André Golke, waren Sie in letzter Zeit mal am Mill­erntor, oder haben Sie sich das erspart?
Ich schaue dort öfter vorbei und war dieses Jahr bei fünf Heim­spielen. Da waren wirk­lich Gru­sel­kicks dabei. Die letzte Partie gegen Aalen war aller­dings ordent­lich, da war Zug drin, und das macht mir Hoff­nung.
 
Was stimmt Sie opti­mis­tisch?
Die Mann­schaft hat sich nicht hinten ver­steckt, wie sie es in den letzten Jahren leider zu oft getan hat. Zu Hause musst du vorne drauf­gehen und den Gegner unter Druck setzen. Mit Angst­ha­sen­fuß­ball hast du bei Heim­spielen keinen Erfolg. Der neue Trainer Lienen lässt offen­siver und aggres­siver spielen, das gefällt mir.
 
Haben Sie zu Ihrer Zeit auf St. Pauli anderen Fuß­ball gespielt?
Wir haben früher die Kugel oft lang nach vorne gehauen und sind dann 20 Minuten nur drauf­ge­gangen. Dadurch haben wir auch die Zuschauer mit­ge­rissen und das Sta­dion in einen Hexen­kessel ver­wan­delt. Ich weiß von ehe­ma­ligen Geg­nern, dass die nie gerne bei uns gespielt haben. Das ist heute leider anders, die Mann­schaften kommen gerne nach Ham­burg. Große Stadt, volles Sta­dion, und dann dürfen sie auch noch locker drei Punkte mit­nehmen, weil ihnen keiner mehr wehtut.
 
Ist das Mill­erntor für Sie heute kein Hexen­kessel mehr?
Damals hat das ganze Sta­dion zusammen gebrüllt, nicht nur die eine Kurve, son­dern auch die Gegen­tri­büne. Heute machen die Jungs hinter dem Tor ihre eigenen Sachen, und wenn die Gegen­ge­rade einen Song anstimmt, singen die gar nicht mit. Die ziehen ihr eigenes Ding durch und inter­es­sieren sich nicht dafür, wie es gerade steht oder was die Mann­schaft braucht. Früher hallte es von allen Seiten: Alle auf die Acht!“, dadurch hatte man als Spieler das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen. Das war schon sehr ein­ge­schworen.
 
Also hatte die Mann­schaft damals ein anderes Ver­hältnis zu den Fans?
Zwi­schen Fans und Mann­schaft gab es eine Sym­biose. Zum einen durch den sport­li­chen Erfolg, da wir aus der Ober­liga (damals Dritte Liga, d. Red.) bis in die Bun­des­liga mar­schiert sind. Zum anderen aber auch, weil der Kader zu 50 Pro­zent aus Ham­bur­gern bestand. Da kannte fast jeder aus der Truppe Dut­zende Schul­ka­me­raden oder Freunde, die im Publikum saßen.
 
Und nach dem Spiel ging es gemeinsam auf die Ree­per­bahn, um den Sieg zu begießen?
Wir sind oft ins Klub­heim gegangen. In der alten Räu­cher­höhle haben wir mit den Fans auch nach schlechten Spielen unser Bier getrunken, ohne ange­pö­belt zu werden. Wir hatten einen guten Draht zuein­ander.
 
Wo hat es Sie mit der Mann­schaft hin­ge­zogen, wenn Sie nach dem Klub­heim noch wei­ter­wollten?
Es gab da diese eine Kneipe auf dem Kiez: Die blaue Nacht“. Da haben wir uns ständig getroffen – nicht nur nach den Spielen. Die Kneipe war über 25 Jahre von St. Pauli-Spie­lern fre­quen­tiert, das ist heute leider anders.
 
Woran liegt das?
Das Medi­en­auf­kommen ist heute ein ganz anderes. Da sind überall Reporter mit ihren unsäg­li­chen Han­dy­ka­meras unter­wegs, und ich kann ver­stehen, dass die Jungs sich kom­plett aus der Öffent­lich­keit zurück­ziehen. Die werden ja gleich vom Verein zu hor­renden Geld­strafen ver­ur­teilt, wenn raus­kommt, dass sie drei Tage vor einem Spiel ein Bier getrunken haben.