Seite 2: Letzte Turnierteilnahme vor 58 Jahren

Ohnehin ist in Wales seit jeher Rugby Natio­nal­sport Nummer eins. Die Waliser sehen darin den ehr­li­cheren Sport, Fuß­ball galt lange als Betä­ti­gung für Weich­eier. Dass sich dieses Bild ver­än­dert hat, liegt zum einen an der Popu­la­rität von Super­star Gareth Bale, dem wali­si­schen Export bei Real Madrid. Aller­dings haben auch die starken Auf­tritte der Natio­nal­mann­schaft in der EM-Qua­li­fi­ka­tion ihren Anteil.

When Pelé broke our Hearts“

Immerhin ist die Euro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich die erste wali­si­sche Tur­nier­teil­nahme seit 58 Jahren. Damals, bei der WM 1958 in Schweden, über­stand Wales über­ra­schend die Grup­pen­phase und musste sich erst im Vier­tel­fi­nale Bra­si­lien mit 0:1 geschlagen geben. Tor­schütze damals: ein 17-jäh­riger Wun­der­stürmer namens Pelé. Eines der belieb­testen wali­si­sches Fuß­ball-Bücher trägt den Titel When Pelé broke our Hearts“ – als Pelé unsere Herzen brach.

Trotz der Nie­der­lage erzählen sie in Wales noch heute von 1958. Ein paar Anhänger haben die Marke Spirit of 58“ gegründet, die Fan-Uten­si­lien in den Farben rot-gelb-grün her­stellt, den dama­ligen Natio­nal­farben. Wir mussten lange auf eine Qua­li­fi­ka­tion für ein großes Tur­nier warten“, sagt Tim Wil­liams, der Gründer von Spirit of 58“ und ergänzt: Obwohl das aber 58 Jahre her ist, sind wir unserem Natio­nal­team stets treu geblieben.“

Zu einer dieser treuen Fans zählt Mark Ain­s­bury. Er fährt seit 35 Jahren der Natio­nal­mann­schaft hin­terher und erklärt in wenigen Sätzen, was die EM in Frank­reich für die Waliser bedeutet: Wir wollten so ein Tur­nier einmal erleben, einmal die Natio­nal­hymne singen dürfen. Das haben wir nun bereits fünfmal getan. Jetzt können wir glück­lich sterben!“

Wer mit Ain­s­bury spricht, hört fast in jedem Satz die Wörter Traum“ oder Sen­sa­tion“. Fans wie er sind stolz auf das Team und auf die Anhänger. Freunde von mir, die schon lange mit aus­wärts fahren, haben sogar ihr Auto für die EM-Tickets ver­kauft.“ In Lyon würden viel­leicht nur 12.000 Waliser im Sta­dion sein, so Ain­s­bury. Gefühlt werden wir aber drei Mil­lionen sein. Eine ganze Nation, die sich nichts mehr wünscht als das Finale.“

Sie alle, Team und Fans, schreiben zusammen am größten Kapitel der wali­si­schen Fuß­ball­ge­schichte. Ein Kapitel, das viel­leicht sogar Pelé ver­gessen macht. Ver­leger Ashley Drake ist extra mit dem Auto von Car­diff nach Lyon gereist, um not­falls bis zum Wochen­ende bleiben zu können. Das Finale wäre für mich ein Traum“, sagt er ehr­fürchtig. Ein Traum, der ihm end­lich wieder ruhi­gere Nächte ver­schafft.