Der Profi

QUADRAT 1 1 für Hochformate 27

Jeden Monat erklärt unser Kolum­nist Chris­toph Kramer in unserer aktu­ellen Aus­gabe das Pro­fi­leben. Dieser Text erschien in Heft #230.

Ich erin­nere mich noch gut daran, wie unfassbar fuß­ball­be­geis­tert ich schon in meiner Kind­heit war. Jeden Tag spielte ich Fuß­ball, bis die Sonne unter­ging, und schaute mir so viele Spiele im Fern­sehen an wie irgend mög­lich. Jeden zweiten Dienstag und Mitt­woch kam das abso­lute High­light-Spiel im Free-TV, auf das man zwei Wochen hin­ge­fie­bert hatte. Es gab die Vor­be­richte von Män­nern in Anzügen, und sobald die Hymne ertönte, wusste man: Jetzt ist High Noon ange­sagt! Und jedes Mal konnte ich kaum glauben, dass das Ende der ersten Halb­zeit erreicht war und ich ins Bett musste. Ab dann saß ich heim­lich auf der Treppe hinter einem Vor­hang, mit Blick aus ganz spitzem Winkel auf den Fern­seher, so dass mich meine Eltern nicht sehen konnten. Ich werde nie das Gefühl ver­gessen, nicht jubeln zu dürfen, weil ich ja eigent­lich schon längst im Bett war. Das waren ein­fach die besten Abende.

Mit Borussia Mön­chen­glad­bach mit­ten­drin

Hätte mir damals auf der Treppe jemand gesagt, dass ich eines Tages selbst auf dem Platz stehen würde, wäh­rend diese Hymne gespielt wird, hätte ich ab diesem Moment keine Minute mehr geschlafen. Und eigent­lich kann ich es immer noch nicht so recht fassen: Ich bin mit Borussia Mön­chen­glad­bach mit­ten­drin – in der Cham­pions League. Die Königs­klasse ist für mich heute wie damals etwas ganz Beson­deres. Damit sind nicht einmal die neunzig Minuten auf dem Platz gemeint. Jeder, der Fuß­ball gespielt hat, weiß: Wenn das Ding ange­pfiffen ist, ist jedes Spiel gleich. Aber das ganze Drum­herum ist ein­fach magisch. Es fängt schon bei den Bällen an. An den Tagen vor einem sol­chen Spiel trai­nieren wir mit den Cham­pions-League-Bällen. Allein die Sterne darauf lassen einen den Unter­schied regel­recht spüren. Früher auf der Straße spielten wir mit einem gefälschten Cham­pions-League-Ball. Das war damals schon das Geilste über­haupt.

Die Königs­klasse macht schon vor dem Spiel etwas mit dir. Die mediale Auf­merk­sam­keit ist eine andere. Es ist immer ein Flut­licht­spiel. Die ganz Großen kommen. Vor wenigen Wochen stand der viel­leicht coolste Bus mit dem ehr­wür­digsten Logo der Welt vor dem Borussia Park – Real Madrid war gekommen. Große Namen stiegen in maß­ge­schnei­derten Anzügen aus dem Bus, und sofort ver­wan­delte sich die Atmo­sphäre. Es ist respekt­ein­flö­ßend, wenn Real Madrid auf­tritt. Und ein Auf­tritt war es wirk­lich. Man kommt sich kleiner vor und macht große Augen, wenn der Borussia Park von dieser könig­li­chen Aura über­strahlt wird. Dann treten diese Per­sön­lich­keiten zum Warm­ma­chen auf den Platz, voll von beein­dru­ckendem Selbst­ver­trauen. Aber ich mag die Rolle des Under­dogs. Sie hilft dir, im Spiel auch mal schwie­rige Phasen, in denen du nicht bestim­mend bist, vom Kopf her leichter zu über­stehen. Weil das Schwie­rige gegen einen ver­meint­lich über­mäch­tigen Gegner, der letzt­lich gar nicht so über­mächtig ist, ganz normal ist.

Gän­se­haut und Adre­nalin

Ja, und dann stehe ich da. Die Hymne wird gespielt und da ist es wieder. Das gleiche Gefühl wie in meiner Kind­heit vor dem Fern­seher. Eine ange­nehme Gän­se­haut geht über den ganzen Körper. Das Adre­nalin steigt. Und ich weiß, jetzt gleich beginnt ein beson­deres Spiel – mit dem Unter­schied, dass ich nicht nach der ersten Halb­zeit ins Bett muss …

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