In Japan nennen sie Kazuyoshi Miura King Kazu“, denn er spielt so lange Fuß­ball wie kein anderer Profi auf der Welt. Er war Asiens Fuß­baller des Jahres, wurde bra­si­lia­ni­scher und kroa­ti­scher Meister. Er spielte in Ita­lien, Aus­tra­lien und seiner Heimat Japan. Er machte 89 Län­der­spiele und schoss dabei 55 Tore. Nun hat der Stürmer sein Come­back in der ersten Liga gegeben und ist damit der älteste Spieler, der je in der japa­ni­schen ersten Liga ein­ge­setzt wurde. Am 24. Sep­tember 2020 wird Kazuyoshi Miura 53 Jahre, sieben Monate und 28 Tage alt sein.
 
Als Kazuyoshi Miura 1986 sein erstes Pro­fi­spiel bestreitet, gewinnt Argen­ti­nien mit Libero und Diego Mara­dona die WM. Im Fern­sehen gibt es drei Sender und die Com­pu­ter­firma Com­mo­dore bringt eine Gold Edi­tion“ heraus. Als Miura 1990 sein erstes Län­der­spiel macht, hält sich Mat­thias Reim mit Ver­dammt, ich lieb’ Dich“ 16 Wochen auf Platz eins der Single-Charts, Helmut Kohl geht in seine dritte Amts­zeit und in Greifs­wald erwarten Roland Kroos und Birgit Kämmer einen Sohn, den sie Toni nennen werden.
 
Die Welt ist in jener Zeit noch rie­sen­groß. Ein Tele­fon­ge­spräch in die USA kostet so viel wie ein Klein­wagen und Süd­ame­rika liegt nicht nur einen Maus­klick und einen 700-Euro-Non-Stop-Flug ent­fernt. Den jungen Kazuyoshi Miura inter­es­siert das aber nicht die Bohne. Schon 1982, im Alter von 15 Jahren, packt er seine Sachen und ver­lässt die japa­ni­sche Drei-Mil­lionen-Metro­pole Shi­zuoka in Rich­tung Bra­si­lien. Alleine am anderen Ende der Welt, 17.000 Kilo­meter, 40 Stunden Flug­zeit. Seinen Eltern, Freunden und Leh­rern erklärt er, er wolle Fuß­ball­profi werden. Einer wie Roberto Rive­lino, sein großes Idol, der Welt­meister von 1970.

Der ein­ar­mige Junge am Mara­cana

Als der Junge in Bra­si­lien ankommt, muss er fest­stellen, dass nie­mand auf ihn gewartet hat. Anfangs ver­dingt er sich als Stra­ßen­ver­käufer und Tou­ris­ten­führer, nebenbei kickt er in Sao Paulo in der Jugend­mann­schaft des Clube Atle­tico Juventus. Die Mit­spieler reagieren skep­tisch auf den Neuen aus Fernost, ein paar mit offenem Ras­sismus. Manchmal haben sie sich gewei­gert, den Ball zu mir zu passen“, erin­nert sich Miura später.

Die Geschichte geht weiter wie in einem Film mit Richard Gere: Der geschei­terte Held macht sich auf den Weg zum Flug­hafen, er will heim nach Japan. Nur ein Ziel hat er noch: Er möchte ein letztes Mal das Mara­cana sehen. Als er dort ankommt, sieht er vor den Toren einen Jungen, der mit großer Begeis­te­rung einem Ball hin­ter­her­jagt. Auf den zweiten Blick erkennt Miura, dass dem Jungen ein Arm fehlt. Da wusste ich: Ich darf mich nicht unter­kriegen lassen. Ich darf nicht auf­geben.“ Also bleibt er – und schießt wenig später ein ent­schei­dendes Tor gegen Corin­thians. In den fol­genden Jahren kickt er für den FC Santos, Pal­meiras Sao Paulo und Cori­tiba.