Seite 2: Eine neue Fan-Generation entsteht

Die Stimme musste an diesem Tag vor allem leiden, weil er und 10 000 andere Dresdner zur Melodie der Vogel­hoch­zeit die kom­plette BFC-Mann­schaft schmähten. Das Duell mit dem Ber­liner Erz­ri­valen bestimmte auch das Ver­hältnis zu anderen Klubs. Wenn es gegen den BFC ging, dann waren Feind­schaften zu Union und Lok nicht mehr so wichtig. Teil­weise kamen die auch mit zu uns in den Block. Solange es gegen den BFC ging, waren sich alle einig.“ Wenn die SGD in der Liga in Berlin gas­tierte, dann wurde auch gern die Staats­macht pro­vo­ziert. Immer, wenn es einen Frei­stoß gab, riefen wir: Die Mauer muss weg!‘“ Til­mann erin­nert sich, Mitte der Acht­ziger mal mit dreißig anderen Dresd­nern am Alex­an­der­platz in hun­dert war­tende Ber­liner gelaufen zu sein. Wer wurde natür­lich anschlie­ßend von der Polizei kon­trol­liert? Wir. Wäh­rend die Bifften dahinter war­teten, bis sie uns die nächste Tracht Prügel ver­setzen konnten.“ Til­mann fügt an: Teil­weise wurden Leute wegen Nich­tig­keiten fest­ge­nommen und waren dann für ein paar Tage ein­fach weg.“ 

Dass die späten acht­ziger Jahre nicht nur eine bunte Spiel­wiese für erleb­nis­ori­en­tierte Jugend­liche waren, spürte er selbst. Er legte ab 1987 eine Dynamo-Pause ein, weil er befürch­tete, dass er im Zuge eines Aus­wärts­spiels auch mal gekascht“ werden könnte. 1988 wurde er dann aus poli­ti­schen Gründen aus­ge­wiesen, zog zunächst nach Düs­sel­dorf und später nach Mar­burg. Er sah seine Mann­schaft erst nach der Grenz­öff­nung wieder.

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In der Feind­schaft ver­eint. Früher gingen Fans von Union und Dynamo zusammen zum Spiel – weil beide den BFC hassten.

Wit­ters

Bei den Heim­spielen gab es damals noch keinen ein­heit­li­chen Sup­port, die Fan­szene glie­derte sich stark in regio­nale Fan­klubs. Für einen Dynamo-Schal konnten die Fans größ­ten­teils auf die Strick­künste der eigenen Oma zurück­greifen – das war das Mer­chan­di­sing der dama­ligen Zeit. Bei Fahnen waren die Fans im K‑Block dann noch krea­tiver, denn Stoff war Man­gel­ware. Es war schon prak­tisch, dass die DDR-Flagge bis auf das Rot eigent­lich alle erfor­der­li­chen Farben einer Dynamo-Fahne ver­band. Wenn da mor­gens am Rat­haus irgend­einer Stadt mal eine fehlte, war das auch nicht tra­gisch“, erzählt Til­mann. Das Wappen und das Rot in der Mitte wurden raus­ge­trennt, übrig blieb Schwarz und Gelb. Pro­ble­ma­tisch war es nur, wenn noch die Nähte des Wap­pens zu erkennen waren. Da musste man auf­passen, dass einen die VoPos damit nicht erwischten.“ 

Heute bekommen die Fans pro­blemlos den Stoff für die Fahnen, den Ide­en­reichtum und die Aus­dauer haben sich aber auch spä­tere Genera­tionen bewahrt. Eine Block­fahne, die nahezu über alle Plätze im heu­tigen Sta­dion reicht und beim Dritt­li­ga­spiel 2015 gegen Mag­de­burg erst­mals prä­sen­tiert wurde, ist von ihrer Größe her ein­zig­artig.

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Von der Stange. In den acht­ziger Jahren klauten Dres­dens Fans DDR-Fahnen und gestal­teten sie zu Dynamo-Ban­nern um.

Horst Müller

Dabei war Dynamo Dresden Ende der Neun­ziger noch am Boden; nicht nur der Erfolg ver­schwand, son­dern auch die Zuschauer. In der Saison 1998/99 kamen im Schnitt 3300 Zuschauer zu den Spielen von Dynamo. Den abso­luten Tief­punkt bil­dete das Ober­li­ga­spiel 2001 gegen Wacker Nord­hausen vor gerade einmal 920 Zuschauern. Es wurde leer im Rudolf-Harbig-Sta­dion. Es blieben ein paar treue Fans und der Kra­wall­tou­rismus der Neun­ziger. Das Heim­spiel gegen den damals von der Stadt pro­te­gierten Lokal­ri­valen DSC im Jahr 2002 verkam zum unrühm­li­chen Höhe­punkt mit schweren Aus­schrei­tungen und Jagd­szenen durch die Stadt.

Par­allel dazu ent­wi­ckelte sich aber auch eine neue Genera­tion von Dynamo-Fans, die sich im Jahr 2000 den Namen Ultras Dynamo“ gaben. Sie pflegten einen neuen Stil, der vor allem durch zahl­reiche Dop­pel­halter, Cho­reo­gra­fien und reich­lich Pyro­technik nach ost­eu­ro­päi­schem Vor­bild geprägt war. Eine deut­lich ver­jüngte Fan­szene pro­bierte sich aus, stellte beein­dru­ckende Cho­reos auf die Beine und schlug mit­unter zumin­dest in der Außen­wir­kung über die Stränge. 

Das Ver­halten bei den Pokal­spielen in Dort­mund 2011 und 2012 in Han­nover brachte zunächst einen medialen Auf­schrei und dann einen Pokal­aus­schluss mit sich. Für die Fan­szene wurde es zu einer Zer­reiß­probe zwi­schen denen, die sich nicht mehr für das Fehl­ver­halten von ein paar Wenigen als Chaoten abstem­peln lassen wollten, und denen, die die Schuld bei der Polizei, der Secu­rity oder den Medien suchten. Die Ultras haben heute einen klaren Ver­hal­tens­kodex, der den Umgang im Block regelt.