Seite 2: „Hermann, kannst dös wirklich lesen?“

Mitt­woch, der 25. Mai 1983
Um 8 Uhr star­tete der Phy­sio­the­ra­peut seinen Weckruf. Nach dem Früh­stück brach das Team zum Golf­platz im Athener Stadt­teil Gly­fada auf. An Spiel­tagen war es üblich, dass die Mann­schaft einen Spa­zier­gang machte. Heute sollten die HSV-Kicker beim Putten in die Kon­zen­tra­ti­ons­phase auf das Spiel ein­tau­chen. Trainer Happel saß mit Rieger auf der Ter­rasse des Golf­klubs und rauchte. Der Mas­seur blät­terte in einer grie­chi­schen Tages­zei­tung und betrach­tete die Bilder im Sport­teil. Hier kokelt doch irgendwas, dachte er. Dann sah er die Flamme am unteren Ende der Zei­tung. Es knüllte das Papier zusammen und dahinter kam ein lächelnder Trainer zum Vor­schein, der mit seinem Feu­er­zeug han­tierte und sagte: Her­mann, kannst dös wirk­lich lesen?“ Kurz darauf winkte Happel Ditmar Jakobs, Horst Hru­besch, Felix Magath, Man­fred Kaltz und Jürgen Groh heran und besprach die ent­schei­dende Frage: Mann- oder Raum­de­ckung für Juves Spiel­ge­stalter Boniek und Pla­tini? Die Leis­tungs­träger gaben ihr Votum ab, Happel hörte zu. Ditmar Jakobs lacht: Und am Ende machte er es doch so, wie er für richtig hielt.“ 

Die Kaf­fee­tassen der Spieler erbebten auf den Tischen. Der Golf­platz lag in der Ein­flug­schneise des Athener Flug­ha­fens. Bruuum, bruuum. Hap­pels Ansprache wurde immer wieder von lan­denden Maschinen unter­bro­chen. Die Essenz seiner Rede: aggres­sive Raum­de­ckung! Groh sollte Boniek im Blick behalten, Rolff den Akti­ons­ra­dius von Pla­tini stören. Der Däne Lars Bas­trup würde gegen Juves Ver­tei­diger Claudio Gen­tile spielen und sollte diesen durch Aus­flüge von der rechten Abwehr­seite weg­lo­cken, damit die Räume frei für Vor­stöße des linken Ver­tei­di­gers Bernd Weh­meyer wurden. Wäh­rend der Sit­zung blickten die Spieler immer wieder gen Himmel. Ein Alitalia-Jet nach dem anderen kam runter“, erin­nert sich Wolf­gang Rolff, da wurde uns bewusst, dass heute wohl etwas Beson­deres in Athen los sein würde.“

Cowboy, jetzt bist du dran!“ 

Beim Mit­tag­essen (Züri­cher Geschnet­zeltes mit Voll­korn­nu­deln) im Hotel saß Ernst Happel an der Seite seines Kapi­täns. Sie spra­chen über Hru­beschs Erin­ne­rung an das Cup­fi­nale gegen Not­tingham. Der Mit­tel­stürmer erzählte von dem Moment, als er vorm Rück­flug durch die Glas­scheibe am Flug­hafen die Briten mit dem Pokal gesehen hatte. Da habe nichts mehr gewünscht, als die Schüssel zu nehmen. Happel hörte schwei­gend zu, dann beugte er sich zu dem blonden Kapitän hin­über und sagte: Cowboy, jetzt bist du dran!“ 

Bei der Mit­tags­ruhe schlief Hru­besch wie ein Neu­ge­bo­renes. Felix Magath rollte sich der­weil von einer Seite auf die andere. Die Mit­tags­hitze im Athener Moloch. Ich schwitzte wie nie zuvor in meinem Leben.“ Zim­mer­nachbar Man­fred Kaltz machte sich offen­sicht­lich weniger Gedanken. Völlig unbe­weg­lich lag er da und atmete ruhig. Gegen halb fünf wurde Magath von Her­mann Rie­gers Klopfen erlöst. Jungs, es geht los.“ Der Bus des HSV bog in die über­füllten Straßen der Athener Innen­stadt. Das Blau­licht der Poli­zei­es­korte läu­tete den fei­er­li­chen Abend ein. Die Juve-Spieler betraten in dun­kel­blauen Zwei­rei­hern den Rasen.

Ein kaltes Lächeln auf den Gesich­tern der Spieler

Hap­pels Jungs waren gerade im Begriff ihre Platz­be­ge­hung abzu­schließen. In ihren gewöhn­li­chen Trai­nings­an­zügen wirkten die Ham­burger im Gegen­satz dazu wie ein Kreis­li­gist, der ein Spiel gegen ein Pro­fi­team gewonnen hat. Happel knurrte: Die ham dös Büffet und die Kapelle schon bestellt.“ Im Ange­sicht der adretten Ita­liener stellte Hru­besch lächelnd fest, dass seine Trai­nings­hose ein kleines Loch am Bein besaß. Doch Äußer­lich­keiten spielten längst keine Rolle mehr. Als die Mann­schaft in der engen Kabine ihre rot­ge­streiften Tri­kots überzog, sprach Happel letzte Worte: Ihr habt das ganze Jahr so gut gespielt. Ihr habt euch dieses Match ver­dient. In der 70. Minute bring ich den Jungen (Thomas von Heesen, Anm. d. Red.), dann will ich, dass ihr ihm helft. Und jetzt geht raus und holt euch den Schapsen.“ Auf dem Weg durch die Kata­komben kam das Team am Auf­gang zur Ehren­tri­büne vorbei. Kapitän Hru­besch trat auf die erste Stufe der Treppe und grölte hoch: Bin ich hier richtig, um nachher den Pokal abzu­holen?“ Ein kaltes Lächeln huschte über die Gesichter der Spieler. Draußen war­teten 77 000 Zuschauer, dar­unter 50 000 Juve-Fans.

Für Uli Stein war das Spiel in der 6. Minute gelaufen. In diesem Moment gelang Roberto Bet­tega nach Flanke von Gen­tile aus kurzer Ent­fer­nung ein Flug­kopf­ball. Der Keeper lenkte den Ball um den Pfosten. Es war einer dieser Momente, in denen ein Tor­wart weiß, dass nichts mehr schief­gehen kann.“ Von Steins Gewiss­heit ahnte Felix Magath nichts, als er in der 8. Minute in Ball­be­sitz kam, mit einem ange­täuschten Schuss Bet­tega aus­steigen ließ und vom linken Straf­raumeck unhaltbar für Dino Zoff zum 1:0 ein­schoss. Magath: Ich dachte nur: Ver­dammt, das ist doch viel zu früh.“ Ein Irrtum. Denn der HSV domi­nierte das Spiel. WM-Tor­schütz­könig Paolo Rossi war bei Ditmar Jakobs in besten Händen, Stein hielt drei Unhalt­bare. In der Halb­zeit sprach Happel wieder nur das Nötigste. Sechs, sieben Minuten ließ er seine Spieler zu Atem kommen, dann erin­nerte er daran, die Ord­nung zu halten und ver­ab­schie­dete seine Männer mit einem auf­mun­ternden Gemma!“. In der 56. Minute machte Aus­putzer Gen­tile seinem Frust Luft. Als der Ball in der Hälfte der Ham­burger war, ver­setzte er Lars Bas­trup unweit von Juves 16-Meter-Raum einen Ell­bogen-Schlag ins Gesicht. Der Däne wurde vom Sta­dion direkt ins Kran­ken­haus gebracht. Dia­gnose: Dop­pelter Kie­fer­bruch.