Seite 2: Wie einzigartig Zidane die Kabine beherrscht

Zidane wider­spricht in vielen Punkten dem Anfor­de­rungs­profil, das der moderne Fuß­ball heute ver­meint­lich an Spit­zen­trainer stellt. Sein Trai­ning ist nicht über­frachtet mit kom­plexen Auf­ga­ben­stel­lungen. Er, der ehe­ma­lige Ball­künstler, legt in erster Linie Wert auf aus­ge­prägte Fit­ness. Ansonsten genießen die Künstler Frei­heiten. Viele seiner Übungen wären einem Thomas Tuchel oder Rafael Benitez ver­mut­lich zu alt­ba­cken.

Zidanes größte Stärke ist die größte Schwäche vieler seiner Kol­legen. Wie kein Zweiter ist er in der Lage, eine Ansamm­lung von Welt­stars zu führen. Er kon­trol­liert die Hin­ter­zimmer, die tras­ti­enda, wie es in Spa­nien heißt. Damit ist gemeint, dass er stets im Bilde ist, was das See­len­leben der Mann­schaft angeht.

Die Aura des Trai­ners

Real Madrid ist unter Zidane zu einer ver­schwo­renen Gemein­schaft geworden, die Spieler folgen ihrem Trainer blind, weil sie ihn über alle Maßen respek­tieren. Etwas, was auf diesem Niveau kaum mög­lich ist, es sei denn, man war selbst ein Welt­klas­se­spieler. Der Trainer weiß, wie sich seine Spieler fühlen, er kennt all ihre Befind­lich­keiten, weil er sich ja selbst lange in ihrer Lage befand. Selbst er wurde im kri­ti­schen Ber­nabeu aus­ge­pfiffen, wenn es nicht lief. Er weiß, wel­chen Druck es bedeuten kann, das weiße Real-Trikot zu tragen. Die Aura des Trai­ners Sergio Ramos am tref­fendsten beschrieben: Was Zidane sagt, ist heilig.“

Was er tut ebenso. Manchmal spielt er bei den Trai­nings­spielen oder den rondos (4 gegen 2) noch mit, dann bekommen auch Größen wie Ramos oder Modric einen Tunnel ab und alle lachen. Sami Khe­dira brachte er damit mal so in Rage, dass der zur ein­ge­flo­genen Blut­grät­sche ansetzte und trotzdem ins Leere flog. Solche Klei­nig­keiten sind es, die Welt­klas­se­spieler packen, nicht ver­kopfte Trai­nings­spiel­formen.

Die Art, wie viele Spieler von ihrem ersten Treffen oder ihrem ersten Kon­takt mit Zidane berichten, zeigt den Respekt, den der Trainer genießt. Raphaele Varane etwa rief Zidane wäh­rend dessen Abitur­prü­fung an. Als der Ver­tei­diger bemerkte, wer da am anderen Ende ist, setzte er seine Prü­fung in den Sand.

Tak­ti­sche Kniffe

Gerade in dieser Saison, die national so ent­täu­schend ver­lief, gelang es Zidane, eine Wir gegen den Rest der Welt Men­ta­lität“ ein­zu­impfen, ohne dabei dem Wahn­sinn eines José Mour­inho nach­zu­ei­fern. Der Presse gegen­über stellt er sich schüt­zend vor seine Spieler, intern hat er ein Klima geschaffen, in dem jeder wert­ge­schätzt wird. Alle 24 Spieler des Kaders kamen in der Spiel­zeit zum Ein­satz. Nie­mand soll sich außen vor fühlen“, sagt Zidane.

Wenn es hieß, die größte Stärke des Trai­ners Zine­dine Zidane sei es, Zine­dine Zidane zu sein, dann schwang latent der Vor­wurf mit, ihm fehle es an Inhalten. Davon kann längst nicht mehr die Rede sein. Tak­tik­fuchs Unai Emery und Paris St. Ger­main bremste er im Ach­tel­fi­nale mit einem Kniff aus. Statt des gewohnten 4−3−3 opferte er Gareth Bale und lief im 4−4−2 auf. Real gewann das Spiel im Mit­tel­feld, wo Marco Asensio und Mateo Kova­cevic domi­nierten. Dass Zidane seit 2016 keines seiner sieben End­spiele mit Real Madrid ver­loren hat, kann nicht allein seiner Aura geschuldet sein.