Es ist wie jedes Jahr. Und eigent­lich sollte man sich diese ganze Sache gar nicht erst antun. Zumin­dest, wenn man nah am Wasser gebaut ist, könnte man ein­fach mal raus­fahren. Ins Grüne zum Bei­spiel, mit einem Buch oder einer Bade­hose. Das Wetter wird gut am Wochen­ende.

Doch, nein, es kommt natür­lich anders. Man drückt sich in den Block, man klemmt sich vor die TV-Kiste, man will das alles sehen, alles hören, alles zulassen. So wie im letzten Jahr, als Dede ver­ab­schiedet wurde. Mit den Tränen, die damals flossen, hätte man drei Swim­ming­pools füllen können.

Das Wasser ronn die Gelbe Wand hinab. Sie lagen sich in den Armen und schließ­lich lächelten sie auch ein wenig, weil Dede dort stand und zum Abschied von Liebe und Heimat sprach. Plötz­lich waren sie wieder da, all die Erin­ne­rungen an diese Sprints auf der Außen­bahn oder dieses Spiel gegen den AC Mai­land, als er drei Gegen­spieler mit einem Heber aus­steigen ließ und der BVB am Ende mit 4:0 gewann. Und dann natür­lich all die Geschichten, die von seiner Ankunft in diesem kalten und unbe­kannten Deutsch­land erzählen. Einmal fror etwa die Front­scheibe seines Autos zu. Dede hatte zuvor noch nie Schnee gesehen und dachte, der Wagen sei kaputt. Er rief prompt einen Kfz-Mecha­niker. Ein anderes Mal ver­brannte er Haus­müll vor seiner Tür, so wie er es in den Favelas von Mineiro gemacht hatte. Seine Nach­barn alar­mierten die Feu­er­wehr. Erin­ne­rungen an 13 Jahre Dede. Am Ende wieder Tränen, Blumen, Umar­mungen, ach, Dede.

Nun geht es also wieder los. Es wird diese Saison ver­ab­schiedet wie lange nicht. Raúl geht fort, irgendwo in die große weite Wüs­ten­welt. Marco Reus, Dante, Roman Neu­städter und Ivica Olic wech­seln zwar inner­halb der Bun­des­liga. Doch auch sie: Fort! Ebenso Mladen Petric oder Tim Wiese. Alle fort! Werden sie vom Haus­müll berichten? Und was ist über­haupt mit Michael Bal­lack? Geht der Ex-Capi­tano tat­säch­lich in die USA? Wird er mit einem Auf­tritt von Truck Stop ver­ab­schiedet? Kommt er über­haupt zum Ein­satz?

Damit ihr wisst, wo ihr wann schluchzen und schmachten könnt, hier die wich­tigsten Ver­ab­schie­dungen der kom­menden zwei Sams­tage:

Mön­chen­glad­bach, Borussia Park

Samstag, 28. April, ab ca. 15:03 Uhr
Erwar­tete Tränen (in Liter): 520,3

In Glad­bach werden an diesem Samstag gleich drei Leis­tungs­träger ver­ab­schiedet: Dante wech­selt zum FC Bayern, Marco Reus zum BVB und Roman Neu­städter zu Schalke 04. Beson­ders Marco Reus werden die Glad­ba­cher ver­missen, er schoss in dieser Spiel­zeit bis­lang 16 Tore und steht sinn­bild­lich für die ful­mi­nante Saison der Borussia. Ein sym­pa­thi­scher Typ ist er dazu. Wäh­rend andere Spieler ihre Home­pages mit Kalen­der­weis­heiten füllen („Wer nicht kämpft, hat schon ver­loren“, Der Preis der Größe heißt Ver­ant­wor­tung“), steht auf der Seite von Marco Reus erst einmal dies: Mir ist es wichtig, immer up to date zu bleiben!“ Und was ist Euch so wichtig? 

Schalke, Vel­tins-Arena

Samstag, 28. April, ab ca. 17:22 Uhr
Erwar­tete Tränen (in Liter): 3293

Was war nur geschehen? Im Früh­jahr 2010 wech­selte zunächst Ruud van Nistel­rooy zum HSV und wenige Monate später Raúl zu Schalke. War die Bun­des­liga das Alters­heim Europas geworden? Oder waren die Wechsel ein Zei­chen für die neue Attrak­ti­vität der Liga? Ruud van Nistel­rooy traf jeden­falls gleich im zweiten Kurz­ein­satz. Doch schon wenige Monate später kün­digte er seine Rück­kehr zu Real Madrid an. Irgend­wann wech­selte er zum FC Malaga. Bei­nahe unbe­merkt.

Und Raúl? Der Spa­nier spielte sich wie kein anderer Schalke-Neu­zu­gang der letzten Jahre in die Herzen der Fans. Nun treibt es ihn weiter, wohin genau, steht noch dahin, ver­mut­lich in einen Wüs­ten­staat. Dieser Raúl also, dem sie zwei Jahre zu Füßen lagen, wird an diesem Samstag in der Deluxe-Vari­ante ver­ab­schiedet. Ihm zu Ehren soll etwa die Rücken­nummer 7 nicht mehr ver­geben werden. Außerdem wird Raúl im nächsten Jahr ein Abschieds­spiel bekommen und in die Hall Of Fame“ auf­ge­nommen. Nach dem Spiel gegen Hertha wird zudem eine Bühne auf­ge­baut, auf der Cle­mens Tön­nies und Horst Heldt dem schei­denden Stürmer eine Uhr, ein gerahmtes Trikot und Blumen über­rei­chen. Der Video­würfel zeigt danach die besten Szenen aus Raúls Zeit beim FC Schalke. Ein Wunder eigent­lich, dass nicht noch U2 oder Kiss auf­treten. Dafür werden noch Hans Sarpei, Mathias Schober und Levan Kenia ver­ab­schiedet.

Mün­chen, Allianz Arena
Samstag, 28. April, ab ca. 14:55 Uhr
Erwar­tete Tränen (in Liter): 160

Ivica Olic galt 1998 als eine der hei­ßesten Per­so­na­lien auf dem euro­päi­schen Spie­ler­markt. Bei einem Pro­be­trai­ning in Berlin im Sommer 1998 trat der damals 19-Jäh­rige des­wegen unter dem Namen Danko Dikic auf. Die Kon­kur­renz sollte nicht auf ihn auf­merksam werden. Bei Hertha gelang aller­dings wenig. Über Moskau und Ham­burg ging es schließ­lich zum FC Bayern. Nach seinem Wechsel im Sommer 2009 glaubte kaum jemand daran, dass er sich beim Rekord­meister durch­setzen würde. Doch Olic tat das, was er am besten kann: Kilo­meter fressen und Tore schießen. Dar­unter sehr wich­tige Treffer wie der in der Nach­spiel­zeit des Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nals 2010 gegen Man­chester United. Oder die drei Buden gegen Olym­pique Lyon im darauf fol­genden Halb­fi­nale. Nach dem Spiel lag er hinter Lionel Messi und Cris­tiano Ronaldo auf Platz 3 der Tor­jä­ger­liste. Sein Kom­mentar: Messi, Ronaldo, Olic – das klingt doch ganz gut.“ Nun geht’s nach Wolfs­burg.

Außerdem wird Hans­jörg Butt ver­ab­schiedet, der als Jugend­ko­or­di­nator beim Rekord­meister anfängt. Butt war bei der WM 2010 als dritter Natio­nal­tor­wart dabei war und gewann 2010 mit den Bayern das Double.


Wolfs­burg, Volks­wagen Arena

Samstag, 28. April, ab ca. 15:00 Uhr
Erwar­tete Tränen (in Liter): 0,2

Wird es Blu­men­sträuße geben? Und wenn ja: Für wie viele Abgänge? Sechs, neun, drei­zehn, vier­und­zwanzig? Wir sind gespannt.


Lever­kusen, BayArena

Samstag, 28. April, ab ca. 15:09 Uhr
Erwar­tete Tränen (in Liter): 20,9

Michael Bal­lacks Zeit bei Bayer Lever­kusen war auch: Lei­dens­zeit. Schon im dritten Spiel nach seiner Rück­kehr 2010 erlitt er eine Fraktur am Schien­bein­köpf­chen. Er fiel für den Rest der Hin­runde aus. Die Saison 2011/12 lief eben­falls schlep­pend. Er bestritt bis­lang gerade mal 16 Spiele, in der Rück­runde kam er nur dreimal zum Ein­satz. Nun wech­selt Michael Bal­lack ver­mut­lich in die USA.

Auf seine letzten Bun­des­liga-Tage wird der Ex-Capi­tano aber gera­dezu ver­söhn­lich. Bei Sport1 sagte er diese Woche: Grund­sätz­lich sind natür­lich ein paar Sachen in der Kar­riere geschehen – wenn man mensch­lich ent­täuscht wird, egal ob das jetzt sport­lich oder privat ist –, da sagt man sich auch: Das war’s jetzt mal. Oder: Schwamm drüber, das ist jetzt so pas­siert.“ Mit Philipp Lahm und Jogi Löw will er sich ver­söhnen. Am Samstag wird er zusammen mit Rene Adler ver­ab­schiedet. Der Tor­hüter hat zwölf Jahre bei Bayer Lever­kusen gespielt.


Ham­burg, Volks­park­sta­dion

Samstag, 28. April, ab ca. 15:02 Uhr
Tränen (in Liter): 76,3

Abschiede beim HSV gelingen nicht immer. Ver­gan­gene Saison musste etwa Piotr Tro­chowski, der immerhin sechs Jahre beim HSV aktiv war, seinen letzten Tag in Ham­burg auf der Ersatz­bank ver­bringen. Dieses Jahr werden etwa Mladen Petric und David Jarolim ver­ab­schiedet. Petric machte 98 Spiele für den HSV und schoss dabei 39 Tore. Jarolim, seit 2003 beim HSV, brachte es auf 236 Spiele. Der Tscheche war eigent­lich schon zu Beginn der Saison aus­ge­mus­tert worden, im Winter hätte er gehen sollen. Doch es kam anders, im Abstiegs­kampf war Jarolim plötz­lich wieder ein gefragter Mann. Zum Ärger man­cher Kon­tra­henten. Rudi Völler for­mu­lierte es einmal so: Womit ich ein Pro­blem habe, das ist das thea­tra­li­sche Fallen inklu­sive drei­fa­cher Rollen. Aber da müssen wir ehr­lich sein: Jeder Klub hat seinen Jarolim.“

Dort­mund, West­fa­len­sta­dion
Samstag, 5. Mai, ab ca. 15:03 Uhr
Tränen (in Liter): 89,6

Er wurde im Sommer 2009 als Welt­tor­jäger ange­kün­digt. Das klang ziem­lich groß­artig. Was die Jubel-Dort­munder damals ver­gaßen: Welt­tor­jäger – das waren Bader al-Mutawa (Al Qadsia Kuwait) und Ali Daei (Pirouzi Teheran) auch schon mal. Es gab also nicht wenige Skep­tiker, die den 37-Tore-Bomber Lucas Bar­rios von Colo-Colo San­tiago schon im Vor­feld als nicht bun­des­li­ga­taug­lich ein­stuften. Sie taten ihm unrecht. In seiner ersten Spiel­zeit traf er 19 Mal. Und in der ver­gan­genen Saison hatte Bar­rios mit 16 Toren großen Anteil an Dort­munds Meis­ter­schaft. Doch danach kam er kaum noch zum Ein­satz. Zunächst stoppten ihn Ver­let­zungen, dann war an Robert Lewan­dowski ein­fach kein Vor­bei­kommen. Nun wech­selt er für zwölf Mil­lionen Euro zu Guang-zhou Ever­grande FC in die Chi­nese Super League.

Bremen, Weser­sta­dion
Samstag, 5. Mai, ab ca. 15:15 Uhr
Tränen (in Liter): Tim-Wiese-Fans weinen nicht!

Geht Claudio Pizarro? Und wenn ja, wohin? Geht Tim Wiese? Ja, aber wohin? Hinter dem Tor­hüter soll halb Europa her sein: Der AC Mai­land, Inter Mai­land, Tot­tenham Hot­spur, Real Madrid – und die TSG Hof­fen­heim. Das jeden­falls behauptet Markus Babbel: Wir kon­kur­rieren da mit Real und den Mai­länder Klubs. Wenn sich Tim trotzdem für uns ent­scheidet, bin ich stolz. Dann sollte er auch von euch eine faire Chance bekommen.“ Wiese hat nun die Qual der Wahl: In Sins­heim gibt es ein Auto&Technik-Museum, in Madrid das Ber­nabeu-Sta­dion. Wir lehnen uns jetzt mal richtig weit aus dem Fenster und behaupten: Wiese wird sich in den nächsten drei bis 49 Tagen ent­scheiden. Und viel­leicht schon am über­nächsten Wochen­ende ver­ab­schiedet. Mit einem Son­nen­blu­men­strauß.