beginn war ich Feld­spieler, Außen­ver­tei­diger. Irgend­wann brauchte der Trainer der ersten Mann­schaft, Tor­hü­ter­le­gende Stipo Pejak, einen zweiten Tor­hüter für ein Trai­nings­spiel. Ich mel­dete mich frei­willig – und über­zeugte ihn. Viel­leicht hielt ich so gut, weil ich bis zu meinem zwölften Lebens­jahr Hand­ball gespielt hatte.

Gefiel Ihnen die neue Posi­tion?
Total. In Jugo­sla­wien hatten wir damals keine guten Bälle, und wenn es geregnet hatte, waren die so hart und schwer wie Medi­zin­bälle. Trotzdem mussten die Feld­spieler ständig Kopf­ball­trai­ning machen, abends hatte ich des­halb oft Kopf­schmerzen. Als Tor­hüter blieb mir dieses Kopf­ball­trai­ning erspart.

Wer waren Ihre Idole?
Mein Trainer Stipo Pejak. Aber auch Peter Borata, der für OFK und Par­tizan Bel­grad und später für Chelsea spielte. Aber ich ver­suchte, einen eigenen Stil zu finden. Ich wollte spielen wie ein zweiter Libero.

Sie wollten ein moderner Tor­hüter sein?
Damals wurde es anders genannt: Risi­ko­faktor. (Lacht.)

In Jugo­sla­wien ent­stand in den acht­ziger Jahren eine Gol­dene Fuß­ball­ge­nera­tion, die zu einer ver­lo­renen Genera­tion wurde. Macht Sie die Erin­ne­rung weh­mütig?
Ich denke gerne an 1987 zurück, als wir die U20-WM in Chile gewannen. Damals war ich als zweiter Tor­hüter dabei. Im Vier­tel­fi­nale schal­teten wir Bra­si­lien aus, im Halb­fi­nale die DDR mit Mat­thias Sammer und Dariusz Wosz. Im End­spiel besiegten wir vor 65 000 Zuschauer die DFB-Mann­schaft, in der unter anderem Andreas Möller und Marcel Witeczek spielten. Trainer war Berti Vogts. Aber unser Kader war so unglaub­lich gut: Robert Pro­sin­ecki, Davor Suker, Zvonimir Boban, Pre­drag Mija­tovic oder Robert Jarni.

Mit einer ver­ei­nigten jugo­sla­wi­schen Natio­nalelf wäre viel mög­lich gewesen.
Wir hätten nur die Ernäh­rung umstellen müssen. Davor Suker zum Bei­spiel, mein Zim­mer­nachbar und natür­lich ein groß­ar­tiger Spieler, hat viel zu viele Süßig­keiten gegessen. Aber bald hatten wir eh andere Sorge.

Der Krieg brach aus.
Eine schlimme Zeit. Sie machte mich auch ratlos, denn ich habe nie ver­standen, wieso man Men­schen nach ihrer Natio­na­lität oder ihrer Reli­gion bewertet. Für mich war immer wichtig, wie der Cha­rakter eines Men­schen ist.

Mussten Sie an die Front?
Nein. Ich hätte eh nicht gewusst, auf wel­cher Seite ich hätte kämpfen sollen. Geboren und auf­ge­wachsen bin ich in Bug­ojno in Bos­nien. Meine Familie stammt aber aus Kroa­tien.

Wie nah kam Ihnen der Krieg?
Ich habe 1991/92 für NK Istra Pula gespielt, später wurde in dem Sta­dion gefol­tert und getötet. Meine Familie und ich hatten aber Glück, nie­mand ist im Krieg gestorben. Wir haben nur Geld ver­loren, unser Haus wurde kom­plett zer­bombt. Mein Vater hatte es in Bug­ojno gebaut, meine Eltern und wir vier Kinder wohnten darin. Wir sind danach nach Sisak gezogen, aber es gab kaum noch etwas, keine Banken mehr, keine Jobs, nichts. Nur der Fuß­ball lief weiter. Als Spieler von HNK Segesta Sisak war ich plötz­lich der Haupt­ver­diener in der Familie.

Warum sind Sie nicht ins Aus­land gegangen?
Der Ver­band verbot Fuß­bal­lern einen Wechsel vor dem 28. Lebens­jahr. Aber mir ging es bei Sisak nicht schlecht. Wir wohnten in Zagreb, ich bekam gutes Geld. Einmal fragte River Plate an, nicht schlecht, oder? Aber wir spielten gegen den Abstieg. Mein Prä­si­dent sagte: Du bleibst hier!“ Also blieb ich.

Dabei haben Sie sich sonst selten Befehle erteilen lassen. 1998 sind Sie des­wegen nicht zur WM geflogen.
Stimmt. Ich war ein Kan­didat, aber unser Natio­nal­trainer (Miroslav Bla­zevic, d. Red.) wollte, dass ich mir die Haare schneide. Ich sagte nur: Nimm mich mit, wie ich bin. Oder eben nicht.“ Also ließ er mich zu Hause.

Mit 28 haben Sie erst­mals im Aus­land vor­ge­spielt. Warum hat es nicht geklappt?
Ich war damals in Ant­werpen, 15 Tage habe ich mit­trai­nieren dürfen, und eigent­lich wollte mich der Klub auch haben. Aber es schei­terte an der Ablöse. Ein Jahr später, ich war nun 29, kam dann das Angebot von Energie Cottbus.

Was wussten Sie über Deutsch­land?
Wenig. Ich wun­derte mich anfangs, dass so wenig beim Fuß­ball geflucht wird. Arsch­loch“ war das här­teste Schimpf­wort. Na gut, dachte ich, das sagt man bei uns lie­be­voll zur Begrü­ßung. (Lacht.)

In Cottbus spielten damals einige Aus­länder aus dem ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien. Hat Sie Antun Labak emp­fohlen?
Der Kon­takt kam über einen Berater zustande, der mich eines Tages abfing und sagte, er habe mich spielen sehen. Ich so: Okay.“ Er dann: Ich bringe dich nach Deutsch­land.“ Ich dachte, er ruft nie an, aber zwei Tage später klin­gelte das Telefon: Bist du bereit? Wir fliegen jetzt nach Wien, da ist das Trai­nings­lager von Energie Cottbus.“ Und weil er merkte, dass ich noch nie von diesem Klub gehört hatte, erzählte er vom Pokal­fi­nale 1997, das Cottbus erreicht hatte. Also gut“, sagte ich da, ich habe Zeit, ich komme mit.“

Stimmt es, dass Geyer anfangs ent­täuscht von Ihnen war?
Vor der ersten Trai­nings­ein­heit schmiss der Zeug­wart einem anderen Test­spieler – einem 1,90-Meter-Typen mit großen Händen – das Tor­wart­trikot zu. Als sich dann her­aus­stellte, dass ich der neue bos­ni­sche Tor­wart bin, schaute Geyer skep­tisch. In einer Sta­tistik, die ihm vor­ge­legt wurde, stand näm­lich, ich sei größer.

Sie sind mit 1,82 Meter tat­säch­lich recht klein für einen Tor­hüter.
Geyer schimpfte des­halb ein paar Minuten mit meinem Berater. Irgend­wann sagte ich: Egal, ich fahre wieder nach Hause.“ Aber irgendwie einigten wir uns darauf, dass ich einmal beim Trai­ning mit­mache. Und dann war ich richtig gut. Vor allem bei den Stan­dards. Ist doch nicht so klein“, grum­melte Geyer danach. Kann jeden­falls gut springen.“ Ich unter­schrieb für ein Jahr – und blieb zehn.

Wie lebten Sie sich ein?
Cottbus hat nicht den besten Ruf, aber ich mochte die Stadt und die Leute. Außerdem waren wir eine tolle Truppe. Viele Spieler lebten in meiner direkten Nach­bar­schaft: Zanko Zwet­anow, Chris­tian Beeck, Fran­klin Bit­ten­court, Steffen Heid­rich. Und mit Antun Labak habe ich mir ein Dop­pel­haus geteilt.

Der Kader bestand zum Groß­teil aus aus­län­di­schen Spie­lern. Wie wirkte sich das auf das Spiel aus?
Gegen Wolfs­burg waren wir das erste Bun­des­li­ga­team, das mit elf Aus­län­dern auf­lief. Viel­leicht waren wir in jenen Jahren auch so erfolg­reich, weil wir eine Mul­ti­kul­ti­mann­schaft waren, wir waren Rei­sende in der Fremde, die eine Sprache spra­chen: Fuß­ball. Das schweißte zusammen.

Sie wurden sofort Nummer eins, und nach ein paar Monaten sagte Ihr Mit­spieler Bruno Akra­povic: Für mich stehen Kahn, Kiraly und Piplica auf einer Stufe.“
Inter­es­sante Liste. Kahn war natür­lich ein anderes Level. Aber auch er konnte nicht immer gewinnen. Erin­nern Sie sich an unser Duell?

Kahn schoss gegen Sie einen Elf­meter.
Das war Anfang 2002, wir gingen damals in Mün­chen unter. Es stand 0:6, glaube ich, als die Bayern noch einen Elf­meter bekamen. Kahn wollte end­lich mal ein Tor machen. Gegen Ros­tock hatte er es ja ein Jahr zuvor schon mal ver­sucht, als er den Ball mit der Faust ins Tor boxte. (Lacht.) Nun also: Kahn beim Elf­meter. Ich stellte mich zunächst mit dem Rücken zu ihm auf die Linie. Das schien ihn zu ver­wirren, ich lenkte den Ball an den Pfosten. Er war danach richtig sauer, aber wir haben uns später noch mal getroffen – und über die Szene gelacht.

Hatten Sie je Angst?
Nein, ich habe immer gerne Ver­ant­wor­tung über­nommen. Angst habe ich höchs­tens vor Wasser. Zumin­dest gehe ich nicht gerne baden. Als Kind habe ich mich unter Wasser mal in einer Wurzel ver­fangen. Drei Minuten lang. Ich musste wie­der­be­lebt werden.

2000/01 über­nahmen Sie Ver­ant­wor­tung bei einem Elf­meter, aber schei­terten. Haben Sie es später bereut, dass sie geschossen haben?
Wir spielten damals gegen den Abstieg und mussten gewinnen. Kurz vor der Halb­zeit gab es Elf­meter für uns. Geyer hatte eigent­lich Witold Wawr­zy­czek als Schützen aus­er­koren, aber der bekam plötz­lich Muf­fen­sausen. Also nahm ich mir den Ball – und Martin Piecken­hagen parierte. Bereut habe ich es aber nicht. Ich war ja eigent­lich ein guter Elf­me­ter­schütze. Gegen Essen hatte ich mal im Pokal getroffen, in Kroa­tien war ich auch oft erster Schütze. Diesmal hatte ich halt Pech, wir ver­loren 0:1 und standen wei­terhin auf einem Abstiegs­platz. (Am Ende ret­tete sich Cottbus noch auf Platz 14, d. Red.) Trotzdem nahm mir den Fehl­schuss nie­mand krumm. Auf dem Heimweg traf ich Fans an der Tank­stelle, die nahmen mich sogar in den Arm und trös­teten mich. Auch das war Cottbus in jener Zeit: ein starker Zusam­men­halt, ein fami­liärer Klub, der 2000 sen­sa­tio­nell in die Bun­des­liga auf­stieg und über drei Jahre mit­halten konnte.

Sie haben mal gesagt: Ich spiele auch für das Publikum, das will ein biss­chen unter­halten werden.“ Wie kamen Sie mit Dis­zi­plin­fa­na­tiker Ede Geyer zurecht?
Manchmal sagte er: Dei­net­wegen bekomme ich noch einen Herz­in­farkt an der Sei­ten­linie.“ Aber er war nicht so hart, wie viele glauben. Er hat ein Rie­sen­herz gehabt, das er nur nicht so oft zeigen wollte. Als er mal nach einem sehr guten Spiel wieder nichts gesagt hat, fragte ich ihn: Trainer, wann willst du mich mal loben?“ Er ant­wor­tete nur: Pipi, warum soll ich dich loben? Du weißt doch selbst, dass du gut gespielt hast!“

Sie sollen auch gerne gefeiert haben.
Als Profi hat man damals nicht so aske­tisch gelebt wie heute. Geyer hat gewusst, dass wir auch mal los­ge­zogen sind, aber er ließ uns machen. Er wusste, dass man den Spie­lern gewisse Frei­heiten geben muss, damit sie sich wohl fühlen. Ich erin­nere mich noch an eine Party bei meinem Stam­mita­liener, auf der er auch war. Ich bestellte dort immer Gigi“. Drei, viermal, einen Gigi bitte. Irgend­wann fragte Geyer: Mensch, Pipi, was ist eigent­lich dieses Gigi?“ Ich druckste rum, dann ließ ich ihn nippen und er grinste. Gigi war das Code­wort für Johnnie-Walker-Cola.

Stürmer werden gerne nach Ihrem besten Tor gefragt. Erin­nern Sie sich an Ihre beste Parade?
Der größte Sieg war ziem­lich sicher das 1:0 bei 1860 Mün­chen am 34. Spieltag 2001. Dadurch sind wir in der Bun­des­liga geblieben. Aber die größte Parade? (Über­legt.) Es gab einige im Spiel bei Bayer Lever­kusen im Sommer 2007. Ich war damals schon 38, aber in diesem Spiel hielt ich wirk­lich alles. 21 Schüsse in 90 Minuten, End­stand 0:0 (der Kicker“ gab Piplica die Note 1, d. Red.), danach gra­tu­lierte sogar René Adler mir altem Sack.

Die Medi­ziner hatten Ihnen längst zu einem Kar­rie­re­ende geraten.
Als ich 35 war, erlitt ich einen drei­fa­chen Schul­ter­blatt­bruch, und unser Ver­eins­arzt sagte: Das war’s.“ Ich ließ mich dann in einer Ber­liner Spe­zi­al­klinik ope­rieren. Danach habe ich am Come­back gear­beitet wie ein Beses­sener, meine Frau sagte: Pipi, du trai­nierst mehr als zu der Zeit, als du gesund warst.“ Ich wollte den Leuten beweisen, dass es noch geht. Ich wollte selbst bestimmen, wann Schluss ist.

Sind Sie aber­gläu­bisch?
Ich hatte meine Rituale und Rou­tinen. Bei jedem Spiel musste ich neue Hand­schuhe tragen. Ich bete auch jeden Tag. Aber ich fahre auch jeden Tag über die Auto­bahn von Leipzig nach Nord­hausen, da ist es ganz gut, wenn man vorher betet. Ich bin eigent­lich ein wei­cher Typ.

Ihr ehe­ma­liger Mit­spieler Chris­tian Beeck nannte Sie aller­dings Eisen­bieger“.
Ich hatte viele Spitz­namen: Pipi“, Pirat“. Geyer nannte mich mal Par­tisan“, weil ich Mehr­ta­ge­bart trug und lang­haarig war. Und Eisen­bieger hieß ich eben wegen meines Hän­de­drucks. Ich mag es nicht, wenn man beim Hän­de­schüt­teln das Gefühl hat, man habe einen toten Fisch in der Hand.

Mitte der Nuller­jahre tauchte Ihr Name im Zusam­men­hang mit dem Wett­skandal um Ante Sapina und Robert Hoyzer auf. Was hatten Sie mit den beiden zu tun?
Nichts. Ich bin Pro­fi­sportler und möchte, dass der Fuß­ball sauber bleibt. Es gab aller­dings ein Foto aus dem Café King.

Wieso?
Das Café King war unter Kroaten sehr bekannt. Als ich in Berlin war, bin ich dort mal auf einen Kaffee oder Tee hin­ge­gangen. Aber ich war des­wegen kein Betrüger. Genauso wenig bin ich Poli­tiker, weil es Bilder von mir mit Angela Merkel oder Ger­hard Schröder gibt.

Was hatten Sie mit Schröder und Merkel am Hut?
Beide besuchten auf ihren Wahl­kampf­touren im Osten auch mal unser Sta­dion der Freund­schaft. Schröder schoss dabei einen Elf­meter gegen mich, den ich natür­lich durch­lassen sollte. Aber ich hatte keine Lust, dieses insze­nierte Spiel mit­zu­ma­chen und hielt den Schuss. Das gab später etwas Ärger vom Verein.