Sonne schien ins Zimmer. Ein lauer Wind wehte durchs offene Fenster und ließ die Gar­dinen tanzen. Im Hof hörte er aus weiter Ent­fer­nung die Stimmen spie­lender Kinder. Dut­zende leerer Bier­fla­schen und Sekt­gläser standen auf dem Tisch. Der schale Duft von Ziga­ret­ten­rauch in der Luft ließ ihn beim Auf­wa­chen kurz erschauern. Jah­re­lang war er selbst Rau­cher gewesen, wie war das nur mög­lich? Seine getönte Brille lag neben ihm auf dem Fuß­boden. Wie lang hatte er geschlafen? Mühsam fahn­dete er im Kopf nach Erin­ne­rungen an die ver­gan­gene Nacht. Das Dis­play des Radio­we­ckers zeigte 16.13 Uhr an. Es konnte unmög­lich so spät sein. Zur Kon­trolle warf er einen Blick auf seine Arm­banduhr und Schweiß schoss ihm auf die Stirn. Binnen Sekunden reifte die wage Ahnung zur Gewiss­heit: Er hatte ver­pennt.

Einige Kilo­meter ent­fernt am Ham­burger Flug­hafen Fuhls­büttel unter­nahm die Dame von der Ansage einen wei­teren Ver­such: Herr Magath, bitte begeben Sie sich unver­züg­lich zu ihrem Flug­steig.“ Eine leicht ver­ka­terte Rei­se­gruppe war­tete am Gate. Horst Hru­besch, Ditmar Jakobs und die anderen Spieler des frisch­ge­ba­ckenen Euro­pa­cup­sie­gers, des alten und neuen Deut­schen Meis­ters lauschten amü­siert den Auf­for­de­rungen, die ihrem Spiel­ma­cher galten. Aus­ge­rechnet der intro­ver­tierte Klas­sen­primus Magath war also nicht zur Abreise nach Siegen erschienen, wo der HSV heute, am 5. Juni 1983, eine Deutsch­land-Tour mit sieben Freund­schafts­spielen starten sollte, um seine leere Klub­kasse auf­zu­füllen. Als der Aufruf erneut ertönte, brö­ckelte auch das Poker­face von Trainer Ernst Happel und der qual­mende Wöd­masta“ brach in ein herz­haftes Lachen aus. 

13 Tage vorher sah die Welt noch anders aus. Vor­wärts, rück­wärts, vor­wärts und zurück. Die VHS-Kas­sette rotierte im Recorder. Der Wiener Grantler sah sich im Bespre­chungs­raum des Trai­nings­zen­trums Och­sen­zoll mit seinem Team ein Spiel auf Video an: Juventus Turin gegen Widzew Łódź, Halb­fi­nal­rück­spiel im Lan­des­meis­tercup. End­ergebnis 2:2. Schwei­gend ver­folgten die Spieler das Geschehen auf dem Bild­schirm. Die Ita­liener liefen mit einer Traumelf auf. Sechs amtie­rende Welt­meister, dazu das wohl beste Mit­tel­feld dieser Zeit mit Frank­reichs Genius Michel Pla­tini und und dem Polen Zbi­gniew Boniek. Happel refe­rierte kurz und knapp in schlichten Aus­sa­ge­sätzen. Seine Jungs wussten selbst, wel­cher Gegner am Mitt­woch­abend im Athener Olym­pia­sta­dion auf sie war­tete. Als die Kas­sette zuende war, schoben die Profis ihre Stühle zurück und machten sich auf den Heimweg. Der Coach gab Wolf­gang Rolff ein Zei­chen, er möge sitzen bleiben. Happel brummte: Traust du dir den Pla­tini zu?“ Rolff, ehr­geizig bis in die Haar­spitzen, musste nicht über­legen. Happel drückte also die Rück­spul­taste am Video­gerät und lie­ferte dem 23-Jäh­rigen noch eine kom­pri­mierte 40-Minuten-Fas­sung von Pla­tinis Reper­toire.

Selbst­be­wusst bis an die Grenzen der Arro­ganz

Dienstag, der 24. Mai 1983
Jungs, das haben wir hinter uns“, motzte Horst Hru­besch, lasst bloß die Anzüge zuhause.“ Im Prä­si­dium wurde dis­ku­tiert, wie sich der Verein beim Fuß­ball­fest in Athen prä­sen­tieren solle. Aber der boden­stän­dige Kapitän (Lieb­lings­essen: Ein­topf, Lieb­lings­musik: Abba) bevor­zugte die rus­ti­kale Vari­ante. Der 32-Jäh­rige war einer von acht Spie­lern im Kader, die bereits im Lan­des­meis­ter­fi­nale 1980 gegen Not­tingham Forest dabei waren. In nagel­neuen Maß­an­zügen war der HSV damals ins San Ber­nabéu nach Madrid gereist. Genutzt hatte der feine Zwirn den Han­seaten nichts – sie waren den Briten mit 0:1 unter­legen. Diesmal also kein Brim­bo­rium, keine großen Emp­fänge – in Athen sollte der Fuß­ball im Mit­tel­punkt stehen. Die Gruppe, die sich am späten Vor­mittag am Abflug­gate in Fuhls­büttel sam­melte, wirkte für Außen­ste­hende eher wie ein Kegel­klub, als ein Mit­glied der Belle Etage des inter­na­tio­nalen Fuß­balls.

Im Char­ter­flieger der Hapag-Lloyd zum Flug­hafen Athen-Elli­nikon saß die gewohnte Clique. Neben der Mann­schaft war eine Abord­nung des HSV-Vor­standes um Prä­si­dent Dr. Wolf­gang Klein mit an Bord und eine Hand­voll Edel­fans, die das Team fast überall hin beglei­teten. In der grie­chi­schen Haupt­stadt waren Zimmer im Inter­conti in der Syn­grou Avenue reser­viert. In der Lobby trafen die Spieler auf Bayern-Manager Uli Hoeneß und Paul Breitner, der hoffte, aus den beiden Fina­listen einige Stars für sein bevor­ste­hendes Abschieds­spiel zu rekru­tieren.

Die Bälle beim abend­li­chen Abschluss­trai­ning im Olym­pia­sta­dion flogen Uli Stein mal von halb­links, dann wieder von halb­rechts um die Ohren. Ein paar ein­stu­dierte Spiel­züge, am Ende Aus­laufen bei Acht gegen Acht. In der Zeit vom 16. Januar 1982 bis zum 29. Januar 1983 war die Mann­schaft in 36 Liga­spielen hin­ter­ein­ander unge­schlagen geblieben. Diese Sie­ger­men­ta­lität strahlte der Kader auch heute aus. Selbst­be­wusst bis an die Grenzen der Arro­ganz“, sei man gewesen, sagt Holger Hie­ro­nymus. Happel hielt die Spieler an der langen Leine. Die große Frei­heit im Pri­vaten, aber wer auf dem Platz nicht mitkam, hatte ein Pro­blem. An diesem Tag waren alle Spieler um 23 Uhr auf den Zim­mern. Uli Stein war der letzte, der sich um kurz nach elf von der Mas­sa­ge­bank bei Her­mann Rieger rollte.

Mitt­woch, der 25. Mai 1983
Um 8 Uhr star­tete der Phy­sio­the­ra­peut seinen Weckruf. Nach dem Früh­stück brach das Team zum Golf­platz im Athener Stadt­teil Gly­fada auf. An Spiel­tagen war es üblich, dass die Mann­schaft einen Spa­zier­gang machte. Heute sollten die HSV-Kicker beim Putten in die Kon­zen­tra­ti­ons­phase auf das Spiel ein­tau­chen. Trainer Happel saß mit Rieger auf der Ter­rasse des Golf­klubs und rauchte. Der Mas­seur blät­terte in einer grie­chi­schen Tages­zei­tung und betrach­tete die Bilder im Sport­teil. Hier kokelt doch irgendwas, dachte er. Dann sah er die Flamme am unteren Ende der Zei­tung. Es knüllte das Papier zusammen und dahinter kam ein lächelnder Trainer zum Vor­schein, der mit seinem Feu­er­zeug han­tierte und sagte: Her­mann, kannst dös wirk­lich lesen?“ Kurz darauf winkte Happel Ditmar Jakobs, Horst Hru­besch, Felix Magath, Man­fred Kaltz und Jürgen Groh heran und besprach die ent­schei­dende Frage: Mann- oder Raum­de­ckung für Juves Spiel­ge­stalter Boniek und Pla­tini? Die Leis­tungs­träger gaben ihr Votum ab, Happel hörte zu. Ditmar Jakobs lacht: Und am Ende machte er es doch so, wie er für richtig hielt.“ 

Die Kaf­fee­tassen der Spieler erbebten auf den Tischen. Der Golf­platz lag in der Ein­flug­schneise des Athener Flug­ha­fens. Bruuum, bruuum. Hap­pels Ansprache wurde immer wieder von lan­denden Maschinen unter­bro­chen. Die Essenz seiner Rede: aggres­sive Raum­de­ckung! Groh sollte Boniek im Blick behalten, Rolff den Akti­ons­ra­dius von Pla­tini stören. Der Däne Lars Bas­trup würde gegen Juves Ver­tei­diger Claudio Gen­tile spielen und sollte diesen durch Aus­flüge von der rechten Abwehr­seite weg­lo­cken, damit die Räume frei für Vor­stöße des linken Ver­tei­di­gers Bernd Weh­meyer wurden. Wäh­rend der Sit­zung blickten die Spieler immer wieder gen Himmel. Ein Alitalia-Jet nach dem anderen kam runter“, erin­nert sich Wolf­gang Rolff, da wurde uns bewusst, dass heute wohl etwas Beson­deres in Athen los sein würde.“

Cowboy, jetzt bist du dran!“ 

Beim Mit­tag­essen (Züri­cher Geschnet­zeltes mit Voll­korn­nu­deln) im Hotel saß Ernst Happel an der Seite seines Kapi­täns. Sie spra­chen über Hru­beschs Erin­ne­rung an das Cup­fi­nale gegen Not­tingham. Der Mit­tel­stürmer erzählte von dem Moment, als er vorm Rück­flug durch die Glas­scheibe am Flug­hafen die Briten mit dem Pokal gesehen hatte. Da habe nichts mehr gewünscht, als die Schüssel zu nehmen. Happel hörte schwei­gend zu, dann beugte er sich zu dem blonden Kapitän hin­über und sagte: Cowboy, jetzt bist du dran!“ 

Bei der Mit­tags­ruhe schlief Hru­besch wie ein Neu­ge­bo­renes. Felix Magath rollte sich der­weil von einer Seite auf die andere. Die Mit­tags­hitze im Athener Moloch. Ich schwitzte wie nie zuvor in meinem Leben.“ Zim­mer­nachbar Man­fred Kaltz machte sich offen­sicht­lich weniger Gedanken. Völlig unbe­weg­lich lag er da und atmete ruhig. Gegen halb fünf wurde Magath von Her­mann Rie­gers Klopfen erlöst. Jungs, es geht los.“ Der Bus des HSV bog in die über­füllten Straßen der Athener Innen­stadt. Das Blau­licht der Poli­zei­es­korte läu­tete den fei­er­li­chen Abend ein. Die Juve-Spieler betraten in dun­kel­blauen Zwei­rei­hern den Rasen.

Ein kaltes Lächeln auf den Gesich­tern der Spieler

Hap­pels Jungs waren gerade im Begriff ihre Platz­be­ge­hung abzu­schließen. In ihren gewöhn­li­chen Trai­nings­an­zügen wirkten die Ham­burger im Gegen­satz dazu wie ein Kreis­li­gist, der ein Spiel gegen ein Pro­fi­team gewonnen hat. Happel knurrte: Die ham dös Büffet und die Kapelle schon bestellt.“ Im Ange­sicht der adretten Ita­liener stellte Hru­besch lächelnd fest, dass seine Trai­nings­hose ein kleines Loch am Bein besaß. Doch Äußer­lich­keiten spielten längst keine Rolle mehr. Als die Mann­schaft in der engen Kabine ihre rot­ge­streiften Tri­kots überzog, sprach Happel letzte Worte: Ihr habt das ganze Jahr so gut gespielt. Ihr habt euch dieses Match ver­dient. In der 70. Minute bring ich den Jungen (Thomas von Heesen, Anm. d. Red.), dann will ich, dass ihr ihm helft. Und jetzt geht raus und holt euch den Schapsen.“ Auf dem Weg durch die Kata­komben kam das Team am Auf­gang zur Ehren­tri­büne vorbei. Kapitän Hru­besch trat auf die erste Stufe der Treppe und grölte hoch: Bin ich hier richtig, um nachher den Pokal abzu­holen?“ Ein kaltes Lächeln huschte über die Gesichter der Spieler. Draußen war­teten 77 000 Zuschauer, dar­unter 50 000 Juve-Fans.

Für Uli Stein war das Spiel in der 6. Minute gelaufen. In diesem Moment gelang Roberto Bet­tega nach Flanke von Gen­tile aus kurzer Ent­fer­nung ein Flug­kopf­ball. Der Keeper lenkte den Ball um den Pfosten. Es war einer dieser Momente, in denen ein Tor­wart weiß, dass nichts mehr schief­gehen kann.“ Von Steins Gewiss­heit ahnte Felix Magath nichts, als er in der 8. Minute in Ball­be­sitz kam, mit einem ange­täuschten Schuss Bet­tega aus­steigen ließ und vom linken Straf­raumeck unhaltbar für Dino Zoff zum 1:0 ein­schoss. Magath: Ich dachte nur: Ver­dammt, das ist doch viel zu früh.“ Ein Irrtum. Denn der HSV domi­nierte das Spiel. WM-Tor­schütz­könig Paolo Rossi war bei Ditmar Jakobs in besten Händen, Stein hielt drei Unhalt­bare. In der Halb­zeit sprach Happel wieder nur das Nötigste. Sechs, sieben Minuten ließ er seine Spieler zu Atem kommen, dann erin­nerte er daran, die Ord­nung zu halten und ver­ab­schie­dete seine Männer mit einem auf­mun­ternden Gemma!“. In der 56. Minute machte Aus­putzer Gen­tile seinem Frust Luft. Als der Ball in der Hälfte der Ham­burger war, ver­setzte er Lars Bas­trup unweit von Juves 16-Meter-Raum einen Ell­bogen-Schlag ins Gesicht. Der Däne wurde vom Sta­dion direkt ins Kran­ken­haus gebracht. Dia­gnose: Dop­pelter Kie­fer­bruch.

Happel qualmte auf der Bank wie eine Dampflok. Die letzten Minuten erlebten die Ersatz­spieler und der Coach ste­hend auf der Tar­tan­bahn. Als der rumä­ni­sche Schieds­richter Nicolae Rainea abpfiff, sackte Her­mann Rieger unter Freu­den­tränen auf der Bank zusammen. Horst Hru­besch sagte grin­send zu seinem Buddy Ditmar Jakobs: Ich hab es dir gesagt, Jako, ich hab es dir doch gesagt.“ Happel ging wortlos über den Platz und gra­tu­lierte jedem seiner Spieler mit einem Klaps. Felix Magath: Das hat er nur dieses eine Mal gemacht.“ Paolo Rossi hatte keine Lust mehr, mit Ditmar Jakobs das Trikot zu tau­schen. Im Spie­ler­tunnel übergab Holger Hie­ro­nymus seinem Wider­part Gaetano Scirea das ver­schwitzte Jersey. Bernd Weh­meyer begab sich mit seinem Shirt und dem Tor­wart­trikot von Uli Stein kurz in die Kabine von Juve. Der sonst so selbst­be­wusste Stein hatte nicht mehr den Schneid, seinem großen Idol Dino Zoff in diesem Moment gegen­über­zu­treten. Es war das letzte Pflicht­spiel der 41-jäh­rigen Tor­wart­le­gende. Bernd Weh­meyer lugte also schüch­tern durch die Kabi­nentür der Ita­liener, reichte Marco Tar­delli seinen Fetzen und Zoff das Shirt von Stein. Dabei ent­deckte er einen älteren Herrn mit grauen Schläfen, der in der Ecke ver­stei­nert zu Boden blickte und erkannte Fiat-Boss Gianni Agnelli.

Jürgen Groh bekam von all dem nichts mit. Er saß in einem Sani­tä­ter­raum in den Sta­di­on­ka­ta­komben, trank ein Glas Wasser nach dem anderen. Im Kabi­nen­gang war er mit Thomas von Heesen, Claudio Gen­tile und Zbi­gniew Boniek von einem UEFA-Offi­zi­ellen zur Doping­probe gebeten worden. Die Juve-Spieler hatten die Urin-Probe zügig abge­lie­fert. Groh: Die waren auch darin Profis.“ All­mäh­lich konnten Her­mann Rieger und Mann­schafts­arzt Ralf Mat­t­hies, die dem skur­rilen Schau­spiel bei­wohnten, sich das Grinsen nicht mehr ver­kneifen. Auch von Heesen hatte die läs­tige Pflicht erle­digt und stimmte ein in den scha­den­freu­digen Chor. Grohs situa­tives Pro­blem machte das nicht leichter. In der Kabine packte die Mann­schaft bereits die Koffer und stieg in den Bus. Groh harrte aus.

Auch Felix Magath fehlte das letzte Stück zum Glück. Bei der Blauen Stunde“, dem Ban­kett im Inter­conti, musste er am runden Tisch der Funk­tio­näre Platz nehmen. Wäh­rend seine Team­kol­legen beim Fla­schen­bier schon in Par­ty­stim­mung ver­fielen, sollte er den Alt­vor­deren des Klubs alles nochmal ganz genau erzählen. Magath: Und an diesem Tag waren auch ein paar mit nach Athen gekommen, die sich im ganzen Jahr vorher nicht bei uns bli­cken gelassen hatten.“ Günter Netzer und Prä­si­dent Dr. Wolf­gang Klein bedankten sich in kurzen Anspra­chen bei der Mann­schaft. Ernst Happel steckte sich munter eine Ziga­rette nach der anderen an. Nach einer halben Stunde traf auch die medi­zi­ni­sche Abtei­lung mit Thomas von Heesen und Joschi Groh mit einem Taxi aus dem Sta­dion ein. Die Not­auf­nahme im Kran­ken­haus hatte am Kinn von Lars Bas­trup ein Metall­ge­stell zur Fixie­rung des Kie­fers ange­bracht. Traurig schlürfte der Däne sein Bier mit dem Stroh­halm. Die Party erreichte gerade ihren ersten Höhe­punkt, als der Con­cierge wissen ließ, dass die Bar um zwei Uhr schließen würde.

Don­nerstag, 26. Mai 1983
Für Wolf­gang Rolff war der Zap­fen­streich der Anlass, schlafen zu gehen. Er saß auf seinem Bett. Seine Freundin, die er erst jetzt per Telefon erreichte, johlte freudig in den Hörer. Nach einem kurzen Gespräch legte er auf. Wir sehen uns dann morgen.“ Gedan­ken­ver­loren ver­folgte er noch einige Minuten das grie­chi­sche TV, wo nun Bilder des Spiels gezeigt wurden, und schlief ein. Einige Türen ent­fernt hingen dichte Rauch­schwaden in der Luft. Eine Par­ty­truppe ange­führt von Rolffs Zim­mer­ge­nosse Jürgen Milewski (Traum­beruf: Rock­star), Horst Hru­besch und Uli Stein zog von Zimmer zu Zimmer und machte sich an den Mini-Bars zu schaffen. Den Pokal hatte Her­mann Rieger kon­fis­ziert. Der Mas­seur hatte sich zurück­ge­zogen, um für den Rück­flug am Morgen zu packen. Gegen halb vier klopfte es an seiner Tür. Es war ein sicht­lich ange­hei­terter Jürgen Groh. Mit einer Fla­sche Sekt und dem Cup nahm er den Mas­seur mit zu einem Besuch auf das Zimmer von Thordes Krakow, dem Edel­fri­seur vom H19 aus Eims­büttel, der den HSV zu allen Spielen beglei­tete. Rieger stellte die Schüssel bei ihm auf die Fens­ter­bank. Das Trio quatschte bis zum Mor­gen­grauen. Als end­lich Licht ins Zimmer fiel, blickten sie andächtig auf die Tro­phäe, die in der Mor­gen­sonne glit­zerte, im Hin­ter­grund die Akro­polis. Rieger: Ein Moment für die Ewig­keit.“
Ringgg, ringg. Horst Hru­besch fiel fast aus dem Bett, als das Telefon klin­gelte. 15 Minuten bis zur Abfahrt Rich­tung Flug­hafen. Und Happel war kein Trainer, der Rück­sicht auf trö­delnde Spieler nahm. Wer nicht pünkt­lich zur Abreise erschien, konnte sehen wie er nach Hause kam. Weh­meyer und Hru­besch wuch­teten sich aus den Betten. Das am Boden lie­gende Bündel Kla­motten schmiss der Lange im Ganzen in seine Sport­ta­sche. Zehn Minuten später traf sich eine leicht ver­ka­terte Rei­se­gruppe in der Lobby. Ernst Happel rauchte schon wieder. Magath, Milewski, Groh und Jakobs hatten gerade eine Partie Klab­ber­jazz“ eröffnet. 

In Fuhls­büttel erwar­teten 7000 Fans die Mann­schaft. Auf dem Roll­feld sprin­tete Wil­liam Jimmy“ Hartwig dem par­kenden Hapag-Lloyd-Jet ent­gegen. Her­mann Rieger übergab dem Daheim­ge­blie­benen den Cup, den dieser nun für eine Woche mit nach Hause nehmen durfte. Nach der Ankunft holte ein Bus das Team ab, um es nach Och­sen­zoll zu bringen, wo ein 60-minü­tiges Trai­nings­spiel ange­setzt war.

Alkohol aus­schwitzen

Günter Netzer fluchte: Was soll das denn?“ Keinen Ball hatte der Manager bis­lang bekommen. Im Gegen­teil, die Mit­spieler ver­tän­delten das Leder eher, als es ihm zuzu­spielen. Happel hatte für das Spiel­chen auf dem Hockey­platz in Och­sen­zoll die Ein­tei­lung A1“ gegen A2“ vor­ge­nommen, Stammelf gegen Reserve. Und Netzer hatte sich wegen einiger krän­kelnder Profis bereit erklärt, mit­zu­spielen. Auch, so sagte er, um Wolf­gang Rolff zu demons­trieren, dass nicht jeder Mit­tel­feld­re­gis­seur so durch­schnitt­lich war, wie Michel Pla­tini. Was Netzer nicht wusste: Happel hatte das Team so prä­pa­riert, dass es den Manager auf keinen Fall anspielen solle. So ver­lief das Spiel in lockerer Atmo­sphäre. Alkohol aus­schwitzen“, so Hru­besch, war ange­sagt. 48 Stunden später war­tete beim Heim­spiel im Volks­park mit Borussia Dort­mund schließ­lich der nächste Gegner auf die Ham­burger. Und den Tabel­len­führer trennten vom punkt­glei­chen Ver­folger Werder Bremen in der Meis­ter­schaft nur vier geschos­sene Tore.

Alles kein Pro­blem“, sagt Horst Hru­besch heute. Vor dem Match am Samstag ließ es sich die Truppe noch nicht einmal nehmen, eine Ehren­runde mit dem Euro­pacup über die Aschen­bahn zu machen. Jürgen Groh sagt: Ich habe gebib­bert, dass das gut geht.“ Doch der BVB war für das selbst­be­wusste Team an diesem Tag kein Gegner. Mit 5:0 schickte der HSV Rolf Rüss­mann, Man­fred Burg­müller & Co. nach Hause. Ein Weh­muts­tropfen: Hru­besch, der ver­geb­lich auf einen erneuten Zwei­jah­res­ver­trag gehofft hatte, ver­ließ Ham­burg zum Sai­son­ende. Mit einem Blu­men­strauß in der Hand, sprach er bei seiner Ver­ab­schie­dung übers Sta­di­onmi­kro­phon zu den Fans: Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!“

Magath noch lange mit Châ­teau­neuf-du-Pape unter­wegs

Auf Schalke machte der HSV eine Woche später die Meis­ter­schaft mit einem 2:1‑Sieg per­fekt. In Ham­burg erwar­teten Zehn­tau­sende das Team mit einem Auto­korso bis zur Moor­weide. Coach Happel erlebte die Abschluss­feier privat bei einer Poker­runde mit Assis­tent Aleks Ristić. Und wäh­rend seine Spieler am Rothen­baum fei­erten, saß der Grantler beim Ita­liener und bestellte noch eine Fla­sche Rot­wein. Nun konnte auch Felix Magath die Hand­bremse lösen.

Der eigen­bröt­le­ri­sche Mit­tel­feld­motor fröhnte an diesem Tag einem Brauch, den er sich in seiner aktiven Zeit zur Regel gemacht hatte: nach dem letzten Sai­son­spiel, am Ende der ent­beh­rungs­rei­chen Zeit also, trank er eine Nacht lang so viel wie mög­lich. Als die offi­zi­elle Party im Ame­ri­ka­haus all­mäh­lich aus­klang, bra­chen die Spieler in ihre Stamm­kneipen auf: ins Butt­städt“ an der Rothen­baum­chaussee. Von dort zog eine Abord­nung weiter an den Mit­telweg ins Zwick“, wo Magath in der Ecke am Tresen Platz nahm. Und wenn der Felix dort erstmal saß, stand er auch lange nicht mehr auf.“ Wo genau Magaths Reise durch diese Nacht endete (Hie­ro­nymus: Soviel ich weiß, war er noch lange mit Châ­teau­neuf-du-Pape unter­wegs“) wird sein Geheimnis bleiben. Vom Zwick“ zog er mit Freunden irgend­wann weiter zu einer Pri­vat­party – und erfüllte so gewis­sen­haft wie in den Tagen zuvor auf dem Feld nun sein Vor­haben, so viel wie mög­lich zu trinken. Gegen 9 Uhr mor­gens schlief er dort ein, wo er sich befand. Als gäbe es kein Morgen …