Seite 2: „Ich bin ein Scouser geworden“

Neapel ist eine Hafen­stadt wie Liver­pool und Valencia, wo sie eben­falls erfolg­reich gear­beitet haben. Was gefällt Ihnen an der Men­ta­lität dieser Orte?
Sie sind welt­offen und lebendig, weil sie seit Jahr­hun­derten unter dem Ein­fluss anderer Kul­turen stehen. Man ist es in diesen Städten gewohnt, mit Händen und Füßen zu kom­mu­ni­zieren und Fremde will­kommen zu heißen. Das sind die besten Vor­aus­set­zungen für ein so buntes Gefüge wie einen Fuß­ball­verein und seinen Trainer.

Aber wie viel bekommen Sie vom Leben in der Stadt wirk­lich mit? Sie leben in einem Hotel 40 Kilo­meter außer­halb Nea­pels?
Ich bin kein Fla­neur, und das könnte ich auf­grund meiner gewissen Bekannt­heit auch gar nicht sein. Aber ich bekomme genug mit, um die Men­ta­lität zu ver­in­ner­li­chen.

Sie arbei­teten sechs Jahre beim FC Liver­pool, noch heute singen die Fans an der Anfield Road Ihren Namen. Ist dort Ihre eigent­liche Heimat?
Meine spa­ni­schen Freunde sagen jeden­falls, ich käme ihnen schon sehr liver­poo­le­risch vor. Ja, ich bin ein Scouser geworden.

Mit den Reds gewannen Sie im CL-Finale 2005 gegen den AC Mai­land. Und das nach einem 0:3‑Rückstand. Ihr Gegen­über damals: Carlo Ance­lotti.
Ja, Carlo scheint sich von mir abge­guckt zu haben, wie man ein Spiel noch dreht! (Lacht.)

Das von ihm trai­nierte Real Madrid glich im Cham­pions-League-Finale 2014 gegen Atle­tico in der 94. Minute aus und gewann schließ­lich mit 4:1. Hatten Sie auch solche Angst, dass Diego Simeone Amok läuft?
Als er kurz vor Schluss auf dem Platz auf­tauchte, wurde mir schon mulmig.

Können Sie ihn trotzdem ver­stehen?
Es war sein Fehler, Diego Costa trotz Ver­let­zung auf­zu­stellen, das war ihm bewusst. Dann das späte 1:1, und in der Ver­län­ge­rung bricht Atle­tico ein. Das ist bitter. Man sollte uns Trainer nicht in sol­chen Stress­si­tua­tionen beur­teilen, son­dern daran messen, was wir tun und sagen, wenn wir uns beru­higt haben. Fragen Sie Klopp nach seinen Gri­massen, fragen Sie Simeone nach seinem Platz­sturm. Sie werden Ihnen nichts anderes sagen als ich: Es stand ver­dammt viel auf dem Spiel. Sie wollten gewinnen. Das ist alles.

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Wir trafen Rafael Benitez im Sommer 2014, kurz nach dem Gewinn des ita­lie­ni­schen Pokals. Das Inter­view erscheint hier stark gekürzt, die kom­plette Ver­sion erschien im Juli 2014 in 11FREUNDE #152. Das Heft könnt ihr hier nach­be­stellen.