Hotel N´gor“ klang für mich bedroh­lich dunkel, nach schwüler Hitze, undurch­dring­li­chem Blät­ter­di­ckicht und arm­di­cken Lianen, aber das war natür­lich totaler Unsinn. Der Senegal liegt zwar in Afrika, aber der Dschungel ist fern und eher pfeift heißer Wüs­ten­wind um ver­ein­zelte Baobab-Bäume. Und so war das Hotel N´gor“ weit vor den Toren der sene­ga­le­si­schen Haupt­stadt Dakar auch eher von trister Step­penöde umgeben, was die Aben­teuer in dem rie­sigen Haupt­ge­bäude mit der mäch­tigen Ein­gangs­halle und den vielen Neben­bauten aber kei­nes­wegs schmä­lerte. Ja, viel­leicht war es auch ganz gut, dass der Bau so abge­schieden von den Auf­re­gungen der Kapi­tale am Strand des Atlan­tiks lag. Denn so konnten sich die Bewohner ganz auf­ein­ander kon­zen­trieren.

Heute würde man eine Rea­lity Soap drehen

Heute würde man unter diesen Bedin­gungen wahr­schein­lich gleich eine Rea­lity-Soap zu drehen beginnen, aber im Januar 1992 gab es ver­mut­lich nicht einmal das Wort. Heute würde auch nie­mand mehr auf die Idee kommen, bis auf den Gast­geber alle der zwölf teil­neh­menden Mann­schaften unter einem Dach unter­zu­bringen. Dazu Jour­na­listen und Spie­ler­ver­mittler, Funk­tio­näre und Groundhopper, Pro­sti­tu­ierte, zwie­lich­tige Gestalten und Strauch­diebe. Wäh­rend man dieser Tage kom­pli­zier­teste Anbah­nungs­pro­zesse durch­laufen muss, um fünf­mi­nü­tige Mini-Audi­enzen bei kickenden Halb­stars zu bekommen, saß wir vor 20 Jahren im Hotel N´gor schon beim Früh­stück mit Tony Baffoe auf der Veranda, wäh­rend die Marok­kaner mit Fürths heu­tigem Manager Rachid Azzozi natür­lich schon wieder am Pool abhingen. Die Keniaer hin­gegen, Ver­treter einer Art Luxem­burg des afri­ka­ni­schen Fuß­balls und eher zufällig unter die Großen geraten, hielten sich so zurück, dass man sie mit dem Hotel­per­sonal hätte ver­wech­seln können.

Davon konnte bei den Nige­rianer natür­lich nicht die Rede sein, die immer am lau­testen redeten und die schwersten Gold­ketten über der brei­testen Brust bau­meln hatten. Die Jungs um Mann­schafts­ka­pitän Ste­phen Keshi, der selber rei­hen­weise Spieler nach Europa gelotst hatte, wirkten wie eine Hip-Hop-Gang und waren ein­deutig Chef im Ring. Kein Wunder, dass sie mit Cle­mens Wes­terhof einen vier­schrö­tigen hol­län­di­schen Trainer hatten, der auf­trat wie der Kolo­ni­al­ge­neral einer Eli­te­truppe aus Ein­hei­mi­schen.

Von Fuß­ball war im N´Gor“ erstaun­lich wenig zu merken. Klar, ab und zu ver­schwanden die Teams mal zum Trai­ning, zum Spiel oder waren auch mal ein paar Tage, weil sie im Süden des Landes antreten mussten, für die meiste Auf­re­gung sorgten aber die Geschäfts­an­bah­nungen in der Lobby, Kon­takt­auf­nahmen auf den Fluren und Trans­fer­ver­hand­lungen auf den Zim­mern. Afri­ka­schwärmer mit Geschäfts­sinn, zyni­sche Abzo­cker oder raf­fi­nierte Fuß­ball­ma­nager ver­suchten ihre Schnäpp­chen zu machen, denn damals konnte man inter­na­tio­nale Spit­zen­spieler in Afrika noch für einen Spott­preis ver­pflichten. Zwei Jahre nach dem spek­ta­ku­lären Auf­treten von Kamerun bei der WM in Ita­lien spielten sie ent­weder immer noch in Afrika oder bei obskuren Klubs in Bel­gien, Frank­reich oder Por­tugal. Und so gelang es Dr. Helmut Riedl, dem dama­ligen Prä­si­denten der damals dritt­klas­sigen Kickers aus Emden, zwei kon­go­le­si­sche Natio­nal­spieler nach Ost­fries­land zu holen. Stolz erzählte er später, dass die Ver­trags­un­ter­zeich­nung live im Staats­fern­sehen des Kongo über­tragen worden war.

Roger Milla stand meis­tens auf dem Ten­nis­platz

Ob Roger Milla auch in irgend­welche Geschäfte ver­wi­ckelt war, kann ich nicht sagen, aber zum ersten Mal im meinem Leben ver­fluchte ich mich dafür, kein Tennis zu spielen. Denn Milla hing meist auf dem Ten­nis­platz herum und suchte eigent­lich ständig nach Spiel­part­nern. Blieb halt nicht als zuschauen und ansonsten in der Lobby rum­zu­hängen. Am besten mit Otto Pfister, der damals Trainer von Ghana war und Schwänke über nächt­liche Schach­par­tien mit dem Prä­si­denten von Ruanda erzählen konnte. Werner Olk, der alte Meis­ter­spieler und heu­tige Scout beim FC Bayern, war Trainer von Marokko wirkte anders als Pfister aber falsch am Platz. Afrika war halt was für Aben­teurer. Und Reuben Agboola wun­derte sich über seine nige­ria­ni­schen Mann­schafts­kol­legen. Der Sohn einer Eng­län­derin und eines Nige­ria­ners spielte beim damals ziem­lich mise­ra­blen Swansea in der dritten eng­li­schen Liga und war nie in Nigeria gewesen. Er staunte über Tor­jäger Rashidi Yekini, der im wirk­li­chen Leben min­des­tens so bedroh­lich wirkte wie auf geg­ne­ri­sche Ver­tei­diger, letzt­lich aber harmlos war. Uche Uke­chukwu war so wie sein Name laut­ma­le­risch ein Fels von einem Mann und Ste­phen Keshi der Big Boss“. Er ver­mit­telte immer den Ein­druck an allen Deals im Hotel betei­ligt zu sein.

Aller­dings schafften es die Nige­rianer nur ins kleine Finale, und als sie mit einem Sieg und der Bron­ze­me­daille um den Hals den Bus zum Hotel bestiegen, winkte mir Trainer Wes­terhof knapp zu: Mit­kommen! Und so fuhr ich zum ersten und bis­lang letzten Mal mit einer Pro­fi­mann­schaft nach dem Spiel im Bus zurück. Und wie war´s? Nun, Rashidi Yekini don­nerte wütend mit der Faust vor die Scheibe, der Rest schaute nicht minder wütend. Offen­sicht­lich hassten die Nige­rianer ihre Bron­ze­me­daillen, sie passten auch ein­fach nicht zu den Gold­ketten.