Seite 3: Vielschichtig und ambivalent

Ein pro­gram­ma­ti­scher Gesang bestimmte von Beginn an den Block: Leh­mann, Leh­mann, Leh­mann auf den Zaun!“ Dann stieg ein sport­lich geklei­deter Typ mit Fischerhut auf den Zaun und gab die Fan­ge­sänge per Megafon vor. Über die Jahre wurde Stefan Lehmi“ Leh­mann vom Capo zur Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur. Anfangs belä­chelt, mussten die Ultras Dynamo immer wieder Rich­tungs­strei­tig­keiten bewäl­tigen, auch die wie­der­keh­renden Event-Fans“ nach dem Zweit­li­ga­auf­stieg 2004 waren nicht unbe­dingt begeis­tert von der viel­fäl­tigen Zaun­fah­nen­kultur. Zu seinem Abschied aber wür­digte der Verein Lehmi“ im ver­gan­genen Jahr mit einem eigenen Abschieds­video.

Die enge Ver­zah­nung von Fan­szene und Verein ist eine der Beson­der­heiten von Dresden. Das ist his­to­risch gewachsen. So sorgten die Fans 2002 mit der Brust­sponsor-Aktion dafür, dass der Klub nicht unter­ging. Die Ultras Dynamo ver­su­chen aber auch macht­po­li­ti­sche Fragen im Verein zu lenken. Erst kürz­lich rich­tete der K‑Block mit dem Banner Ralf Minge unan­tastbar!“ den öffent­li­chen Fokus auf eine womög­lich geplante Ent­las­sung des Dynamo-Idols als Geschäfts­führer. Dar­aufhin traten das Prä­si­dium und Teile des Auf­sichts- und Ehren­rates zurück. Hat der K‑Block viel­leicht sogar zu viel Ein­fluss? Die tra­di­tio­nell gut infor­mierte Fan­szene kann man durchaus als inof­fi­zi­elles Kon­troll­gre­mium bezeichnen. In diesem Fall sprang es ein, weil die in Dresden nicht zu knapp besetzten offi­zi­ellen Gre­mien ihrer Auf­sichts­funk­tion nur unzu­rei­chend nach­kamen. Schwer­wie­gende Dif­fe­renzen in der Geschäfts­stelle konnten die Ultras mit internen Mails belegen.

Bach­mann, halt’s Maul!“

Spruchband der Dynamo-Fans gegen Pegida-Gründer Lutz Bachmann

Die Dresdner Fan­szene wird von außen mit wei­teren Kli­schees ver­sehen, neben ihrer Macht­fülle werden ihr immer wieder rechte Ten­denzen vor­ge­worfen. In den frühen Nuller­jahren waren noch Affen­laute auf der Tri­büne zu hören, wenn schwarze Spieler am Ball waren. Das ist heute nicht mehr der Fall – auch dank Fanin­itia­tiven wie 1953international“, die sich 2006 gegründet hat. Die Fan­szene von Dynamo ist und bleibt viel­schichtig. 

Kon­flikte wie mit den eher linken Solo Ultra“ und der rechten Mit­glieder von Faust des Ostens“ endeten im Raus­wurf beider Gruppen aus dem Block. Die Ultras Dynamo ver­stehen sich als unpo­li­ti­sche Szene, für die die Unter­stüt­zung des Ver­eins im Vor­der­grund steht. Und den­noch gibt es Banner wie gegen den Pegida-Gründer: Bach­mann, halt’s Maul!“ Jakob Rosen­berg deu­tete in seinem Artikel Die Dynamo-Utopie“ im öster­rei­chi­schen Bal­les­terer“ diese State­ments vor allem als Signal, sich nicht ver­ein­nahmen lassen zu wollen.

Vor­reiter der Anti-DFB-Pro­teste

Debatten über Dynamo bleiben ambi­va­lent: In den bun­des­weiten Fokus rückte die Dresdner Fan­szene im Mai 2017, als sie beim Aus­wärts­spiel in Karls­ruhe gegen Strafen des Ver­bandes pro­tes­tierte. Der Auf­tritt geriet mar­tia­lisch im Camou­flage-Ein­heits­look, mit reich­lich Pyro und dem Spruch Krieg dem DFB“. Einige Monate später durch­suchte die Polizei Pri­vat­woh­nungen von Dresdner Ultras; Konten für Cho­reo­gra­fien wurden ein­ge­froren. Die Ironie der Geschichte: Dresden wurde zu einem Vor­reiter in den Pro­testen gegen die Straf­justiz des DFB. Was im Army-Look in Karls­ruhe begann, führte dazu, dass bun­des­weit die Kol­lek­tivstrafen für Fan­szenen ein­ge­stellt wurden.

Was ist dieser K‑Block also? Sub­versiv wie schon früher? Kreativ wie schon damals mit gelie­henen“ Fahnen? Laut. Viel­schichtig. Sta­chelig. Groß und manchmal drüber. Ener­gisch. Viel­leicht aber trifft es eine Vokabel am besten, die der lang­jäh­rige Capo Lehmi benutzt hat, um den K‑Block zu beschreiben. Diese Vokabel fasst alle vor­an­ge­gan­genen zusammen. Dres­dens Fan­szene, so sagte er, sei vor allem eines: bra­chial.