Marco Streller, Sie sagten mal Ich will Teil einer Mann­schaft sein, die Geschichte schreibt“. Heute könnte ein sol­cher Tag sein – was würde es Ihnen bedeuten, Tot­tenham zu schlagen?
Wir haben bereits Geschichte geschrieben.Wir sind zuletzt dreimal in Folge Schweizer Meister geworden, haben zweimal das Double geholt und sind zudem ins Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League ein­ge­zogen. Die ver­gan­gene Saison war die erfolg­reichste der FCB-Geschichte. Wir sind unheim­lich stolz auf diesen Erfolg.

Und wie würden Sie einen Halb­final-Einzug in der Europa League ein­ordnen – die Krö­nung?
Ich hätte es vor der Runde nie für mög­lich gehalten, dass wir die ver­gan­gene Saison noch toppen können. Nun haben wir die Chance, unter die letzten Vier vor­zu­stoßen– das ist der Hammer! Ich ver­suche aller­dings, wie es sich für einen guten Schweizer gehört, bescheiden zu bleiben. (lächelt)

Der FC Basel besitzt die besten und teu­ersten Spieler der Liga und die stärkste und erfolg­reichste Nach­wuchs­ab­tei­lung des Landes. Ist Beschei­den­heit in diesem Fall nicht eher Under­state­ment?
Wir sind zwar der klare Außen­seiter, glauben aber den­noch fest an unsere Stärken. Es ist mög­lich, wei­ter­zu­kommen. Wir müssen aller­dings an beiden Tagen alles abrufen, was wir drauf haben. Gelingt uns das nicht, schei­tern wir.

Haben Sie die letzt­jäh­rigen Cham­pions-League-Par­tien gegen Man­chester United im Hin­ter­kopf?
Na klar! Wir haben gegen Man­chester in zwei Spielen vier Punkte geholt. Punkte, die man nicht als geklaut bezeichnen kann. Das war frei­lich sen­sa­tio­nell. Ich erin­nere mich immer wieder gern an einen Satz von Thorsten Fink, den er uns in der Halb­zeit im Old Traf­ford sagte (End­stand 3:3, d. Red.).

Sie lagen zur Halb­zeit 0:2 hinten.
Und einige von uns hatten offenbar das Gefühl: Hof­fent­lich kriegen wir hier heute nicht fünf oder sechs Buden. Aber nicht so Thorsten Fink, er kam in die Kabine und sagte Jungs, seid Ihr doof? Wir können hier gewinnen!“

Was war Ihr erster Gedanke?
Gewinnen? Hier? Ist der wahn­sinnig?!“. Er hat uns dieses deut­sche Selbst­ver­trauen ver­mit­telt – oder soll ich sogar vom soge­nannten Bayern-Gen“ spre­chen? (lacht) Fink sagte zum Abschluss seiner Ansprache Wir gehen da jetzt raus und drehen die Partie, Männer!“. Das war ein geiles Gefühl.

Sie haben das Spiel tat­säch­lich gedreht.
Wir haben gefightet und führten plötz­lich 3:2 im großen Old Traf­ford. Leider haben wir in der 90. Minuten den Aus­gleich kas­siert. Ent­schei­dend war aller­dings unser Auf­treten, diese Ein­stel­lung, nie­mals aufzugeben.Wir spürten, dass wir an einem guten Tag in der Lage sind, jeden Gegner zu schlagen. Diese Momente werde ich nie ver­gessen. Über beide Par­tien wird man in Basel noch lange spre­chen.

Ver­mut­lich nicht nur in Basel.
Das ist in der Tat keine Floskel. Ein Bei­spiel: Ich habe anschlie­ßend mit einem Freund tele­fo­niert, der bei einer Bank in Miami ange­stellt ist. Er sagte mir Marco, hier in unserer Büros reden heute alle über den FC Basel“. Das muss man sich mal vor­stellen! Men­schen in Miami reden über den Auf­tritt einer Schweizer Mann­schaft – unglaub­lich. Die USA sind bekannt­lich nicht das große Fuß­ball-Land, um es mal vor­sichtig zu for­mu­lieren. Oder ein anderes Bei­spiel: Ich kenne einen Banker, der in Sin­gapur arbeitet..

Sie sind gut ver­netzt.
(lacht) Jeden­falls sagte er mir vor kurzem, in seiner Bank seien bei­nahe alle Ange­stellten Fan des FC Basel. Das ist schon ver­dammt lustig. Wir sind in Europa der Underdog, der das große United zu Fall gebracht hat. Dieses Ereignis war offen­sicht­lich welt­weit ein Thema. Ich bemerke den Stel­len­wert auch heute noch, wenn ich mit deut­schen Spie­lern rede, zum Bei­spiel mit meinem Freund Mario Gomez. Die kleine Schweiz ist plötz­lich im Blick­feld. Die Leute nehmen uns inzwi­schen ernst. Derlei haben wir uns hart erar­beitet.

Was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass Sie im Vier­tel­fi­nale der Europa League auf Tot­tenham treffen?
Ein Traumlos. Und: Mein abso­lutes Wunschlos. Tot­tenham ist ein geiler Klub. Seit ich denken kann, bewun­dere ich diesen Verein. Die White Hart Lane ist ein unglaub­lich schönes Sta­dion, die Fans sind gran­dios und London ist eine tolle Stadt. Zuletzt mussten wir in der Europa League stets weit reisen, unter anderem ins kalte Sankt Peters­burg und nach Dni­pro­pe­trowsk. Jetzt geht es ins Mut­ter­land des Fuß­balls. Was wollen wir bitte schön mehr? Ich freue mich der­weil riesig auf den Sup­port der vielen Basler, die uns begleiten werden.

Wie groß ist der Respekt vor Tot­tenham-Star Gareth Bale? 
Er gehört der­zeit sicher­lich zu den welt­besten Spie­lern, keine Frage. Was der Junge mit dem Ball anstellt, ist fan­tas­tisch. Aber auch seine Neben­leute sind über­ra­gend. Schaut man sich die Auf­stel­lungen der letzten Par­tien an, so stellt man relativ schnell fest, dass zuletzt fast aus­nahmslos Natio­nal­spieler auf dem Feld standen.

Ist Bale der Schlüssel zum Erfolg?
Bale ist das Aus­hän­ge­schild des Klubs, natür­lich ist es wichtig, ihn aus­zu­schalten. Wir dürfen aller­dings nicht den Fehler machen, nur auf ihn zu schauen. Das würde nach hinten los­gehen. Klar ist aber auch: Erwischt Bale einen guten Tag, wird es ganz, ganz schwierig. Vor einem Jahr war es Rooney, jetzt ist es Bale – wir werden achtsam sein.

Wird der FC Basel auf der Insel unter­schätzt?
Ich denke schon. Zwar haben uns die Spiele gegen United Respekt ein­ge­bracht, den­noch gehen wohl die meisten bri­ti­schen Fans und Medien davon aus, die Spurs wären bereits mit einem Bein im Halb­fi­nale. Jene Leute würden eine Mann­schaft aus Deutsch­land oder Spa­nien ver­mut­lich anders betrachten.