Max Eberl, Sie wissen aus Ihrer aktiven Zeit, was Abstiegs­kampf bedeutet. Wie kann man den Druck, der in der Situa­tion auf den Spie­lern lastet, beschreiben? 
Max Eberl: Selbst wenn man eigent­lich topfit ist, bewirkt der per­ma­nente Druck schwere Beine. Die Psyche nimmt irgend­wann Ein­fluss auf den Körper. Die Wahr­neh­mung ist eine andere, die Locker­heit geht ver­loren. Ganz prak­tisch aus­ge­drückt: Der Ball will ein­fach nicht mehr ins Tor. 

Nach der 0:1‑Niederlage gegen Kai­sers­lau­tern am 27. Spieltag war Borussia Mön­chen­glad­bach in der Öffent­lich­keit bereits abge­stiegen. Wie haben Sie diese Phase erlebt? 
Max Eberl: Das war eine ganz bit­tere Nie­der­lage gegen einen direkten Kon­kur­renten, zudem vor einer län­geren Län­der­spiel­pause und dem Spiel bei Bayern Mün­chen. Das Schlimmste war für mich: Wir hatten an diesem Frei­tag­abend den wich­tigen Schritt in Rich­tung Rele­ga­ti­ons­platz ver­passt. Diese Mög­lich­keit hatten wir uns in den Wochen zuvor hart erar­beitet. Ein Sieg wäre ein klares Signal an die Kon­kur­renz gewesen. Das Spiel war sicher die größte Ent­täu­schung der Saison. 

Wie haben Sie danachg reagiert? 
Max Eberl: Die Nie­der­lage hatte für uns auch einen Vor­teil. Die Mann­schaft war nach dem Spiel von dem exor­bi­tanten Druck befreit, weil uns ohnehin nie­mand mehr auf der Rech­nung hatte. Wir haben das in der Län­der­spiel­pause auch bewusst an die Spieler kom­mu­ni­ziert: Jetzt ist eh alles egal. Lasst uns das Best­mög­liche daraus machen. So konnte die Mann­schaft anschlie­ßend befreiter auf­spielen. 

Sie hatten mit dem FC Bayern, Borussia Dort­mund, Han­nover 96 und dem FSV Mainz 05 ein äußerst schwie­riges Rest­pro­gramm. Haben Sie wirk­lich bis zuletzt an Ihre Chance geglaubt? 
Max Eberl: Die Bun­des­liga-Saison 2010/11 war so ver­rückt wie lange nicht mehr. Wir wussten: Jeder konnte gegen jeden gewinnen. In der Hin­runde hatten wir zum Bei­spiel sechs Tore in Lever­kusen geschossen. Wir zogen daraus den Schluss, dass wir auch als Tabel­len­letzter gegen den Tabel­len­ersten gewinnen können. Dieses Wissen hat mit dazu bei­getragen, dass wir es uns zuge­traut und schließ­lich auch geschafft haben. Und: Selbst wenn wir für die Medien abge­stiegen waren, hat die Mann­schaft immer an den Klas­sen­er­halt geglaubt. 

Was waren die Gründe für die deso­late Hin­runde? 
Max Eberl: Uns ist über meh­rere Monate mit Dante und Roel Brou­wers die kom­plette Innen­ver­tei­di­gung aus­ge­fallen. Zu allem Übel haben sich auch die poten­zi­ellen Ersatz­männer Bamba Anderson und Bern­hard Jan­eczek ver­letzt. Wenn wich­tige Stützen weg­fallen, gehen die Auto­ma­tismen ver­loren. 

In der Win­ter­pause hatte Glad­bach gerade mal zehn Punkte ange­sam­melt. Noch nie in der Bun­des­liga-Geschichte hat eine Mann­schaft dann noch den Klas­sen­er­halt geschafft. Warum haben Sie trotzdem zunächst an Michael Front­zeck fest­ge­halten? 
Max Eberl: Auch wenn das Fuß­ball­ge­schäft dafür nicht geeignet ist, wollten wir unbe­dingt Kon­ti­nuität auf der Trai­ner­po­si­tion. Ich wollte auf keinen Fall einen Trainer auf­grund von Per­so­nal­pro­blemen opfern.

Warum haben Sie ihn letzt­end­lich doch ent­lassen? 
Max Eberl: Nach einem sehr guten Start in die Rück­runde, gab es eine Nega­tiv­serie, die in den Nie­der­lagen gegen Stutt­gart und St. Pauli gip­felte. Wenn wir uns davon nicht wieder erholt hätten, wäre der Abstieg nicht mehr zu ver­hin­dern gewesen. Er war der letzt­mög­liche Zeit­punkt, noch einmal etwas zu ver­än­dern. 

Wie kamen Sie auf Lucien Favre? 
Max Eberl: Ich kannte ihn schon aus meiner Zeit als Jugend­di­rektor in Glad­bach. Damals habe ich mir sehr viele Jugend­zen­tren ange­schaut. Lucien Favre hat in der Schweiz beim FC Zürich viel mit jungen Talenten gear­beitet. Wir haben uns wäh­rend seiner Zeit bei Hertha in Berlin getroffen, über Phi­lo­so­phien im Jugend­fuß­ball aus­ge­tauscht und sind über die Jahre in Kon­takt geblieben. 

Wie muss man sich so eine Ver­pflich­tung vor­stellen? Haben Sie sich an einer Auto­bahn­rast­stätte getroffen? 
Max Eberl: Michael Front­zeck wurde sams­tags nach dem Spiel gegen St. Pauli beur­laubt. Dann musste alles sehr schnell gehen. Lucien Favre war gerade zufällig in Deutsch­land und hat sich ein Spiel der 2. Bun­des­liga in Bie­le­feld ange­schaut. Auf dem Heimweg haben wir uns unter­halten und waren uns im Grunde am Sonn­tag­abend einig. Wir haben uns übri­gens nicht in einer Auto­bahn­rast­stätte getroffen, son­dern an einem geheimen Ort in Mön­chen­glad­bach. 

Was hat der neue Trainer in den nächsten Wochen im Trai­ning ver­än­dert? 
Max Eberl: Wir haben vor Lucien Favre viele kleine Fehler mit großen Aus­wir­kungen gemacht. Es gab unnö­tige Platz­ver­weise, fal­sches Ver­halten bei Stan­dard­si­tua­tionen, Füh­rungen wurden leicht­fertig ver­spielt. Genau dort hat der neue Trainer ange­setzt. Lucien Favre arbeitet sehr akri­bisch im tak­ti­schen Bereich, bereitet die Spieler intensiv mit Video­ana­lysen auf den nächsten Gegner vor. Er ist ein moti­vie­render Fuß­ball­lehrer. 

Mitten im Abstiegs­kampf haben sich meh­rere Alt-Borussen über die Medien zu Wort gemeldet. Hat das Ihre Arbeit erschwert? 
Max Eberl: Berti Vogts hatte sich schon vor Monaten sehr negativ über mich geäu­ßert. Die Art und Weise fand ich schon merk­würdig. Er hätte mich ein­fach anrufen können; ich bin nicht bera­tungs­re­sis­tent. Stefan Effen­berg hat zunächst als Sky“-Experte auf einen 3:0‑Sieg der Dort­munder gegen uns getippt. Nachdem wir dann in der Halb­zeit geführt haben, meinte er, Jürgen Klopp werde schon die rich­tigen Worte finden. Und nur wenige Tage später hat er sich dann auf einer Pres­se­kon­fe­renz als neuer Kopf der Oppo­si­tion vor­ge­stellt. 

Die Initia­tive Borussia“ prä­sen­tierte ein Schat­ten­ka­bi­nett mit Ex-Trainer Horst Köppel. Stefan Effen­berg wollte Ihre Posi­tion als Sport­di­rektor ein­nehmen. 
Max Eberl: Als Haupt­ar­gu­ment hat er ange­führt, man müsse mehr in die Jugend inves­tieren. Wir hatten gegen Dort­mund aber fünf Spieler unter 22 Jahren auf dem Platz. Wenn man den Verein wirk­lich so liebt, wie er behauptet hat, dann hätte man in der ent­schei­denden Phase keine Stör­feuer ent­facht. Lucien Favre und die Mann­schaft haben sich damit aber über­haupt nicht beschäf­tigt. Die Unruhen sind nicht bis in die Kabine vor­ge­drungen.