Jetzt wird’s schmutzig. Nicht dass es vorher in irgend­einer Art und Weise sauber gewesen wäre, doch das, was Sepp Blatter nun tut, ist nicht weniger als die Zer­stö­rung eines Grün­dungs­my­thos. Der Fifa-Prä­si­dent hat in einem Inter­view mit dem Schweizer Revol­ver­blatt Blick“ ange­deutet, dass die Ver­gabe der WM 2006 gekauft worden sei. Das Som­mer­mär­chen, der Kaiser-Hub­schrauber, Klinsi, Poldi, Schweini und der Capi­tano, die schwarz-rot-gol­denen Perü­cken, die Bier­helme, die Abwasch­tat­toos und die Iro­ke­sen­mützen: All das hätte es somit gar nicht geben dürfen. Und das Schlimmste: Schland würde nicht exi­si­teren. Eine ganz und gar schreck­liche Vor­stel­lung! Doch es kam bekannt­lich anders. Und Schland wäre heute nicht Schland, wenn es nicht im Kol­lektiv auf­schreien würde. Als erstes zog der Rächer des kleinen Mannes, die Bild“, ihre Colts: Blatter zieht unser Som­mer­mär­chen in den Dreck“, hieß es da ges­tern. Es folgten der Kaiser und der Liga­chef. Franz Becken­bauer sagte: Er irrt!“ Rein­hard Rau­ball rief sogar bei Sepp Blatter an, um diesen zum Rück­tritt zu bewegen. Zuvor hatte sich bereits Dr. Theo Zwan­ziger, DFB-Prä­si­dent a.D., kri­tisch geäu­ßert. Er pran­gerte noch einmal die dubiosen Geschäfts­ge­baren der ehe­ma­ligen Fifa-Funk­tio­näre Joao Have­lange und Ricardo Tei­xera an: Aus mora­li­scher Sicht waren Schmier­gelder schon immer Schmier­gelder!“ Thesen, die sitzen wie ein linker Haken von Muhammad Ali. Bli­cken wir trotzdem noch einmal zurück: Was war denn über­haupt los anno 2000, als die WM an Deutsch­land ver­geben wurde? Damals gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwi­schen den Bewer­bern Süd­afrika und Schland (damals noch unter dem Namen Deutsch­land“). Deutsch­land gewann die Wahl mit 12:11, aller­dings hatte sich der Neu­see­länder Charles Dempsey bei der Wahl ent­halten. Gut für Deutsch­land, denn Demp­seys Ver­band hatte angeb­lich Süd­afrika favo­ri­siert. Bei einem Gleich­stand hätte Sepp Blatter also die Ver­gabe per Stich­stimme ent­scheiden müssen. In dem Blick“-Interview spricht Blatter diese Abstim­mung an. Er erzählt, dass wäh­rend der Wahl einer auf­steht und geht“. Er meint damit Charles Dempsey. Doch ver­gisst Blatter, dass der DFB, also das Bewer­bungs­ko­mitee, also der Kaiser, also Schland, also wir, diesen Mann nicht beein­flusst haben. Dieser Mann zog seine Stimme zurück, weil er einen Tag vor der Abstim­mung ein selt­sames Fax erhalten hatte, in dem ihm eine Kuckucksuhr nebst echtem Schwarz­wälder Schinken ange­boten wurde, wenn er seine Stimme für Deutsch­land abgeben würde. Unter­schrieben war das Fax von: Martin Son­ne­born, Secretary TDES (WM 2006 initia­tive). Martin Son­ne­born war damals Chef­re­dak­teur der Titanic“. Eine durch und durch Schland-feind­liche Zeit­schrift. Unse­riös, unbe­re­chenbar, fies. Dempsey räumte später ein: This final fax broke my neck.“ Die Bild“ schrieb danach vom bösen Spiel mit Franz“ und for­derte ihre Leser auf, sich direkt bei der Titanic-Redak­tion über das un-schlan­dige Ver­halten zu beschweren. Zahl­reiche Bild-Anhänger folgten dem Appell, schließ­lich hatte die Zei­tung auch die Tele­fon­nummer der Titanic-Redak­tion ver­öf­fent­licht. Sie taten also, wie ihn geheißen: Sie beschwerten sich. Zum Bei­spiel so: Sie sind ein ver­fluchter Huren­sohn. Wenn ich Sie auf der Straße sehe, spucke ich Sie an.“ Oder so: Ihr müsst bestraft werden wie ein Ver­bre­cher. Wie ein Mörder.“ Statt sich in die Reihe dieser Beschwerer mit sechs­jäh­riger Ver­spä­tung ein­zu­reihen, stellt“ der Fifa-Chef im Hin­blick auf die WM 2006 nun ledig­lich fest“. Was genau, bleibt nebulös. Immerhin wird er an anderen Stellen im Blick“-Interview kon­kreter. Zum Bei­spiel bei der Frage, wie viel Geld er in seinem Porte­mon­naie hat: 100 Franken und eine Kre­dit­karte mit einem Bild der schönen Wal­lisser Land­schaft. Ach, dieser boden­stän­dige Natur­bur­sche. Danach breitet er Infor­ma­tionen zum 60. Geburtstag von Uli Hoeneß aus. Der Bayern-Prä­si­dent soll auf der Feier mit Freunden gewettet haben, dass Blatter bis zum Jah­res­ende zurück­tritt. Ach, diese angeb­li­chen Freunde. Und schließ­lich die Geschichte über eine Bei­nahe-Bestechung im Vor­feld der WM 1986. Damals war Blatter Fifa-Gene­ral­se­kretär. 50.000 Dollar wollte ihm ein Mann zuge­ste­cken. Er gab mir das Geld, ich gab es ihm zurück. Fertig.“ Der ehe­ma­lige Fifa-Direktor Guido Tognoni wertet das kom­plette Inter­view als Ablen­kungs­ma­növer“. Um mit Loriot zu spre­chen: Ach, was!“ Um mit Blatter zu spre­chen: Viel­leicht war ich da auch zu gut­mütig und zu naiv.“ Und weiter: Ich lade meine Mit­ar­beiter ein bis zwei Mal die Woche zum Mit­tag­essen im Toblerhof in Gock­hausen ein.“ Würden Sie, Sepp Blatter, sich doch nur mal wieder auf den Weg gen Norden machen, um das wahre Schland sechs Jahre nach dem Som­mer­mär­chen ken­nen­zu­lernen. Von Gock­hausen nach Berlin sind es ledig­lich 839 Kilo­meter. Und hier gibt es: Kaffee und Gebäck, einen Haufen gut­mü­tiger Men­schen und wun­der­schöne Land­schaften. Die 100 Franken können Sie gerne im Koffer mit­bringen. Wir nehmen sie ent­gegen. Ganz sicher werden sie auch nicht für eine WM-Bewer­bung ver­wendet. Viel­leicht aber für Freund­schafts­spiele in Malta, Tune­sien oder Thai­land.