In unserem aktu­ellen 11FREUNDE-Spe­zial beschäf­tigen wir uns mit den größten Spiel­ma­chern aller Zeiten. Die Zehn – Magier und Denker des Spiels“. Die Aus­gabe ist online bestellbar und am Kiosk eures Ver­trauens erhält­lich. »>


Gaizka Men­dieta, seit 10 Jahren domi­nieren die spa­ni­schen Teams die euro­päi­schen Wett­be­werbe. Wie erklären Sie sich das? Die Spiel­stile von Bar­ce­lona, Real, Atlé­tico und Sevilla sind ja kom­plett ver­schieden.

Das stimmt, sie haben nicht den selben Spiel­stil. Aber es gibt trotzdem eine spa­ni­sche Art, Fuß­ball zu spielen. Wir Spa­nier denken weder nur offensiv, noch nur defensiv. Wir suchen das Gleich­ge­wicht. Das machen alle Mann­schaften – auf ihre eigene Weise, aber sie suchen das Gleich­ge­wicht, das ver­eint sie. Das macht es so schwer sie zu bezwingen. Und natür­lich gibt es in Spa­nien wahn­sinnig viele talen­tierte Spieler.

Cruyff pre­digte immer das Gleich­ge­wicht aus Offen­sive und Defen­sive. Ist er für die Domi­nanz der Spa­nier ver­ant­wort­lich, auch über den FC Bar­ce­lona hinaus?

Bei Barça ist er auf alle Fälle dafür ver­ant­wort­lich. Aber ja, Cruyff hat sehr viel in Spa­nien ver­än­dert. Früher wurde in Spa­nien sehr kör­per­li­cher Fuß­ball gespielt. Daher kam ja auch der Spitz­name der Natio­nal­mann­schaft: Furia Roja. Aber ich weiß nicht, ob es nur an Cruyff lag. Bei Real Madrid gab es Míchel und Butra­gueño, in den 80er und 90er Jahren. Das waren sehr ele­gante, tech­ni­sche Spieler. In dieser Ära hat sich der spa­ni­sche Fuß­ball ver­än­dert. Durch diese Spieler lernte Spa­nien, dass man auch auf eine andere Art Fuß­ball spielen kann.

Sie waren beim FC Valencia der unum­strit­tene Spiel­ma­cher, trotzdem war die Defen­sive immer ein wich­tiger Teil Ihres Spiels. Warum?

Ich habe zwar in der Jugend immer im Mit­tel­feld gespielt, aber als ich zu Valencia wech­selte, musste ich erst einmal Rechts­ver­tei­diger spielen.

Woran lag das?

Ich war tech­nisch nicht so gut. Später hin­gegen… (lacht).

Wer war der Trainer, der Sie wieder ins Mit­tel­feld zog?

Ich durfte immer mal im Mit­tel­feld spielen. Aber der erste Trainer, der mich aus­schließ­lich im Mit­tel­feld gesehen hat, war Héctor Núñez. Er kam zu mir und sagte, dass er voll auf mich setzt, und zwar im Mit­tel­feld. Ab diesem Zeit­punkt spielte ich nur nur noch im Mit­tel­feld.

Mussten Sie die Posi­tion des Spiel­ma­chers neu lernen?

Ich würde es eine natür­liche Ent­wick­lung nennen. Phy­sisch war ich schon immer stark. Ich konnte viel laufen und viel ein­ste­cken. Aber nach meinem Wechsel zu Valencia hat sich mein Spiel stark wei­ter­ent­wi­ckelt. Ich wurde tech­nisch viel besser und konnte mehr am Spiel teil­nehmen. Durch diese Kom­bi­na­tion aus Ath­letik und Technik wurde ich zu dem, was man heute Box-to-box-Player nennt. Ich habe den Ball am eigenen Sech­zehner auf­ge­nommen und ihn nach vorne getrieben.

Im 11FREUNDE-Inter­view sagte der Rumäne Gheorghe Hagi: Die 10 arbeitet nicht.“

Ich habe sehr viel gear­beitet. Hagi war anders. Er hatte eine viel fes­tere Posi­tion, ist nicht so viel gelaufen und hatte immer Mit­spieler, die ihm den Ball gebracht haben. Spiel­ma­cher waren tech­nisch sehr begabte Spieler, aber nicht gerade kör­per­lich stark. Heute ist das ganz anders. Der Fuß­ball hat sich ver­än­dert, heute muss jeder Mit­tel­feld­spieler ver­tei­digen und angreifen.

Woran liegt das?

Der Sport hat sich Ende der 90er Jahre extrem pro­fes­sio­na­li­siert. Die Sport­wis­sen­schaft, die Medizin. Die Spieler schauen auf ihre Ernäh­rung, der Fett­an­teil wird kon­trol­liert, wie viel du läufst, wie viel du sprin­test. Alles wird ganz genau beob­achtet. Ich glaube, manchmal laufen die Spieler zu viel. Es wird näm­lich mehr darauf geachtet, wie viel du läufst, anstatt wohin du läufst.

Hagi hat im selben Inter­view gesagt, dass ein Spiel­ma­cher anar­chis­tisch spielen müsse und die Anwei­sungen des Trainer ruhig mal igno­rieren dürfe. Sehen Sie das genau so?

Ja, absolut. Wenn du der Spieler bist, der kre­iert, dann musst du von den Normen abwei­chen, um das System des Gegner zu zer­stören. Wenn du nur das tust, was alle von dir erwarten, bist du leicht zu ver­tei­digen. Ob als Ein­zelner, oder mit der gesamten Mann­schaft, du musst etwas Uner­wart­bares machen. Mit einer Spiel­ver­la­ge­rung, einem Dop­pel­pass, oder einem Solo­lauf. Du musst das auf den Platz bringen, was du vor deinem geis­tigen Auge hast – und das ist sicher sehr oft nicht das, was der Trainer sieht.

Zu Ihrer Zeit gab es sehr viel häu­figer den klas­si­schen Zer­störer, den Ant­ago­nisten der Spiel­ma­cher, der auf­trat wie ein Böse­wicht.

So wie die damals gespielt haben, kannst du es nicht mehr machen. Es gibt unzäh­lige Kameras, die dich beob­achten. Der Böse­wicht zu sein, ist heute sehr viel schwie­riger. Aber früher hatte jede Mann­schaft so einen. Die Mann­schaften spielten mit zwei zen­tralen Mit­tel­feld­spie­lern und einer war der deut­lich aggres­si­vere.

Beim FC Bayern war das Stefan Effen­berg. Wie war es, gegen ihn zu spielen?

Es war immer eine Her­aus­for­de­rung. Ich wollte gewinnen und die Mann­schaft lenken und auf der andere Seite war dann er. Ich wollte dieses Duell gewinnen, ich wollte besser sein als er. Gegen ihn zu spielen war immer eine zusätz­liche Moti­va­tion. Es war hart, aber auch sehr gut (lacht).

Die Mittel dieses Duells waren sehr ver­schieden.

Zer­stören ist immer leichter als etwas zu erschaffen. Aber das war eben jedes Mal die Her­aus­for­de­rung. Wenn ein Spieler nur für mich abge­stellt war, hat mich das zusätz­lich moti­viert. Es erfor­derte mehr von mir, damit ich den Gegner ent­schlüs­seln und sein System zer­stören konnte. Um den ent­schei­denden Pass zu spielen oder ein Tor zu schießen.

Und wenn das nicht geklappt hat, gab es ja noch die Frei­stöße. Bei Mid­dels­brough spielten Sie mit Jun­inho Pau­lista – gab es viele Dis­kus­sionen darum, wer schießen darf?

Nein, nor­ma­ler­weise hat jedes Team zwei desi­gnierte Frei­stoß­schützen. Es gibt eine klare Rang­ord­nung. So war es bei uns auch. Aber es gab nie Streit, es war klar gere­gelt, wer der erste Frei­stoß­schütze ist. Und der gibt nor­ma­ler­weise den Frei­stoß nicht ab.

Wer war das: Jun­inho Pau­lista oder Sie?

Ich (lacht). Wenn wir mal drei oder vier Frei­stöße in einem Spiel bekamen, oder ich mal ange­schlagen war, dann haben ich Jun­inho schon schießen lassen.

Sie gelten als einer der besten Elf­me­ter­schützen aller Zeiten. Hat es geholfen, dass ihr Vater Tor­wart war?

Nein, gar nicht. Er hat mir zwar sehr geholfen, aber bei den Elf­me­tern nicht.

Wie hat er Ihnen geholfen?

Er war mein Trainer, hat mir geholfen das Spiel zu ver­stehen. Er hat mir erklärt wo ich stehen muss und wie ich mich außer­halb des Platzes, im Mann­schafts­ge­füge, zu ver­halten habe. Er hat mir immer sehr gute Rat­schläge gegeben. Aber nicht zu den Elf­me­tern, die habe ich selber ent­wi­ckelt.

Wie?

Ich war schon in den Jugend­mann­schaften der Elf­me­ter­schütze. Damals habe ich mir immer eine Ecke aus­ge­sucht und dahin geschossen. Irgend­wann habe ich gemerkt, dass es besser ist, sich nicht zu ent­scheiden, son­dern den Tor­wart lange anzu­schauen. Zu warten, bis er sich ent­schieden hat und dann in die andere Ecke zu schießen.

Aus­ge­rechnet das Cham­pions-League-Finale 2001, das in Spa­nien Das Finale der Elf­meter“ genannt wird, ver­loren Sie – obwohl Sie zwei Elf­meter ver­wan­delten. Wie haben Sie das Spiel heute in Erin­ne­rung?

Es war hart. Wirk­lich, eine sehr harte Nacht. Wir hatten ja schon im Jahr davor das Finale gegen Real Madrid ver­loren. Aber 2001 war schwie­riger zu ver­kraften, weil wir sehr gut gespielt und das Spiel lange im Griff hatten. Es war sehr aus­ge­gli­chen. Und im Elf­me­ter­schießen zu ver­lieren, ist sehr hart. Das Spiel hatte alle Zutaten, die es braucht, um ein Finale auf die grau­samste Weise zu ver­lieren. Aber mit einigem Abstand muss ich sagen, mit Valencia zwei Mal hin­ter­ein­ander ins Finale zu kommen ist schon etwas sehr Bedeu­tendes. Für uns Spieler und den gesamten Verein war es wichtig, zwei Mal ins Finale zu kommen. Ich hätte natür­lich trotzdem beide gerne gewonnen.

Danach ver­ließen Sie Valencia. Warum?

Es war schwer, aber ich hatte Träume, als Fuß­baller und als Mensch. Ich wollte etwas aus­pro­bieren. Ich wollte mich als Fuß­baller und als Men­schen auf ein anderes Niveau heben, wachsen und in den stärksten Ligen der Welt spielen. Und es kam noch etwas hinzu…

Was denn?

Ich habe in meiner Zeit als Profi immer wieder Spieler gesehen, die ihre gesamte Kar­riere einem Verein gewidmet hatten und als sie auf­ge­hört haben, wurde es ihnen nicht gedankt. Es gab noch nicht diese Kultur, die wich­tigen Spieler gebüh­rend zu ver­ab­schieden. Ein­fach ein Abschieds­spiel oder eine Ehrung zu ver­an­stalten. Sie been­deten ihre Kar­riere und wurden prak­tisch vor die Tür gesetzt. Das hat mir nicht gefallen. Ich habe das ein­fach nie ver­standen. Du wid­mest 15 Jahre deines Lebens einem Verein und nie­mand wür­digt das.


Morgen folgt der zweite Teil des Inter­views mit Gaizka Men­dieta, in dem er über sein schönstes Tor und seine Liebe zur Gitarre spricht.