Seite 4: Rauchschwaden in der Luft

Don­nerstag, 26. Mai 1983
Für Wolf­gang Rolff war der Zap­fen­streich der Anlass, schlafen zu gehen. Er saß auf seinem Bett. Seine Freundin, die er erst jetzt per Telefon erreichte, johlte freudig in den Hörer. Nach einem kurzen Gespräch legte er auf. Wir sehen uns dann morgen.“ Gedan­ken­ver­loren ver­folgte er noch einige Minuten das grie­chi­sche TV, wo nun Bilder des Spiels gezeigt wurden, und schlief ein. Einige Türen ent­fernt hingen dichte Rauch­schwaden in der Luft. Eine Par­ty­truppe ange­führt von Rolffs Zim­mer­ge­nosse Jürgen Milewski (Traum­beruf: Rock­star), Horst Hru­besch und Uli Stein zog von Zimmer zu Zimmer und machte sich an den Mini-Bars zu schaffen. Den Pokal hatte Her­mann Rieger kon­fis­ziert. Der Mas­seur hatte sich zurück­ge­zogen, um für den Rück­flug am Morgen zu packen. Gegen halb vier klopfte es an seiner Tür. Es war ein sicht­lich ange­hei­terter Jürgen Groh. Mit einer Fla­sche Sekt und dem Cup nahm er den Mas­seur mit zu einem Besuch auf das Zimmer von Thordes Krakow, dem Edel­fri­seur vom H19 aus Eims­büttel, der den HSV zu allen Spielen beglei­tete. Rieger stellte die Schüssel bei ihm auf die Fens­ter­bank. Das Trio quatschte bis zum Mor­gen­grauen. Als end­lich Licht ins Zimmer fiel, blickten sie andächtig auf die Tro­phäe, die in der Mor­gen­sonne glit­zerte, im Hin­ter­grund die Akro­polis. Rieger: Ein Moment für die Ewig­keit.“
Ringgg, ringg. Horst Hru­besch fiel fast aus dem Bett, als das Telefon klin­gelte. 15 Minuten bis zur Abfahrt Rich­tung Flug­hafen. Und Happel war kein Trainer, der Rück­sicht auf trö­delnde Spieler nahm. Wer nicht pünkt­lich zur Abreise erschien, konnte sehen wie er nach Hause kam. Weh­meyer und Hru­besch wuch­teten sich aus den Betten. Das am Boden lie­gende Bündel Kla­motten schmiss der Lange im Ganzen in seine Sport­ta­sche. Zehn Minuten später traf sich eine leicht ver­ka­terte Rei­se­gruppe in der Lobby. Ernst Happel rauchte schon wieder. Magath, Milewski, Groh und Jakobs hatten gerade eine Partie Klab­ber­jazz“ eröffnet. 

In Fuhls­büttel erwar­teten 7000 Fans die Mann­schaft. Auf dem Roll­feld sprin­tete Wil­liam Jimmy“ Hartwig dem par­kenden Hapag-Lloyd-Jet ent­gegen. Her­mann Rieger übergab dem Daheim­ge­blie­benen den Cup, den dieser nun für eine Woche mit nach Hause nehmen durfte. Nach der Ankunft holte ein Bus das Team ab, um es nach Och­sen­zoll zu bringen, wo ein 60-minü­tiges Trai­nings­spiel ange­setzt war.

Alkohol aus­schwitzen

Günter Netzer fluchte: Was soll das denn?“ Keinen Ball hatte der Manager bis­lang bekommen. Im Gegen­teil, die Mit­spieler ver­tän­delten das Leder eher, als es ihm zuzu­spielen. Happel hatte für das Spiel­chen auf dem Hockey­platz in Och­sen­zoll die Ein­tei­lung A1“ gegen A2“ vor­ge­nommen, Stammelf gegen Reserve. Und Netzer hatte sich wegen einiger krän­kelnder Profis bereit erklärt, mit­zu­spielen. Auch, so sagte er, um Wolf­gang Rolff zu demons­trieren, dass nicht jeder Mit­tel­feld­re­gis­seur so durch­schnitt­lich war, wie Michel Pla­tini. Was Netzer nicht wusste: Happel hatte das Team so prä­pa­riert, dass es den Manager auf keinen Fall anspielen solle. So ver­lief das Spiel in lockerer Atmo­sphäre. Alkohol aus­schwitzen“, so Hru­besch, war ange­sagt. 48 Stunden später war­tete beim Heim­spiel im Volks­park mit Borussia Dort­mund schließ­lich der nächste Gegner auf die Ham­burger. Und den Tabel­len­führer trennten vom punkt­glei­chen Ver­folger Werder Bremen in der Meis­ter­schaft nur vier geschos­sene Tore.

Alles kein Pro­blem“, sagt Horst Hru­besch heute. Vor dem Match am Samstag ließ es sich die Truppe noch nicht einmal nehmen, eine Ehren­runde mit dem Euro­pacup über die Aschen­bahn zu machen. Jürgen Groh sagt: Ich habe gebib­bert, dass das gut geht.“ Doch der BVB war für das selbst­be­wusste Team an diesem Tag kein Gegner. Mit 5:0 schickte der HSV Rolf Rüss­mann, Man­fred Burg­müller & Co. nach Hause. Ein Weh­muts­tropfen: Hru­besch, der ver­geb­lich auf einen erneuten Zwei­jah­res­ver­trag gehofft hatte, ver­ließ Ham­burg zum Sai­son­ende. Mit einem Blu­men­strauß in der Hand, sprach er bei seiner Ver­ab­schie­dung übers Sta­di­onmi­kro­phon zu den Fans: Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!“

Magath noch lange mit Châ­teau­neuf-du-Pape unter­wegs

Auf Schalke machte der HSV eine Woche später die Meis­ter­schaft mit einem 2:1‑Sieg per­fekt. In Ham­burg erwar­teten Zehn­tau­sende das Team mit einem Auto­korso bis zur Moor­weide. Coach Happel erlebte die Abschluss­feier privat bei einer Poker­runde mit Assis­tent Aleks Ristić. Und wäh­rend seine Spieler am Rothen­baum fei­erten, saß der Grantler beim Ita­liener und bestellte noch eine Fla­sche Rot­wein. Nun konnte auch Felix Magath die Hand­bremse lösen.

Der eigen­bröt­le­ri­sche Mit­tel­feld­motor fröhnte an diesem Tag einem Brauch, den er sich in seiner aktiven Zeit zur Regel gemacht hatte: nach dem letzten Sai­son­spiel, am Ende der ent­beh­rungs­rei­chen Zeit also, trank er eine Nacht lang so viel wie mög­lich. Als die offi­zi­elle Party im Ame­ri­ka­haus all­mäh­lich aus­klang, bra­chen die Spieler in ihre Stamm­kneipen auf: ins Butt­städt“ an der Rothen­baum­chaussee. Von dort zog eine Abord­nung weiter an den Mit­telweg ins Zwick“, wo Magath in der Ecke am Tresen Platz nahm. Und wenn der Felix dort erstmal saß, stand er auch lange nicht mehr auf.“ Wo genau Magaths Reise durch diese Nacht endete (Hie­ro­nymus: Soviel ich weiß, war er noch lange mit Châ­teau­neuf-du-Pape unter­wegs“) wird sein Geheimnis bleiben. Vom Zwick“ zog er mit Freunden irgend­wann weiter zu einer Pri­vat­party – und erfüllte so gewis­sen­haft wie in den Tagen zuvor auf dem Feld nun sein Vor­haben, so viel wie mög­lich zu trinken. Gegen 9 Uhr mor­gens schlief er dort ein, wo er sich befand. Als gäbe es kein Morgen …