Hin­weis: Dieser Text erschien erst­mals im November 2018 in 11FREUNDE #205. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich. 

30. Juli 2011, Hör­saal 305 der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Chem­nitz. Eine Klausur über das poli­ti­sche System der BRD. Mir bleibt nur eine Stunde, denn so schaffe ich es immerhin noch zur zweiten Halb­zeit des Pokal­spiels zwi­schen dem Auf­steiger in die zweite Liga Dynamo und dem Bun­des­liga-Vize­meister Lever­kusen. 55 Minuten und Ant­worten mit vagem Halb­wissen später sprinte ich zum Zug. Pünkt­lich zur Halb­zeit bin ich im Sta­dion – wenig später steht es 0:3. Für den Ehren­treffer 28 Minuten vor Schluss gibt es Applaus, zu mehr ist das Dyna­mo­herz nicht in der Lage. 127 Sekunden später reißt der Anschluss­treffer von Robert Koch ein ganzes Sta­dion aus dem kol­lek­tiven Tief­schlaf. Geht hier doch noch was? 

Lever­kusen schwimmt, jetzt spielt nur noch Dynamo. Mann­schaft und Fans schau­keln sich gegen­seitig hoch. Wieder so eine lange Flanke in den Straf­raum, Kopf­ball­ab­lage, und bereits jetzt brandet Jubel auf, denn am langen Pfosten muss Robert Koch nur noch ein­schieben. Und das macht er! 3:3 nach 0:3 – Ver­län­ge­rung! Ein Orkan geht durchs Sta­dion, Men­schen fliegen von Zäunen in den Innen­raum, doch berap­peln sich schnell wieder, sie springen wie auf­ge­zogen wieder nach oben. Denn noch ist das Wunder nicht voll­bracht. Jede Aktion wird gefeiert, jeder wütende Schuss von Lever­ku­sens Top­star Michael Bal­lack wird vor­bei­ge­schrien und zwi­schen­drin immer der Satz: Eine Chance kriegen wir noch! Eine Chance kriegen wir noch!“ 

Es dauert bis zur 117. Minute. Konter im eigenen Sta­dion. Sascha Pfeffer dreht sich an der Mit­tel­linie und schlägt den Ball auf den freien Alex­ander Schnetzler, er läuft und lupft – er lupft den Ball tat­säch­lich zum 4:3 ins Tor. Der Rest ist Ekstase. Mich schleu­dert es drei, vier Stufen im K‑Block hin­unter, Bier läuft mir den Nacken hinab, ein wild­fremder Mann schreit mit wie wahn­sinnig ins Ohr und drückt mich, so fest er kann. So fühlt sich also eine Pokal­sen­sa­tion an.

Ein Rau­schen im Ohr

Diese per­sön­liche Erin­ne­rung sei vor­an­ge­schickt, weil sie zeigt: Das ist der K‑Block! Dirk Orlishausen, Tor­hüter bei Erfurt und Karls­ruhe, der in dieser Zeit öfter in Dresden antreten musste, sagte einmal, dass er bei großen Spielen in Dresden oft nur noch ein Rau­schen im Ohr hatte. Doch hatte der K‑Block schon immer diese beein­dru­ckende Kraft? Seine Heim­stätte heißt heute wieder Rudolf-Harbig-Sta­dion, allein ihre Bau­weise begüns­tigt die Laut­stärke des Dresdner Publi­kums. Es ist eines der steilsten Sta­dien Deutsch­lands, zudem neben dem Aachener Tivoli das größte Ein­rang­sta­dion der Repu­blik – eine echte Schüssel, keine über­ein­an­der­ge­bauten Tri­bünen. Im ver­gan­genen Jahr wurden sogar Pläne laut, das Sta­dion drei­seitig höher und noch steiler auf­zu­sto­cken.

Der K‑Block wird sicher auf seinem ange­stammten alten Platz bleiben. Es ist ein his­to­ri­scher Platz, schon in den sieb­ziger und acht­ziger Jahren standen dort die fana­tischsten Zuschauer. In der Bad­kurve, im dama­ligen Block G, vor der alten Anzei­ge­tafel trafen sich damals die­je­nigen, die Dynamo nach vorne schreien wollten. Als 1983 Mag­de­burger Fans aus dem Gäs­te­block Rich­tung K‑Block stürmten, bauten sich die Dresdner zur Ver­tei­di­gung genau dort auf. Und fanden so durch einen Zufall ihre Heimat.

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Auf die Mütze. Junge Dresdner Fans auf dem Weg zum Spiel gegen den 1. FC Mag­de­burg in der DDR-Ober­li­ga­saison 1975/76.

Ull­stein

Nach dem Sta­di­on­umbau zog der K“ zwar 2009 wieder auf die Bad­seite, behielt aber seinen Namen. Hier tum­melten sich lang­haa­rige Jugend­liche und rou­ti­nierte Kut­ten­träger. Wenn heute im Dresdner Lager abschätzig über die neuen Erfolgs­fans“ gespro­chen wird, so muss man betonen, dass auch die Dynamo-Fan­szene damals vor allem durch zwei Dinge zusam­men­ge­bracht wurde: den Spiel­stil des Dresdner Krei­sels und den damit ver­bun­denen Erfolg. Zu den High­lights gehörten nicht nur die großen Euro­pa­cup­spiele, son­dern die drei FDGB-Pokal­siege in den acht­ziger Jahren. Aus einem ein­fa­chen Grund: Die SGD ver­mas­selte dem Erz­feind BFC Dynamo jeweils das Double in Berlin. In den K‑Block zu gehen – das war auch ein State­ment gegen den BFC, den Lieb­lings­klub von Sta­si­chef Erich Mielke.

Beson­ders geschichts­trächtig war des­wegen der Sieg 1982, als Dresden aus­ge­rechnet am 1. Mai gegen den BFC Dynamo im Elf­me­ter­schießen gewann. Dynamo-Fan Til­mann, 1968 geboren, trägt noch heute stolz eine lange blonde Mähne. Seit Ende der Sieb­ziger fährt er zu Dynamo. Da hatten wir den Bifften (Sze­ne­be­griff für BFC-Anhänger) gründ­lich den Fei­ertag der Arbei­ter­klasse ver­dorben“, sagt er. Zu Hause war­tete meine erste Freundin auf mich. Ich hatte kaum noch Stimme, doch sie wollte, dass ich diesen männ­li­chen Klang behalte. Sie war näm­lich großer Bud-Spencer-Fan.“

Die Stimme musste an diesem Tag vor allem leiden, weil er und 10 000 andere Dresdner zur Melodie der Vogel­hoch­zeit die kom­plette BFC-Mann­schaft schmähten. Das Duell mit dem Ber­liner Erz­ri­valen bestimmte auch das Ver­hältnis zu anderen Klubs. Wenn es gegen den BFC ging, dann waren Feind­schaften zu Union und Lok nicht mehr so wichtig. Teil­weise kamen die auch mit zu uns in den Block. Solange es gegen den BFC ging, waren sich alle einig.“ Wenn die SGD in der Liga in Berlin gas­tierte, dann wurde auch gern die Staats­macht pro­vo­ziert. Immer, wenn es einen Frei­stoß gab, riefen wir: Die Mauer muss weg!‘“ Til­mann erin­nert sich, Mitte der Acht­ziger mal mit dreißig anderen Dresd­nern am Alex­an­der­platz in hun­dert war­tende Ber­liner gelaufen zu sein. Wer wurde natür­lich anschlie­ßend von der Polizei kon­trol­liert? Wir. Wäh­rend die Bifften dahinter war­teten, bis sie uns die nächste Tracht Prügel ver­setzen konnten.“ Til­mann fügt an: Teil­weise wurden Leute wegen Nich­tig­keiten fest­ge­nommen und waren dann für ein paar Tage ein­fach weg.“ 

Dass die späten acht­ziger Jahre nicht nur eine bunte Spiel­wiese für erleb­nis­ori­en­tierte Jugend­liche waren, spürte er selbst. Er legte ab 1987 eine Dynamo-Pause ein, weil er befürch­tete, dass er im Zuge eines Aus­wärts­spiels auch mal gekascht“ werden könnte. 1988 wurde er dann aus poli­ti­schen Gründen aus­ge­wiesen, zog zunächst nach Düs­sel­dorf und später nach Mar­burg. Er sah seine Mann­schaft erst nach der Grenz­öff­nung wieder.

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In der Feind­schaft ver­eint. Früher gingen Fans von Union und Dynamo zusammen zum Spiel – weil beide den BFC hassten.

Wit­ters

Bei den Heim­spielen gab es damals noch keinen ein­heit­li­chen Sup­port, die Fan­szene glie­derte sich stark in regio­nale Fan­klubs. Für einen Dynamo-Schal konnten die Fans größ­ten­teils auf die Strick­künste der eigenen Oma zurück­greifen – das war das Mer­chan­di­sing der dama­ligen Zeit. Bei Fahnen waren die Fans im K‑Block dann noch krea­tiver, denn Stoff war Man­gel­ware. Es war schon prak­tisch, dass die DDR-Flagge bis auf das Rot eigent­lich alle erfor­der­li­chen Farben einer Dynamo-Fahne ver­band. Wenn da mor­gens am Rat­haus irgend­einer Stadt mal eine fehlte, war das auch nicht tra­gisch“, erzählt Til­mann. Das Wappen und das Rot in der Mitte wurden raus­ge­trennt, übrig blieb Schwarz und Gelb. Pro­ble­ma­tisch war es nur, wenn noch die Nähte des Wap­pens zu erkennen waren. Da musste man auf­passen, dass einen die VoPos damit nicht erwischten.“ 

Heute bekommen die Fans pro­blemlos den Stoff für die Fahnen, den Ide­en­reichtum und die Aus­dauer haben sich aber auch spä­tere Genera­tionen bewahrt. Eine Block­fahne, die nahezu über alle Plätze im heu­tigen Sta­dion reicht und beim Dritt­li­ga­spiel 2015 gegen Mag­de­burg erst­mals prä­sen­tiert wurde, ist von ihrer Größe her ein­zig­artig.

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Von der Stange. In den acht­ziger Jahren klauten Dres­dens Fans DDR-Fahnen und gestal­teten sie zu Dynamo-Ban­nern um.

Horst Müller

Dabei war Dynamo Dresden Ende der Neun­ziger noch am Boden; nicht nur der Erfolg ver­schwand, son­dern auch die Zuschauer. In der Saison 1998/99 kamen im Schnitt 3300 Zuschauer zu den Spielen von Dynamo. Den abso­luten Tief­punkt bil­dete das Ober­li­ga­spiel 2001 gegen Wacker Nord­hausen vor gerade einmal 920 Zuschauern. Es wurde leer im Rudolf-Harbig-Sta­dion. Es blieben ein paar treue Fans und der Kra­wall­tou­rismus der Neun­ziger. Das Heim­spiel gegen den damals von der Stadt pro­te­gierten Lokal­ri­valen DSC im Jahr 2002 verkam zum unrühm­li­chen Höhe­punkt mit schweren Aus­schrei­tungen und Jagd­szenen durch die Stadt.

Par­allel dazu ent­wi­ckelte sich aber auch eine neue Genera­tion von Dynamo-Fans, die sich im Jahr 2000 den Namen Ultras Dynamo“ gaben. Sie pflegten einen neuen Stil, der vor allem durch zahl­reiche Dop­pel­halter, Cho­reo­gra­fien und reich­lich Pyro­technik nach ost­eu­ro­päi­schem Vor­bild geprägt war. Eine deut­lich ver­jüngte Fan­szene pro­bierte sich aus, stellte beein­dru­ckende Cho­reos auf die Beine und schlug mit­unter zumin­dest in der Außen­wir­kung über die Stränge. 

Das Ver­halten bei den Pokal­spielen in Dort­mund 2011 und 2012 in Han­nover brachte zunächst einen medialen Auf­schrei und dann einen Pokal­aus­schluss mit sich. Für die Fan­szene wurde es zu einer Zer­reiß­probe zwi­schen denen, die sich nicht mehr für das Fehl­ver­halten von ein paar Wenigen als Chaoten abstem­peln lassen wollten, und denen, die die Schuld bei der Polizei, der Secu­rity oder den Medien suchten. Die Ultras haben heute einen klaren Ver­hal­tens­kodex, der den Umgang im Block regelt.

Ein pro­gram­ma­ti­scher Gesang bestimmte von Beginn an den Block: Leh­mann, Leh­mann, Leh­mann auf den Zaun!“ Dann stieg ein sport­lich geklei­deter Typ mit Fischerhut auf den Zaun und gab die Fan­ge­sänge per Megafon vor. Über die Jahre wurde Stefan Lehmi“ Leh­mann vom Capo zur Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur. Anfangs belä­chelt, mussten die Ultras Dynamo immer wieder Rich­tungs­strei­tig­keiten bewäl­tigen, auch die wie­der­keh­renden Event-Fans“ nach dem Zweit­li­ga­auf­stieg 2004 waren nicht unbe­dingt begeis­tert von der viel­fäl­tigen Zaun­fah­nen­kultur. Zu seinem Abschied aber wür­digte der Verein Lehmi“ im ver­gan­genen Jahr mit einem eigenen Abschieds­video.

Die enge Ver­zah­nung von Fan­szene und Verein ist eine der Beson­der­heiten von Dresden. Das ist his­to­risch gewachsen. So sorgten die Fans 2002 mit der Brust­sponsor-Aktion dafür, dass der Klub nicht unter­ging. Die Ultras Dynamo ver­su­chen aber auch macht­po­li­ti­sche Fragen im Verein zu lenken. Erst kürz­lich rich­tete der K‑Block mit dem Banner Ralf Minge unan­tastbar!“ den öffent­li­chen Fokus auf eine womög­lich geplante Ent­las­sung des Dynamo-Idols als Geschäfts­führer. Dar­aufhin traten das Prä­si­dium und Teile des Auf­sichts- und Ehren­rates zurück. Hat der K‑Block viel­leicht sogar zu viel Ein­fluss? Die tra­di­tio­nell gut infor­mierte Fan­szene kann man durchaus als inof­fi­zi­elles Kon­troll­gre­mium bezeichnen. In diesem Fall sprang es ein, weil die in Dresden nicht zu knapp besetzten offi­zi­ellen Gre­mien ihrer Auf­sichts­funk­tion nur unzu­rei­chend nach­kamen. Schwer­wie­gende Dif­fe­renzen in der Geschäfts­stelle konnten die Ultras mit internen Mails belegen.

Bach­mann, halt’s Maul!“

Spruchband der Dynamo-Fans gegen Pegida-Gründer Lutz Bachmann

Die Dresdner Fan­szene wird von außen mit wei­teren Kli­schees ver­sehen, neben ihrer Macht­fülle werden ihr immer wieder rechte Ten­denzen vor­ge­worfen. In den frühen Nuller­jahren waren noch Affen­laute auf der Tri­büne zu hören, wenn schwarze Spieler am Ball waren. Das ist heute nicht mehr der Fall – auch dank Fanin­itia­tiven wie 1953international“, die sich 2006 gegründet hat. Die Fan­szene von Dynamo ist und bleibt viel­schichtig. 

Kon­flikte wie mit den eher linken Solo Ultra“ und der rechten Mit­glieder von Faust des Ostens“ endeten im Raus­wurf beider Gruppen aus dem Block. Die Ultras Dynamo ver­stehen sich als unpo­li­ti­sche Szene, für die die Unter­stüt­zung des Ver­eins im Vor­der­grund steht. Und den­noch gibt es Banner wie gegen den Pegida-Gründer: Bach­mann, halt’s Maul!“ Jakob Rosen­berg deu­tete in seinem Artikel Die Dynamo-Utopie“ im öster­rei­chi­schen Bal­les­terer“ diese State­ments vor allem als Signal, sich nicht ver­ein­nahmen lassen zu wollen.

Vor­reiter der Anti-DFB-Pro­teste

Debatten über Dynamo bleiben ambi­va­lent: In den bun­des­weiten Fokus rückte die Dresdner Fan­szene im Mai 2017, als sie beim Aus­wärts­spiel in Karls­ruhe gegen Strafen des Ver­bandes pro­tes­tierte. Der Auf­tritt geriet mar­tia­lisch im Camou­flage-Ein­heits­look, mit reich­lich Pyro und dem Spruch Krieg dem DFB“. Einige Monate später durch­suchte die Polizei Pri­vat­woh­nungen von Dresdner Ultras; Konten für Cho­reo­gra­fien wurden ein­ge­froren. Die Ironie der Geschichte: Dresden wurde zu einem Vor­reiter in den Pro­testen gegen die Straf­justiz des DFB. Was im Army-Look in Karls­ruhe begann, führte dazu, dass bun­des­weit die Kol­lek­tivstrafen für Fan­szenen ein­ge­stellt wurden.

Was ist dieser K‑Block also? Sub­versiv wie schon früher? Kreativ wie schon damals mit gelie­henen“ Fahnen? Laut. Viel­schichtig. Sta­chelig. Groß und manchmal drüber. Ener­gisch. Viel­leicht aber trifft es eine Vokabel am besten, die der lang­jäh­rige Capo Lehmi benutzt hat, um den K‑Block zu beschreiben. Diese Vokabel fasst alle vor­an­ge­gan­genen zusammen. Dres­dens Fan­szene, so sagte er, sei vor allem eines: bra­chial.