Kürz­lich sprach Nora Tschirner im SZ-Magazin über ihre Depres­sionen. Offen und ehr­lich the­ma­ti­sierte sie auch ihre Medi­ka­tion. In ihrer neuen Serie The Mopes“ geht es eben­falls um Depres­sionen. Wäh­rend in der Schau­spiel- und Musik­branche das Tabu langsam auf­weicht und viele Per­sonen von ihren men­talen Schwie­rig­keiten berichten, ist das Thema im Fuß­ball – beson­ders im Män­ner­fuß­ball – immer noch ein schwie­riges. Man hat aus­halten zu können, keine Schwäche zu zeigen. Auch zwölf Jahre nach Robert Enkes Tod. Vor drei Jahren machte Per Mer­te­sa­cker einen großen Schritt und sprach wenige Monate vor seinem Kar­rie­re­ende offen über die Aus­wir­kungen des Leis­tungs­drucks auf die Psyche – Magen­krämpfe, Durch­fall, Brech­reiz inklu­sive.

In Eng­land machte nun Jesse Lin­gard einen ähn­li­chen Schritt. Schon Ende 2019 – damals noch bei Man­chester United – sprach er von Pro­blemen, die seine Familie beschäf­tigten. In der neuen Talk­show Pre­sen­ting…“ geht der mitt­ler­weile an West Ham aus­ge­lie­hene 28-Jäh­rige nun noch weiter: Klar und deut­lich spricht er an, worum es damals ging: Depres­sionen. Seit er sich erin­nern könne, sagt er, habe seine Mutter an Depres­sionen gelitten, er kenne sie nur so. Als sie sich end­lich 2019 in Behand­lung begab, musste er sich um seine jün­geren Geschwister küm­mern, die noch zur Schule gingen.

Ich ging in die Spiele und war froh, wenn ich nur auf der Bank saß“

Jesse Lingard

Der damit ver­bun­dene Druck, die Ver­ant­wor­tung, die Sorgen – all das hatte auch Aus­wir­kungen auf Lin­gard selbst, auch er hatte mit seiner men­talen Gesund­heit zu kämpfen: Wir halfen ihr, aber für mich ist es schwer, Dinge auf­zu­stauen. Es fühlt sich an, als wärst du nicht die gleiche Person. Wenn ich Fuß­ball spielte, hatte ich das Gefühl, das Spiel geht an mir vorbei. Ich wollte ein­fach nicht da sein, es war ver­rückt. Ich ging in die Spiele und war froh, wenn ich nur auf der Bank saß.“ Seine Leis­tungen litten, er spielte wenig, verlor seinen Stamm­platz bei Man­chester United und seinen Platz in der Natio­nal­mann­schaft. Wenn er jetzt Spiele von sich aus dieser Phase sehe, könne er sehen, dass er nicht er selbst gewesen sei. Lin­gard war sogar so weit, dass er ans Auf­hören dachte. Er wollte ein­fach eine Pause nehmen“, erklärt er bei Pre­sen­ting…“.

Doch die Pause kam zu ihm: Covid-19, Pan­demie, Lock­down, Sai­son­un­ter­bre­chung in der Pre­mier League. Die Unter­bre­chung habe ihn gezwungen, sich zu über­legen: Was mache ich eigent­lich?“ Also habe er seine Gedanken sor­tiert, den Kopf wieder klar bekommen. Sein Schlüssel: Sich öffnen. Über die Pro­bleme spre­chen. Schon vor zwei Jahren, wäh­rend sich seine Mutter in Behand­lung befand, sprach Lin­gard mit Ole Gunnar Sol­skjaer und dem Ver­eins­arzt bei United und setzte die Stra­tegie wäh­rend des Lock­downs fort. Was ihm außerdem half: Bewe­gung. Im März letzten Jahres sei er fast jeden Tag laufen gewesen, um der Dun­kel­heit im Haus zu ent­fliehen. Dabei sei ihm bewusst, in einer glück­li­chen Lage zu sein, trai­nieren zu können. Ich kann mir nicht vor­stellen, was andere Men­schen durch­ma­chen.“

Beein­dru­ckende Leis­tungs­ex­plo­sion

Das Ergebnis: Nicht nur ihm per­sön­lich geht es besser, auch seine Leis­tungen im Fuß­ball zeigen wieder steil nach oben. Nach zwei schwie­rigen Spiel­zeiten bei Man­chester United wech­selte Jesse Lin­gard Ende Januar – kurz nach der Auf­zeich­nung des Gesprächs – auf Leih­basis zu West Ham. Dort dreht er seit Februar auf: Neun Tore und vier Vor­lagen in elf Spielen. In nur zwei davon war er nicht an min­des­tens einem Tor betei­ligt. Er ist zurück in der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft, könnte im Sommer mit zur Euro­pa­meis­ter­schaft fahren.

Lin­gard selbst sagt, mit seinen Worten wolle er das Leben seiner Mit­men­schen ver­än­dern. Er wolle sie dazu inspi­rieren, sich zu öffnen. Denn wie er aus der Unter­stüt­zung einer Person mit Depres­sionen und seiner eigenen Aus­ein­an­der­set­zung mit seiner psy­chi­schen Gesund­heit gelernt hat: Wenn du dich öff­nest, fühlst du dich wie ein Schmet­ter­ling. Du bist im Kokon und öff­nest dich ein­fach, brei­test deine Flügel aus, du kannst fliegen. Es ist ein irres Gefühl und jetzt habe ich das alles hinter mir. Ich kann mich ein­fach auf den Fuß­ball und meine Familie kon­zen­trieren und das ist alles, was ich will.“