Es dau­erte nur wenige Tage, bis Carlo Ance­lotti bei Real Madrid seine erste Nie­der­lage erlebte. Nicht auf dem Platz, son­dern in einem Büro. Der Trainer, gerade von Paris St. Ger­main zu Real Madrid gekommen, brauchte nicht lange um fest­zu­stellen, dass diese Mann­schaft nicht seinen Vor­stel­lungen ent­sprach. Da gab es eine Viel­zahl an talen­tierten Offen­siv­kräften, alle in der Lage, im ent­schei­denden Moment den Unter­schied zu machen. Angel di Maria, Isco, Mesut Özil, Cris­tiano Ronaldo, Luka Modric und Karim Ben­zema. Jeder für sich lässt in der Regel Trai­ner­augen leuchten, aber Ance­lotti fehlte die Balance. Er ver­misste Spieler, die sich nicht zu schade sind, für die Mann­schaft zu arbeiten. Eigent­lich war da nur Sami Khe­dira. Ance­lotti aber wollte Sicher­heit und defen­sive Sta­bi­lität in seiner Mann­schaft haben. Schließ­lich bin ich Ita­liener“, sagt er.

Ance­lotti wollte Vidal. Perez sagte nein

In der Hoff­nung auf Ver­ständnis suchte der ehe­ma­lige Welt­klas­se­fuß­baller vom AC Mai­land das Büro des Prä­si­denten Flo­ren­tino Perez auf und bat um die Ver­pflich­tung von Arturo Vidal. Reals neuer Trainer erklärte Perez detail­liert, warum der Chi­lene von Juventus Turin eine sinn­volle Ver­stär­kung wäre, doch Perez wollte davon nicht wissen. Seine Ant­wort lau­tete nein. Der Bau­un­ter­nehmer hatte gerade erst rund 60 Mil­lionen Euro in die beiden jungen Spa­nier Asier Illar­ra­mendi und Isco inves­tiert und außerdem sollte da noch dieser Gareth Bale von Tot­tenham Hot­spur kommen. Auch kein ganz bil­liges Unter­fangen. Für Vidal hatte Perez nichts übrig. Wahr­schein­lich ahnte Ance­lotti da schon, dass er in Zukunft wird impro­vi­sieren müssen, um seine Ziele zu errei­chen.

Inzwi­schen hat er eine Mann­schaft geformt, die aus seiner Sicht zwar längst nicht ideal, aber doch mehr als wett­be­werbs­fähig ist. In der spa­ni­schen Meis­ter­schaft führt Real die Tabelle mit drei Punkten Vor­sprung vor dem FC Bar­ce­lona und Atle­tico Madrid an, dazu steht man im natio­nalen Pokal­fi­nale gegen Barca und in der Cham­pions League soll der heu­tige Gegner Schalke 04 auch nur eine Zwi­schen­sta­tion auf dem Weg ins Finale sein.

Seit 26 Spielen ohne Nie­der­lage

Real ist in Spa­nien das Team der Stunde. Seit 26 Spielen ist die Mann­schaft inzwi­schen ohne Nie­der­lage, nur Leo Been­hakker hatte in der Saison 1988/89 mit 34 unge­schla­genen Spielen in Folge eine bes­sere Bilanz. Solche Zahlen hatten in Madrid die Wenigsten erwartet. Erst recht, nachdem die Mann­schaft einen schwa­chen Start hin­legte und zeit­weise sechs Punkte Rück­stand auf den FC Bar­ce­lona und Atle­tico hatte. Es wurde gar gemun­kelt, dass Ance­lotti das Sai­son­ende nicht mehr als Trainer von Real Madrid erleben würde. Zu farblos wirkte er als Nach­folger des Cha­ris­ma­ti­kers José Mour­inho, zu konfus spielte seine Mann­schaft. Dabei waren die Start­pro­bleme nur logisch.

Perez hatte Ance­lotti geholt, damit der die Gräben, die Mour­inho hin­ter­lassen hatte, schloss. Bau­stellen gab es genug. Der Kader war in Grüpp­chen zer­split­tert, das Ver­hältnis zu den Fans belastet. All das sollte Ance­lotti mit seiner ruhigen Art kitten. Nur bei der Zusam­men­stel­lung der Mann­schaft mit­reden durfte er nicht. Das war Chef­sache. Sache von Perez. Der wollte Diego Lopez im Tor statt Iker Cas­illas. Und Bale. Der kam dann auch irgend­wann. Für 91 Mil­lionen Euro. Nicht gerade ein Wunsch­spieler des Trai­ners. Für Bale werde sich schon ein Platz im Team finden, ließ Perez ver­lauten. Schließ­lich kaufe man einen so teuren Spieler nicht für die Reser­ve­bank.

Ance­lotti mochte Özil – und musste sich trotzdem von ihm trennen

Ance­lotti grü­belte in diesen Tagen viel. Er machte sich Gedanken, wie er die Mann­schaft aus­ba­lan­cieren und ihr trotz Ronaldo und Bale, die beide wenig bis gar nicht zurück arbeiten, eine gewisse Grund­ord­nung ver­passen konnte. Schnell wurde ihm klar: Mesut Özil ist unter diesen Umständen nicht zu halten. Eigent­lich hätte Ance­lotti viel lieber Isco oder Illar­ra­mendi abge­geben. Er mochte Özil und war von dessen Qua­li­täten angetan. Aber die beiden jungen Spa­nier waren ja gerade erst gekommen. Und Angel di Maria schätzte er wegen dessen Ein­satz­be­reit­schaft. Özil wurde nach London zum FC Arsenal abge­schoben.

Es gab einen lauten Auf­schrei, aber nur kurz. Dann beru­higte sich die Stim­mung. Auch weil sich die Mann­schaft langsam fing und Ance­lottis Ideen zu greifen begannen. Den rus­ti­kalen Pepe beor­derte der Trainer wieder zurück in die Innen­ver­tei­di­gung, dafür wurde Luka Modric zum Sechser umfunk­tio­niert. Zuerst spielte der Kroate neben Sami Khe­dira, jetzt neben Xabi Alonso. Seine Ball­si­cher­heit sorgt dafür, dass Real nicht mehr so anfällig bei Kon­tern ist. Weil Real den Ball jetzt viel weniger in der Vor­wärts­be­we­gung ver­liert.

Bale hat sich noch nicht an den spa­ni­schen Fuß­ball gewöhnt

Rechts außen ver­tei­digt der aus Lever­kusen gekom­mene Daniel Car­vajal, gegen offen­si­vere Gegner Alvaro Arbeloa. Im Angriff muss Mit­tel­stürmer Karim Ben­zema noch mehr nach hinten arbeiten als unter Mour­inho – wegen Gareth Bale. Der hat trotz seiner zwölf Tore weiter Pro­bleme, sich an den kon­ti­nen­talen Fuß­ball zu gewöhnen. Ein Schicksal, das er mit einigen Briten vor ihm teilt. Real spielt nicht den Kon­ter­fuß­ball, den Bale aus Tot­tenham gewohnt war, gerade im Ber­nabeú fehlt dem schnellen Waliser oft der Platz.

Trotz der Anpas­sungs­pro­bleme des Neu­zu­gangs funk­tio­niert Real inzwi­schen als Mann­schaft. Junge Talente wie Jesé oder Morata, von Mour­inho noch igno­riert, spielen sich plötz­lich in den Vor­der­grund. In den ver­gan­genen Monaten haben wir uns ein Gerüst gebaut. Das Haus steht. Jetzt müssen wir es nur noch deko­rieren“, sagt Ance­lotti.

Am besten schon in dieser Saison. Wenn nicht, dann im nächsten Jahr. Viel­leicht erhält er dann im Sommer sogar die gewünschte Unter­stüt­zung. In der Grup­pen­phase traf Real auf Juventus, Arturo Vidal trumpfte in beiden Spielen stark auf und erzielte ein Tor. Flo­ren­tino Perez soll ziem­lich beein­druckt gewesen sein.