Warum küssen sie sich nicht end­lich? Sie wären so ein schönes Paar. Aber nein, Dort­mund- und Schalke-Fans müssen stets auf die his­to­risch gewach­sene Riva­lität ver­weisen. Doch bei genauerem Hin­sehen gibt es zwi­schen ihnen keine grund­sätz­liche Riva­lität, da die welt­an­schau­li­chen Unter­schiede zwi­schen Herne-West und Lüden­scheid-Nord doch gar nicht so groß sind. Auch wenn die Anhänger beider Ver­eine oft­mals so tun: Dort­mund und Schalke trennen keine Welten. Anders als bei anderen großen Derbys dieser Fuß­ball­welt steht keine sinn­stif­tende Ideo­logie hinter den beiden Klubs, jeden­falls stehen sie sich nicht ant­ago­nis­tisch gegen­über.

Old Firm“ und Super­clá­sico“ als welt­an­schau­liche Kon­flikte

Beim großen Old Firm“ bei­spiels­weise war ganz Glasgow bis­lang gespalten – trennen die beiden Glas­gower Klubs doch nicht nur die Ver­eins­farben, son­dern auch die kon­fes­sio­nelle Frage: Celtic ist katho­lisch und die Ran­gers pro­tes­tan­tisch. Im Super­clá­sico“ Süd­ame­rikas prallen eben­falls Ideo­lo­gien inner­halb einer Stadt auf­ein­ander: Nicht zu unrecht wird das Spiel als fuß­bal­le­ri­scher Klas­sen­kampf inner­halb von Buenos Aires ange­sehen, denn die Fans der Boca Juniors rekru­tieren sich mehr­heit­lich aus der Arbei­ter­klasse, wohin­gegen die Fans von River Plate über­wie­gend aus der Mittel- und Ober­schicht stammen. Die Kon­se­quenzen sind hüben wie drüben oft gewalt­tä­tige Aus­schrei­tungen, in Süd­ame­rika wurden gar Fans auf­grund der ideo­lo­gi­schen Gra­ben­kämpfe ermordet. Im Koh­len­pott ist etwas der­ar­tiges zum Glück undenkbar.

Fried­liche Koexis­tenz

Anders als bei den heiß­blü­tigen Süd­ame­ri­ka­nern oder den kon­fes­sio­nell gespal­tenen Schotten beschränkt sich das Hick­hack um die Revier­derbys auf folk­lo­ris­ti­sche Gän­ge­leien des Gegen­über. Und mal ehr­lich: Sieht man von den farb­li­chen Dis­so­nanzen ab, ent­deckt man ähn­liche Wur­zeln und ver­blüf­fende Schnitt­mengen. Natür­lich ist die Riva­lität inzwi­schen Teil der jewei­ligen Stadt­folk­lore, aber streng genommen herrscht zwi­schen den Klubs doch eigent­lich eine wei­tes­ge­hend fried­liche Koexis­tenz. Kein Wunder, liegen die Ver­eine doch letzt­lich nicht nur lokal nah beein­ander. Beide haben eine rie­sige Anhän­ger­schaft in Deutsch­lands bevöl­ke­rungs­reichsten Bun­des­land, beide rekru­tierten ihre Anhän­ger­schaft zum Groß­teil aus Arbei­ter­vier­teln und besaßen gleich­wohl eine inte­gra­tive Funk­tion für viele pol­ni­sche und ost­preu­ßi­sche Immi­granten.

Sinn­bild­lich stehen beide Ver­eine für ehr­li­chen und boden­nahen Ruhr­pott­fuß­ball, der sich anhand von Tugenden wie Herz und Lei­den­schaft iden­ti­fi­ziert. Auch die Anhän­ger­schaft beider Ver­eine gleicht sich in ihrer Begeis­te­rungs­fä­hig­keit. Sowohl der BVB als auch S04 ver­kaufen jede Saison über 40.000 Dau­er­karten – die Steh­platz­tri­bünen beider Ver­eine haben ein unver­gleich­li­ches Ausmaß und sind die größten Deutsch­lands. Hinzu kommt die viel­zi­tierte geo­gra­phi­sche Nähe und die zwangs­läufig daraus resul­tie­rende Ähn­lich­keit der Anhän­ger­schaft, die sich in Habitus, Dia­lekt und eigenem Voka­bular wie pöhlen“ mani­fes­tiert. Die zwangs­weise statt­fin­denden all­täg­li­chen Inter­ak­tionen zwi­schen den Gelben und Blauen laufen ohnehin meist fried­lich ab – zumal es häufig vor­kommt, dass inner­halb einer Familie Dort­mund- und Schalke-Fans lie­bend zusammen leben.

Ihr wollt es doch auch!

Natür­lich wird keiner von beiden je zugeben, dass er dem anderen eigent­lich ganz ähn­lich ist und gut zu ihm passen würde. Genau so wie puber­tie­rende Teen­ager sich zieren, ihre roman­ti­schen Gefühle dem anderen gegen­über zu offen­baren und selbst­ver­ständ­lich ist es auf diese Weise auch viel span­nender. Und so zieren sie sich weiter, freuen sich aber ins­ge­heim schon riesig auf das nächste Treffen, denn ohne ein­ander können sie auch nicht. Viel­leicht küssen sie sich ja end­lich an diesem Samstag. Gebt es zu, ihr wollt es doch auch! Der neu­trale Zuschauer wird sich das Tech­tel­mechtel gerne anschauen und denken: Sind sie nicht süß?“