Sonne schien ins Zimmer. Ein lauer Wind wehte durchs offene Fenster und ließ die Gar­dinen tanzen. Im Hof hörte er aus weiter Ent­fer­nung die Stimmen spie­lender Kinder. Dut­zende leerer Bier­fla­schen und Sekt­gläser standen auf dem Tisch. Der schale Duft von Ziga­ret­ten­rauch in der Luft ließ ihn beim Auf­wa­chen kurz erschauern. Jah­re­lang war er selbst Rau­cher gewesen, wie war das nur mög­lich? Seine getönte Brille lag neben ihm auf dem Fuß­boden. Wie lang hatte er geschlafen? Mühsam fahn­dete er im Kopf nach Erin­ne­rungen an die ver­gan­gene Nacht. Das Dis­play des Radio­we­ckers zeigte 16.13 Uhr an. Es konnte unmög­lich so spät sein. Zur Kon­trolle warf er einen Blick auf seine Arm­banduhr und Schweiß schoss ihm auf die Stirn. Binnen Sekunden reifte die wage Ahnung zur Gewiss­heit: Er hatte ver­pennt.

Einige Kilo­meter ent­fernt am Ham­burger Flug­hafen Fuhls­büttel unter­nahm die Dame von der Ansage einen wei­teren Ver­such: Herr Magath, bitte begeben Sie sich unver­züg­lich zu ihrem Flug­steig.“ Eine leicht ver­ka­terte Rei­se­gruppe war­tete am Gate. Horst Hru­besch, Ditmar Jakobs und die anderen Spieler des frisch­ge­ba­ckenen Euro­pa­cup­sie­gers, des alten und neuen Deut­schen Meis­ters lauschten amü­siert den Auf­for­de­rungen, die ihrem Spiel­ma­cher galten. Aus­ge­rechnet der intro­ver­tierte Klas­sen­primus Magath war also nicht zur Abreise nach Siegen erschienen, wo der HSV heute, am 5. Juni 1983, eine Deutsch­land-Tour mit sieben Freund­schafts­spielen starten sollte, um seine leere Klub­kasse auf­zu­füllen. Als der Aufruf erneut ertönte, brö­ckelte auch das Poker­face von Trainer Ernst Happel und der qual­mende Wöd­masta“ brach in ein herz­haftes Lachen aus. 

13 Tage vorher sah die Welt noch anders aus. Vor­wärts, rück­wärts, vor­wärts und zurück. Die VHS-Kas­sette rotierte im Recorder. Der Wiener Grantler sah sich im Bespre­chungs­raum des Trai­nings­zen­trums Och­sen­zoll mit seinem Team ein Spiel auf Video an: Juventus Turin gegen Widzew Łódź, Halb­fi­nal­rück­spiel im Lan­des­meis­tercup. End­ergebnis 2:2. Schwei­gend ver­folgten die Spieler das Geschehen auf dem Bild­schirm. Die Ita­liener liefen mit einer Traumelf auf. Sechs amtie­rende Welt­meister, dazu das wohl beste Mit­tel­feld dieser Zeit mit Frank­reichs Genius Michel Pla­tini und und dem Polen Zbi­gniew Boniek. Happel refe­rierte kurz und knapp in schlichten Aus­sa­ge­sätzen. Seine Jungs wussten selbst, wel­cher Gegner am Mitt­woch­abend im Athener Olym­pia­sta­dion auf sie war­tete. Als die Kas­sette zuende war, schoben die Profis ihre Stühle zurück und machten sich auf den Heimweg. Der Coach gab Wolf­gang Rolff ein Zei­chen, er möge sitzen bleiben. Happel brummte: Traust du dir den Pla­tini zu?“ Rolff, ehr­geizig bis in die Haar­spitzen, musste nicht über­legen. Happel drückte also die Rück­spul­taste am Video­gerät und lie­ferte dem 23-Jäh­rigen noch eine kom­pri­mierte 40-Minuten-Fas­sung von Pla­tinis Reper­toire.

Selbst­be­wusst bis an die Grenzen der Arro­ganz

Dienstag, der 24. Mai 1983
Jungs, das haben wir hinter uns“, motzte Horst Hru­besch, lasst bloß die Anzüge zuhause.“ Im Prä­si­dium wurde dis­ku­tiert, wie sich der Verein beim Fuß­ball­fest in Athen prä­sen­tieren solle. Aber der boden­stän­dige Kapitän (Lieb­lings­essen: Ein­topf, Lieb­lings­musik: Abba) bevor­zugte die rus­ti­kale Vari­ante. Der 32-Jäh­rige war einer von acht Spie­lern im Kader, die bereits im Lan­des­meis­ter­fi­nale 1980 gegen Not­tingham Forest dabei waren. In nagel­neuen Maß­an­zügen war der HSV damals ins San Ber­nabéu nach Madrid gereist. Genutzt hatte der feine Zwirn den Han­seaten nichts – sie waren den Briten mit 0:1 unter­legen. Diesmal also kein Brim­bo­rium, keine großen Emp­fänge – in Athen sollte der Fuß­ball im Mit­tel­punkt stehen. Die Gruppe, die sich am späten Vor­mittag am Abflug­gate in Fuhls­büttel sam­melte, wirkte für Außen­ste­hende eher wie ein Kegel­klub, als ein Mit­glied der Belle Etage des inter­na­tio­nalen Fuß­balls.

Im Char­ter­flieger der Hapag-Lloyd zum Flug­hafen Athen-Elli­nikon saß die gewohnte Clique. Neben der Mann­schaft war eine Abord­nung des HSV-Vor­standes um Prä­si­dent Dr. Wolf­gang Klein mit an Bord und eine Hand­voll Edel­fans, die das Team fast überall hin beglei­teten. In der grie­chi­schen Haupt­stadt waren Zimmer im Inter­conti in der Syn­grou Avenue reser­viert. In der Lobby trafen die Spieler auf Bayern-Manager Uli Hoeneß und Paul Breitner, der hoffte, aus den beiden Fina­listen einige Stars für sein bevor­ste­hendes Abschieds­spiel zu rekru­tieren.

Die Bälle beim abend­li­chen Abschluss­trai­ning im Olym­pia­sta­dion flogen Uli Stein mal von halb­links, dann wieder von halb­rechts um die Ohren. Ein paar ein­stu­dierte Spiel­züge, am Ende Aus­laufen bei Acht gegen Acht. In der Zeit vom 16. Januar 1982 bis zum 29. Januar 1983 war die Mann­schaft in 36 Liga­spielen hin­ter­ein­ander unge­schlagen geblieben. Diese Sie­ger­men­ta­lität strahlte der Kader auch heute aus. Selbst­be­wusst bis an die Grenzen der Arro­ganz“, sei man gewesen, sagt Holger Hie­ro­nymus. Happel hielt die Spieler an der langen Leine. Die große Frei­heit im Pri­vaten, aber wer auf dem Platz nicht mitkam, hatte ein Pro­blem. An diesem Tag waren alle Spieler um 23 Uhr auf den Zim­mern. Uli Stein war der letzte, der sich um kurz nach elf von der Mas­sa­ge­bank bei Her­mann Rieger rollte.