Ves­ten­bergs­greuth. Ein kleiner Ort im mit­tel­frän­ki­schen Hin­ter­land stand lange Jahre für den qua­li­tativ besten Fuß­ball in meiner Gegend, abge­sehen vom über­mäch­tigen und all­ge­gen­wär­tigen 1. FC Nürn­berg. Grund: Der ört­liche Kräu­ter­händler Martin Bauer inves­tierte der­maßen viel Geld in den erst 1974 gegrün­deten Fuß­ball­klub, dass dieser sich lange Jahre in der höchsten baye­ri­schen Spiel­klasse und später sogar in der neu geschaf­fenen Regio­nal­liga Süd eta­blieren konnte. Zur Saison 1994/95 schafften die Greu­ther“ zu meiner Begeis­te­rung die Qua­li­fi­ka­tion zur DFB-Pokal­haupt­runde. Ich war gerade 12 Jahre alt.

Das ZDF über­trägt live

Viele packende Spiele hatten mein Vater und ich bis dato im Sta­dion am Schwal­ben­berg“ erlebt, zum Bei­spiel den 4:0‑Kantersieg gegen die SpVgg Unter­ha­ching in der Bay­ern­liga-Saison 91/92 vor aus­ver­kauftem Haus und 5000 begeis­terten Zuschauern. Am Ende der Saison stand gar die Vize­meis­ter­schaft in der Bay­ern­liga zu Buche. Aber was uns das Sport­studio an diesem Abend im Juli bescheren sollte, stellte alles bisher dage­we­sene in den Schatten: Der TSV bekam tat­säch­lich den großen FC Bayern zuge­lost. Und als ob das alles noch nicht genug gewesen wäre, hatten die Münchner gerade erst ihren ita­lie­ni­schen Star­coach Gio­vanni Tra­pat­toni und den fran­zö­si­schen Welt­klas­se­an­greifer Jean-Pierre Papin ver­pflichtet.

Natür­lich besorgten wir uns sofort Karten für das Spiel. Mein guter Freund Dominik (Bay­ernfan) und sein Vater waren mit von der Partie. Das Spiel fand im Fran­ken­sta­dion zu Nürn­berg statt, da die Kapa­zität des Sta­dions am Schwal­ben­berg für die großen Bayern nie­mals aus­ge­reicht hätte. 24.200 Zuschauer fanden sich an diesem Sonn­tag­abend im weiten Sta­di­on­rund ein. Ver­mut­lich wären es mehr geworden, hätte das ZDF nicht live über­tragen.

Welt­stars gegen Ama­teure

Beim Blick auf die Auf­stel­lung der Bayern wurde uns schnell klar; die wollen hier nichts anbrennen lassen. Auch Dominik war sich sicher, dass die Greu­ther schon zufrieden sein könnten, wenn sie nicht zwei­stellig unter­gehen würden gegen dieses Star­ensemble: Kahn, Helmer, Mat­thäus, Jorginho, Scholl, Papin und Witeczek gar­niert mit den Nach­wuchs­kräften Hamann, Stern­kopf, Babbel und Ner­linger. Die Greu­ther Mann­schaft bestand zur Gänze aus Ama­teuren. Später sollte aus dem TSV-Kader einzig Harry Koch eine Bun­des­li­gakar­riere beim 1. FC Kai­sers­lau­tern vor­be­halten sein. Der beste Stürmer in der Mann­schaft, Schnauz­bart Werner Pfeuffer, ver­diente seine Bröt­chen bei­spiels­weise als Poli­zist.

Das Spiel begann, und alle war­teten auf das erste Tor der Bayern. Ves­ten­bergs­greuth stand tief und wollte die Münchner nicht zur Ent­fal­tung kommen lassen. Der Abwehr­riegel hielt, und Tra­pat­toni sprang bereits nach 20 Minuten auf, weil ihm das unin­spi­rierte Gekicke seiner Profis sichtbar auf die Nerven ging. Bis zur 40. Minute tat sich wenig. Dann aus hei­terem Himmel ein Angriff der Greu­ther über die rechte Seite. Eine scharfe Flanke nach innen, Roland Stein hielt sein Köpf­chen hin und der Ball ging unhaltbar an Kahn vorbei ins lange Eck. Tor! 1:0 für Ves­ten­bergs­greuth durch den Land­wirt Roland Stein. Ich traute meinen Augen nicht.

Schupp für Hamann

Der Jubel im Sta­dion hielt sich in Grenzen. Sehr viele Bay­ern­fans waren in Hoff­nung auf ein Schüt­zen­fest gekommen. Die Greu­ther Fan­kurve bestand zum größten Teil aus Fans des 1. FC Nürn­berg, die sich in der Nord­kurve mit dem Underdog soli­da­ri­sierten, nach dem Motto: Wir sind gegen die Bayern, also sind wir für Ves­ten­bergs­greuth. Dann gingen die Mann­schaften in die Halb­zeit. Tra­pat­toni brachte Schupp für Hamann, doch die zweite Hälfte zeigte das gleiche Bild: der Außen­seiter mau­erte, die Bayern rannten planlos an.

Beson­ders die Greu­ther Ver­tei­diger Lunz und Koch spielten eine starke Partie gegen den Bay­ern­sturm Papin/​Witeczek, der Ex-Für­ther Harald Ebner sorgte im Mit­tel­feld für Ent­las­tung, und die schnellen Außen Hüttner und Weigl beschäf­tigten oben­drein die Bayern-Vie­rer­kette. Und das alles mit fairen Mit­teln. Schieds­richter Markus Merk ver­teilte den gelben Karton einzig an zuneh­mend gefrus­tete Bay­ern­spieler, denen die Zeit so langsam davon­lief. Die Scha­den­freude, die von den neu­tralen Zuschauern auf das Feld des Fran­ken­sta­dions her­un­ter­wehte, war förm­lich spürbar. Überall lachten die Leute, solange sie keine Bay­ern­fans waren.

Dominik restlos bedient

Tra­pat­toni brachte Mitte der zweiten Halb­zeit Adolfo El Tren“ Valencia für Marcel Witeczek, aber der Kolum­bianer konnte auch nichts mehr bewirken. Die Sekunden tickten her­unter – und dann war sie per­fekt, die Rie­sen­sen­sa­tion! Der FC Bayern aus­ge­schaltet von den Kickern aus der frän­ki­schen Pro­vinz. Ich konnte es kaum glauben. Ungläubig starrte ich meinen Vater an, der lachte nur. Mein Freund Dominik war restlos bedient. Wütend und ungläubig glotzte er minu­ten­lang auf das Spiel­feld. Seinen Bay­ern­schal hatte er auf den Boden geworfen. Das Nürn­berger Publikum fei­erte der­weil fre­ne­tisch den Underdog, der sich auf die ver­diente Sta­di­on­eh­ren­runde begab.

Dann gingen wir zum Auto, und kurze Zeit später fuhren wir nach Hause. Wäh­rend der Auto­fahrt sagte mein Freund Dominik kein Wort. Irgendwie tat er mir leid. Aber wer konnte auch ahnen, dass die Bayern gegen das 1500-Ein­wohner Kaff Ves­ten­bergs­greuth aus­scheiden würden? Kurze Zeit später gab es im Fan­shop des TSV, den von Martin Bauer kre­denzten 1:0‑Tee“ zu erstehen. Er war in kür­zester Zeit aus­ver­kauft.

Die Greu­ther sollten erst im DFB-Ach­tel­fi­nale aus­scheiden, nachdem sie in der zweiten Runde gegen den FC Hom­burg mit einem 5:1‑Kantersieg wei­ter­ge­kommen waren. Doch im Elf­me­ter­schießen gegen den Zweit­li­gisten und spä­teren Fina­listen VfL Wolfs­burg war dann Schluss. In diesem Spiel sah ich den lächer­lichsten Elf­meter, den ich jemals im Sta­dion erleben sollte. TSV-Kapitän Harald Ebner war der Schütze. Beim Stand von 3:3 nahm er zwanzig Meter Anlauf, spur­tete zum Ball, doch anstatt einen harten Schuss abzu­feuern, wie es sein Anlauf ver­mutet hätte, chipte er den Ball in die Mitte des Tores. Wolfs­burg Keeper Uwe Zim­mer­mann blieb stehen und fischte den Ball mit einem Grinsen her­unter. Ich hätte Harald Ebner am liebsten erwürgt. Das Vier­tel­fi­nale war so nah gewesen, doch als der nächste TSV-Spieler Ernst seinen Elf­meter neben das Tor schoss, war der Traum von Berlin end­gültig vorbei.

Für immer Bayern-Besieger

Jahre später kam es zur Fusion mit der SpVgg Fürth. Kräu­ter­mäze Martin Bauer gab das Geld, die SpVgg ihr Gelände rund um den Für­ther Ronhof, und als Ver­eins­name einigte man sich auf SpVgg Greu­ther Fürth, seit dem Auf­stieg 1997 fester Bestand­teil in der 2. Bun­des­liga.

Das Sta­dion am Schwal­ben­berg wird heute wieder genutzt, in der Kreis­klasse 2 Erlangen/​Pegnitzgrund, vom neuen und alten TSV Ves­ten­bergs­greuth, der nach der Fusion erneut in der untersten Spiel­klasse beginnen musste. Die große Fuß­ball­bühne ist aus dem mit­tel­frän­ki­schen Ort zwar ver­schwunden, aber eines bleibt auf ewig im Gedächtnis der Men­schen erhalten; die Welt­klasse-Elf der Bayern geschlagen zu haben durch das Tor eines ört­li­chen Land­wirts.