Seite 2: Der wichtige zweite Ball

Ande­rer­seits hatte es Jürgen Klopp irgendwie geschafft, in der Stadt einen trot­zigen Opti­mismus zu ver­breiten. Das merkte man am nächsten Tag schon lange vor dem Anpfiff. Der von einer Gehirn­er­schüt­te­rung noch nicht ganz gene­sene Salah schlen­derte in einem schwarzen T‑Shirt mit der Auf­schrift Never give up“ über den Rasen, dann feu­erte James Milner seine Mit­spieler beim Warm­ma­chen an, als ginge es hier schon ums Ganze. Und als die beiden Mann­schaften zum Anstoß das Grün betraten, war die elek­tri­sie­rende Atmo­sphäre fast mit Händen zu greifen. Der Mythos Anfield“ wird oft stark über­trieben dar­ge­stellt, denn das Sta­dion ist inzwi­schen nur noch an ganz beson­deren Tagen so laut und intensiv wie früher. Aber dies war einer jener Tage.

Nach 78 Minuten hatten diese ent­fes­selten Fans den Ball schon dreimal ins Netz gebrüllt. Das Haupt­ziel – eine Ver­län­ge­rung – war erreicht, doch nun wollte Liver­pool mehr. Trent Alex­ander-Arnold flankte von der rechten Seite, Sergi Roberto blockte den Ball ab. Das Spiel­gerät flog ins Toraus, prallte gegen eine Wer­be­bande und rollte zurück ins Feld. Bar­ce­lonas Ver­tei­diger drehten sich um, wandten Alex­ander-Arnold den Rücken zu und nahmen gemäch­li­chen Schrittes ihre Posi­tionen für den Eck­stoß ein. Und warum auch nicht? Schließ­lich sahen sie den Ball noch durch ihren Straf­raum kul­lern. Ihnen ent­ging, dass es nicht mehr der Spiel­ball war.

Per­fekte Augen-Hand-Koor­di­na­tion

Schon in dem Moment, als das Leder gegen die Wer­be­bande geflogen war, hatte der 14-jäh­rige Ball­junge Oakley Can­no­nier seine Posi­tion ein­ge­nommen. Er hielt einen neuen Ball in der rechten Hand und schaute nicht aufs Feld, son­dern fixierte Alex­ander-Arnold mit seinem Blick. Sobald er einen kurzen Augen­kon­takt her­ge­stellt hatte, warf er dem Profi den Ball zu. Dann, wäh­rend Alex­ander-Arnold den neuen Ball in den Vier­tel­kreis an der Eck­fahne legte, rich­tete sich Can­no­nier auf und for­derte Divock Origi auf, ihm schnell das Leder zuzu­spielen, das im Straf­raum lag. Origi führte erst die Anwei­sung des Ball­jungen aus. Und dann pfef­ferte er den neuen Ball, den Alex­ander-Arnold ihm maß­ge­recht ser­vierte, aus sieben Metern zum 4:0 in Tor.

Als der Ball in den Maschen lag, lief Origi rüber zur Eck­fahne und Alex­ander-Arnold. Sekunden später hatte sich eine Jubel­traube gebildet, in der selbst die Ersatz­spieler steckten. Direkt vor den fei­ernden Spie­lern drehte der Kop kom­plett durch – viele Fans bra­chen sogar, wie Auf­nahmen des Klub­fern­se­hens später zeigten, spontan in Tränen aus. Andere schlugen ein­fach nur die Hände über dem Kopf zusammen.

So. Und was tat nun inmitten dieses Tru­bels der Held des Tages? Klar, Can­no­nier sprang auf, riss die Arme in die Höhe und … Nein, natür­lich nicht.

Der Junge, der gerade sein erstes Jahr in der B‑Jugend des FC Liver­pool spielte, saß unbe­weg­lich auf seinem Platz vor der Bande, den Blick nicht etwa auf die Jubel­traube gerichtet, son­dern aufs Spiel­feld. In seinen Händen hielt er einen Ball. Oakley Can­no­nier war bereit für den nächsten wich­tigen Wurf. 

(P.S.: Zwei Monate später bekam er seine Beloh­nung. Can­no­nier durfte in einem Test­spiel der U18 gegen die A‑Jugend von Burton Albion auf­laufen. Prompt traf er zum 1:0. Für ihn war es wahr­schein­lich der Moment des Jahres.)