Karl-Heinz Rum­me­nigge, sind Sie aktuell der glück­lichste Klub­boss der Welt?
Dem Klub geht es gut, wir spielen guten Fuß­ball. Aber am meisten impo­niert mir, dass in diesem Jahr bei uns keiner aus­ge­flippt ist.

Jetzt sta­peln Sie aber tief.

Nein, ich finde es wirk­lich klasse, dass wir uns in dieser Saison gleich dop­pelt ein Bei­spiel am FC Bar­ce­lona der ver­gan­genen Jahre genommen haben.

Das heißt?
Dass wir auf höchstem Niveau gespielt haben, ohne durch­zu­drehen.

Dabei gehören im baro­cken Mün­chen tra­di­tio­nell die großen Emo­tionen doch dazu?
Das könnten Sie auch über das stolze Kata­lo­nien sagen. Zum Fuß­ball gehört wie all­ge­mein zum Leben eine gute Por­tion Demut. Beson­ders wenn man große Ziele hat. Und diese Demut stelle ich aktuell im gesamten Verein fest.

Sie sind nun seit elf Jahren Vor­stands­vor­sit­zender des FC Bayern. Eine Phase, in der sich vieles im Pro­fi­fuß­ball getan hat. Hat die Arbeits­in­ten­sität zuge­nommen?
Der gesamte Arbeits­auf­wand ist in den zurück­lie­genden Jahren per­ma­nent ange­stiegen. Doch ich sehe dies positiv. Solange der FC Bayern oben ist, gibt es viel zu arbeiten.

Lange hatten Sie Uli Hoeneß im Vor­stand an Ihrer Seite. Was ist der zen­trale Unter­schied zwi­schen Ihnen beiden?

Ich bin schon qua Her­kunft völlig anders. Lipp­stadt ist eine der nie­der­schlag­in­ten­sivsten Gemeinden dieses Landes. In diesem Klima habe ich die ersten 18 Jahre meines Lebens ver­bracht. Und ver­gli­chen mit Mün­chen ist das eine kom­plett andere Welt. Aber sie hat mir sehr gefallen und mich geprägt.

Sie ver­stehen sich trotz so vieler Jahre in Bayern noch immer als Ost­west­fale?
Ja, denn ich emp­finde auch im Erfolgs­fall große Erdung. In den Neun­zi­gern war der FC Hol­ly­wood“ hier stil­prä­gend. Alles war laut und grell. Mir hätte es gefallen, wenn wir mehr im Stillen genossen hätten. Aber das ent­spricht nicht der baye­ri­schen Men­ta­lität. Die Sonne scheint, die Alpen glühen, die Wirt­schaft boomt, der FC Bayern ist erfolg­reich. Alles ist wun­derbar! Womög­lich auch ein biss­chen besser als im Rest des Landes. Das braucht diese Region für ihr Selbst­ver­ständnis – ich aller­dings nicht.

So dass Sie mit­unter auch mal etwas mie­se­petrig wirken.
Das kann schon sein.

In dieser Saison kann nie­mand dem FC Bayern vor­werfen, abge­hoben zu sein. Wieso hat das Team keinen Moment lang die Kon­zen­tra­tion ver­loren?
Jupp Heynckes hat das per­fekt gemacht: Nach schlechten Spielen hat er die Jungs gelobt, nach guten hat er sie geerdet. So per­fekt, dass keiner auf die Idee gekommen ist, abzu­heben.

Das heißt, er musste die Mann­schaft sehr oft erden?
Das war wahr­schein­lich das Schwerste. Immer wieder die rich­tigen Worte zu finden, obwohl es nahezu per­fekt lief.

Ist ein Grund für den Zusam­men­halt zwi­schen Trainer und Mann­schaft, dass alle Betei­ligten wissen, dass diese Bezie­hung am 30. Juni 2013 endet?
Wir haben die Ver­pflich­tung von Pep Guar­diola vor Beginn der Rück­runde ver­kündet. Aber wir erleben in dieser Saison den Trainer Jupp Heynckes mit großer Qua­lität und Kon­zen­tra­tion. Er will Titel gewinnen. Und die Mann­schaft will, dass dieser wun­der­bare Mann den per­fekten Abgang bekommt.

Heynckes selbst schien von der Art, wie der Klub über seine Ablö­sung ent­schieden hat, nicht unbe­dingt angetan.
Es würde mir auch nicht gefallen, wenn seit Monaten über meinen Nach­folger dis­ku­tiert wird. Aber ich hatte im Januar ein Gespräch mit Jupp, das sehr schwierig war. Aber im Kern waren wir uns am Ende einig.

Was haben Sie denn gesagt?
Dass es wie überall auch beim FC Bayern für einen Trainer zwei Aus­gänge gibt: den durchs große Tor oder den durch den Hin­ter­aus­gang.

Eine Aus­gangs­po­si­tion, die ihm sehr wohl bewusst sein wird.
Wissen Sie, Louis van Gaal war auch ein sehr guter Trainer, aber er musste den Klub durch den Hin­ter­aus­gang ver­lassen. Weil Dinge pas­siert waren, die eine wei­tere Zusam­men­ar­beit unmög­lich machten. Ich will aber, dass Jupp Heynckes aus Mün­chen in einer Kut­sche mit vier weißen Schim­meln durchs große Tor ver­ab­schiedet wird. Und ich sah es auch als meine Ver­ant­wor­tung, dass es so kommt.

Ihre Aus­sagen zeugen von Macht­be­wusst­sein. Wann in Ihrem Leben haben Sie gelernt, so mit Macht umzu­gehen?
Ich hatte das große Glück, nach meiner Kar­riere in Ruhe in diesen Job hin­ein­zu­wachsen, und mit Uli Hoeneß einen sehr guten Lehr­meister. Als wir vor zehn Jahren einen neuen TV-Ver­trag aus­han­delten, gab es inner­halb der DFL Schlachten um den Ver­tei­lungs­schlüssel. Wir als FC Bayern fühlten uns schlecht behan­delt. Real Madrid erlöste damals 150 Mil­lionen Euro jähr­lich durch Fern­seh­rechte, Juventus Turin 120 Mil­lionen, die eng­li­schen Klubs bekamen 80 Mil­lionen, und wir wurden mit 15 Mil­lionen Euro abge­speist. Da habe ich laut und deut­lich gesagt: Wie sollen wir mit so wenig Kohle inter­na­tional bestehen? In dieser Dis­kus­sion bin ich vor viele Wände gerannt und habe mir blu­tige Nasen geholt, aber ich habe immer wei­ter­ge­macht. Wie oft bin ich nach Hause gekommen, meine Frau hat gefragt, was los sei und ich habe nur gesagt: Heute nicht mehr anspre­chen – bin stock­sauer.“ In diesen Kon­flikten habe ich sehr viel gelernt.

Den Begriff Funk­tionär“ emp­finden Sie angeb­lich als Belei­di­gung.
Nicht nur angeb­lich, der Begriff ist eine Belei­di­gung. Denn ich habe mich nie als Poli­tiker ver­standen.

Dem FC Bayern sagt man jedoch seit jeher eine gewisse Nähe zur CSU nach.
Das hat aber nichts mit mir zu tun. Ich würde nie in einer Partei oder in einem Ver­band arbeiten. Für mich stehen der Klub und der Fuß­ball im Fokus. Das Grum­meln im Magen vor großen Spielen, der Ärger und die Freude auf der Tri­büne, das ist meine Welt.

Was aber sind Sie, wenn Sie kein Funk­tionär sind? Der ver­län­gerte Arm des Sports?
Ich trage längst eine ganz andere Ver­ant­wor­tung. Wir müssen den Laden vor­be­reiten, einen sau­beren Trans­fer­markt machen und einen Top­trainer ein­stellen. Aber wir müssen den Laden auf unserem Niveau auch refi­nan­zieren. Wir bewegen uns auf Augen­höhe mit Klubs, die Umsätze von 400 oder 500 Mil­lionen fahren, sich aber von Mäzenen und Scheichs sub­ven­tio­nieren lassen. Also über Geld ver­fügen, das wir hier nicht haben. Ich muss also zusehen, dass wir nicht nur sport­lich, son­dern auch kauf­män­nisch mit sol­chen Ver­einen mit­halten.

Haben Sie manchmal schlaf­lose Nächte wegen Geld?
Heute nicht mehr.

Früher?
Öfter. Aller­dings nicht aus Sorge, die Kohle nicht ran­schaffen zu können, son­dern weil mir sport­liche Krisen zu schaffen machten.

Beim FC Bayern gilt aber schon ein zweiter Platz in der Meis­ter­schaft als Krise.
Wenn wir vorher alles daran gesetzt haben, Meister zu werden, kann mir auch so eine Plat­zie­rung zu schaffen machen. Stimmt. Aber kon­kret erin­nere ich mich, in der Saison 2006/07 öfter wach­ge­legen zu haben.

Warum?
Wir wurden Vierter in der Meis­ter­schaft, obwohl wir fast 80 Mil­lionen Euro in den Trans­fer­markt inves­tiert hatten, die wir dann im UEFA-Cup refi­nan­zieren mussten.

Es heißt, bei Ihnen im Vor­stand wird nie abge­stimmt, son­dern alles aus­dis­ku­tiert.
Bei Abstim­mungen gibt es immer Gewinner und Ver­lierer. Und wenn sich ein Transfer im Nach­hinein als richtig oder falsch her­aus­stellt, wird eine Seite stets denken: Habe ich’s doch gewusst.“

Sind die Dis­kus­sionen im Vor­stand lang­wie­riger geworden, seit Mat­thias Sammer dabei ist?
Gar nicht. Unsere Vor­stands­dis­kus­sionen waren immer intensiv. Was meinen Sie, wie wir uns hier die Köpfe heiß geredet haben, als es darum ging, Stefan Effen­berg ein zweites Mal zu ver­pflichten? Der war nicht unbe­dingt ein Aus­hän­ge­schild für den Verein, ein streit­barer Typ. Da haben wir ewig dis­ku­tiert und längst nicht jeder war glück­lich, dass er wieder kommt. Aber am Ende haben alle gespürt, dass es das Beste für den FC Bayern ist. So ist es bis heute: Es wird aus­giebig dis­ku­tiert, aber am Ende ist das Votum ein­stimmig.

Sie erwähnen das Mageng­rum­meln vor Spielen. Der Legende nach flößte Ihnen schon Dettmar Cramer vor Ihren ersten Ein­sätzen im Bayern-Trikot Cognac ein, damit die Ner­vo­sität ver­geht.
Vor großen Spielen komme ich heute noch mor­gens mit einem mul­migen Gefühl ins Büro, das sich stünd­lich stei­gert. Des­halb sehe ich zu, an diesen Tagen vielen Ver­pflich­tungen nach­zu­kommen, um abge­lenkt zu sein.

Jour­na­listen sagen Ihnen nach, Sie hätten ein foto­gra­fi­sches Gedächtnis, was Spiele anbe­trifft.
Tun sie das?

Angeb­lich können Sie noch Jahre später Spiele en détail nach­er­zählen.
Das sind vor allem Erin­ne­rungen aus dem Beginn meiner Lauf­bahn. Es gibt da Nie­der­lagen, die bis heute an mir nagen. Siege feiert man, aber von Nie­der­lagen lernt man fürs Leben.

Wel­ches Match nagt beson­ders an Ihnen?
Ich muss immer noch an ein Vier­tel­fi­nale im Euro­pacup der Lan­des­meister 1977 in Kiew denken. Das Hin­spiel in Mün­chen hatten wir 1:0 gewonnen. Ich war ganz gut drauf. In der zweiten Halb­zeit, so um die 75. Minute, spiele ich am Straf­raum drei Gegner aus und laufe allein auf den Tor­wart zu, knalle drauf, doch der Ball prallt dem Keeper an die Schulter. Wäre der drin gewesen, hätten wir womög­lich den vierten Lan­des­meis­tercup in Folge geholt. So aber gab es einen Konter. Tor für Kiew. 1:0. Nach Wie­der­an­stoß bekommt Dynamo einen Elf­meter zuge­spro­chen. 2:0. Auf Wie­der­schauen.

Und solche Dinge ver­folgen Sie bis heute?
Einige. Aber auch die Ereig­nisse im WM-Halb­fi­nale 1982 gegen Frank­reich sind ein Film, der mir nicht aus dem Kopf geht.

Mon Dieu, Rum­me­nigge“.
Ich kenne all diese Geschichten. Wissen Sie, was mein Freund Michel Pla­tini sagt, wann immer er mich trifft?

Nein.
Nicht etwa Hallo Kalle“, er sagt nur eine Zahl: Quatre-vingt-deux“ – 82. Es ist furchtbar. Wenn das Gespräch auf dieses Match kommt, geht in ganz Frank­reich die Stim­mung in den Keller.

Wie schlafen Sie nach Nie­der­lagen?
Da habe ich ein pro­bates Mittel gefunden, das mir das Ein­schlafen erleich­tert.

Das da wäre?
Ich lese mich müde.

Mit dem Sport­teil vom Vortag?
Mit his­to­ri­schen Krimis. Aktuell lese ich von Ken Fol­lett Winter der Welt“, da tauche ich für eine Stunde in eine andere Dimen­sion ab und schlum­mere irgend­wann weg.

Auch in den tur­bu­lenten Tagen, als die Steu­er­af­färe um Uli Hoeneß bekannt wurde?
Ich habe mir in dieser Zeit die Frage gestellt, wie ich meinem Freund Uli helfen kann. Ich mag mir Bayern Mün­chen ohne Uli Hoeneß gar nicht vor­stellen.

Medial hat sich der FC Bayern dabei gewohnt clever ver­halten. Unmit­telbar nach dem Wochen­ende, als die Hoeneß-Causa rauskam, wurde der Transfer von Mario Götze ver­meldet.
Da täu­schen Sie sich. Diese Infor­ma­tion kam nicht vom FC Bayern oder aus unserem Umfeld.

Son­dern?
Eine Quelle war offenbar Man­chester City, die auch an Götze dran waren. Unsere Recher­chen ergaben, dass da wohl jemand, der jemanden kennt, nach einem Glas Rot­wein geplau­dert hat.

Der Götze-Transfer macht die Hoff­nung nicht größer, dass die Bun­des­liga in der nächsten Saison wieder span­nender ist.
Zwanzig Punkte Vor­sprung in der Meis­ter­schaft sind kein Emo­ti­ons­för­derer, da haben Sie recht. Auch uns ist klar, dass die Liga vor allem von der Emo­tion lebt. Aller­dings kommt mir diese Dis­kus­sion etwas zu früh.

Dass der FC Bayern auf Jahre die Liga domi­nieren wird?
Schon ver­gessen, dass der FC Bayern in den zurück­lie­genden zwei Jahren nicht Deut­scher Meister war? Das spricht nicht für die totale Domi­nanz. Statt­dessen ist der BVB zwei Mal in Folge Meister geworden – und da hat sich auch nie­mand beschwert.

Sie sind also eher auf der Seite von Mat­thias Sammer, der sagt, er wolle um jeden Preis Titel abräumen.
Es ist ein Spagat. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren gewinnt wieder ein deut­scher Verein einen inter­na­tio­nalen Titel. Die Bun­des­liga hat sich mühsam auf Platz drei im euro­päi­schen Ran­king vor­ge­ar­beitet. Um dort zu bleiben, brau­chen wir zwei, drei Klubs, die inter­na­tional ganz oben mit­mi­schen. Eine logi­sche Folge ist, dass es in der Bun­des­liga ein Leis­tungs­ge­fälle gibt. Und Mario Götze ist nun mal eine Ver­stär­kung für unseren Kader.

Aller­dings schwä­chen Sie mit der Ver­pflich­tung auch den wich­tigsten Kon­kur­renten in der Liga.
In der Bun­des­liga gibt es nur einen beschränkten Kreis von Qua­lität. Es ist doch klar, dass Spieler, die wir haben wollen, eher in Dort­mund oder Lever­kusen als bei Abstiegs­kan­di­daten spielen. Und der Markt, wo wir uns vor­zugs­weise bedienen, ist nun mal die Bun­des­liga.

Dabei ist der FC Bayern längst ein inter­na­tio­naler Klub, was sein Per­sonal anbe­trifft.
Es gibt keinen Spit­zen­klub in Europa, wo so viele Stamm­spieler aus dem eigenen Nach­wuchs und dem eigenen Land spielen, wie beim FC Bayern. Wir kaufen im Aus­land nur, wenn wir meinen – wie bei Javi Mar­tinez –, dass es in Deutsch­land keine Alter­na­tive auf dieser Posi­tion gibt. ‘

Schlechte Nach­richten für alle BVB- und Lever­kusen-Fans.
Dabei ver­fügt der FC Bayern bereits über einen Kader, der für zwei Spit­zen­teams in der Bun­des­liga rei­chen würde. Es ist nicht – wie Hans Joa­chim Watzke sagt – das Geschäfts­mo­dell des FC Bayern, andere Mann­schaften zu schwä­chen. Wir ver­su­chen unsere Qua­lität zu stei­gern, unab­hängig davon, wo ein Spieler her­kommt.

Aha.
Ich sage Ihnen, Mario Götze hätte Dort­mund mit sehr großer Wahr­schein­lich­keit nach dieser Saison ver­lassen. Die Frage war nur: Geht er zum FC Bayern oder nach Eng­land? Man­chester City und der FC Arsenal haben sich sehr um ihn bemüht. Und in Man­chester spielt Geld bekannt­lich auch keine große Rolle. Er war de facto auf dem Markt. Des­halb war es unsere Pflicht, uns mit ihm zu befassen.

Den mit Abstand höchsten Spie­leretat in der Bun­des­liga nach dem FC Bayern hat der VfL Wolfs­burg.
Ist es nicht traurig, wie wenig dort aus den Mög­lich­keiten gemacht wird? Ich möchte nicht den Finger in die Wunde legen, wenn ein Klub bei seinen Trans­fers dane­ben­ge­legen hat. Sowas kommt bei uns auch ab und an mal vor. Ver­eine müssen ver­su­chen, in einen posi­tiven Kreis­lauf ein­zu­steigen.

Das bedeutet?
Dass sie in der Lage sein müssen, sichere Trans­fers zu machen. Manuel Neuer oder Frank Ribéry waren sichere Trans­fers. Auch Mario Götze ist eine Ver­pflich­tung, die zwar viel Geld kostet, dieses aber zu ein­hun­dert Pro­zent wert ist.

Warum schaffen es andere Groß­stadt­klubs nicht, eine Kon­kur­renz zu den Bayern dar­zu­stellen?
Ich kann Hans-Joa­chim Watzke ver­stehen, wenn er sagt, Bayern ist das Land, in dem Milch und Honig fließen. Aus seiner Sicht stimmt das. Aber die Vor­aus­set­zungen in Ham­burg sind nicht schlechter als bei uns. Der natür­liche Kon­kur­rent des FC Bayern in der Bun­des­liga müsste Ham­burg, Stutt­gart oder Berlin heißen – als Stadt, als Klub, als Umfeld.

Von Uli Hoeneß sagt man, er sei erst zufrieden, wenn der FC Bayern in zehn Jahren zehn Mal Meister geworden ist.
Natür­lich wollen wir Meister werden. Gerne auch sehr oft, aber es wird nicht ständig mit zwanzig Punkten Vor­sprung sein.

Wie oft denn?
Wenn wir im Schnitt jedes zweite Jahr Meister werden, bin ich hoch­zu­frieden. Aber es kommt auf das Wie“ an. Wissen Sie, welche die schönste Meis­ter­schaft war, die ich je als Ver­ant­wort­li­cher des FC Bayern gewonnen habe?

Wir sind gespannt.
Der Titel­ge­winn in der Saison 2000/01, als wir in Ham­burg in der 94. Minute mau­setot auf der Erde lagen und durch einen Frei­stoß wie­der­be­lebt wurden. Das war emo­tional nicht zu über­bieten.

In Schalke wird man Ihnen diese Bewer­tung als Zynismus aus­legen.
Dann ver­stehen Sie mich falsch. Ich hatte tiefes Mit­leid mit Rudi Assauer, wie er dort wei­nend auf dem Balkon stand. Glauben Sie mir, ich weiß, wie brutal so eine Nie­der­lage in letzter Sekunde ist.

Sie leben in einer selt­samen Ambi­va­lenz: Einer­seits wollen Sie nicht dau­ernd mit zwanzig Punkten Vor­sprung Meister werden, ande­rer­seits wollen Sie mit dem FC Bayern inter­na­tional ein Top-Klub sein, weil Sie es gene­rell nicht ertragen, auch mal Zweiter zu werden. Ein Draht­seilakt.
Aber ein Draht­seilakt, der Spaß macht. Wir ver­su­chen Erfolg zu haben, ohne die Wurzel des Fuß­balls aus den Augen zu ver­lieren. Natür­lich muss man kluge Trans­fers machen, aber das Wich­tigste sind die Emo­tionen des Spiels. Der Fuß­ball muss über allem stehen.

Gefährdet die Kom­mer­zia­li­sie­rung den Fuß­ball?
Vieles ist pro­fes­sio­neller geworden, aber in man­cher Hin­sicht über­dreht es.

Worin besteht aus Ihrer Sicht diese Gefahr?
Michel Pla­tini hat mich vor kurzem gefragt, warum die Europa League nicht von der Stelle kommt und die Popu­la­rität des Wett­be­werbs so gering ist. Das ist ein­fach zu erklären: Grund­sätz­lich muss der Fuß­ball eine grö­ßere Bedeu­tung haben als das Mar­ke­ting. Der Wett­be­werb muss sport­lich attraktiv sein, dann kann das Mar­ke­ting den Rahmen bilden. Nicht umge­kehrt. So sehen wir es beim FC Bayern: Wenn wir attrak­tiven Fuß­ball spielen, werden wir nie Pro­bleme haben, die Kohle für einen Transfer zusam­men­zu­kriegen.

UEFA-Chef Pla­tini fragt den Bayern-Boss also um Rat.
Der FC Bayern wird inzwi­schen in Europa als Erfolgs­mo­dell gesehen. Schließ­lich haben wir dreimal in vier Jahren das Cham­pions-League-Finale erreicht, und dieser sport­liche Erfolg ist kom­plett aus Eigen­mit­teln finan­ziert. Als wir jetzt im Vier­tel­fi­nale nach Turin kamen, wollten alle meine ita­lie­ni­schen Freunde wissen: Wie kriegt ihr das hin?“

Und was haben Sie geant­wortet?
Dass wir keine Zau­berer sind. Das Wich­tigste ist, nicht bes­ser­wis­se­risch rüber­zu­kommen. Aber natür­lich sind die Sta­dien in Deutsch­land und das Lizen­zie­rungs­system ein großer Vor­teil gegen­über Ita­lien.

Wie ist Ihre Wahr­neh­mung als Vor­sit­zender der Euro­pean Club Asso­cia­tion (ECA)? Im Vor­gän­ger­gre­mium, der G14, sollen die Bayern-Bosse anfangs ver­lacht worden sein.
Das hat sich sehr ver­än­dert. Früher war es nicht so leicht, bei Real Madrid oder Juventus Turin auf offene Ohren zu stoßen. Da wurden wir nicht groß­artig zur Kenntnis genommen. Aber wir haben uns trotzdem nie den Mund ver­bieten lassen.

Wie lief das ab?
Die Gra­ben­kämpfe zwi­schen dem FC Bar­ce­lona und Real Madrid waren immer sehr aus­ge­prägt. Beson­ders die Prä­si­denten Josep Lluis Nunez und Lorenzo Sanz waren sich spin­ne­feind, die Dis­kus­sionen stets nah an der Eska­la­tion. Bar­ce­lonas Nunez hat ständig pole­mi­siert, so dass sich Uli Hoeneß irgend­wann bemü­ßigt sah, ihn mal stramm­stehen zu lassen. Da haben die Wände gewa­ckelt. Danach war es für einige Sekunden toten­still.

Dann kam die Retour­kut­sche?
Im Gegen­teil. In der Sit­zung wurde der Vor­fall unter den Tep­pich gekehrt. Aber im Raus­gehen kam der schmäch­tige Nunez auf den damals schon schwer­ge­wich­tigen Uli zu und sagte: Wir haben ein Pro­blem.“ Ich hielt den Atem an. Dann umarmte er ihn und sagte: Uli, die Über­setzer hier sind eine Kata­strophe.“ So kann man Pro­bleme auch lösen.

Glauben Sie, dass der FC Bayern den euro­päi­schen Fuß­ball so wie die Bun­des­liga domi­nieren kann?
Nein. Die Sta­tistik der ver­gan­genen Jahre beweist, dass es Domi­n­anzen, wie Real Madrid sie in den Fünf­zi­gern aus­strahlte oder Bayern und Ajax in den Sieb­zi­gern, heute nicht mehr gibt. Heute ent­scheiden zwei, drei Pro­zent über Sieg oder Aus­scheiden. Wenn ein Lionel Messi keine abso­lute Top-Leis­tung abruft, bekommt auch der FC Bar­ce­lona Pro­bleme. Das Niveau ist so eng, dass Anek­doten über Spiele ent­scheiden. Ich will mich da gar nichts ans Finale 2012 erin­nern.

Aber die Chancen stehen gut, dass der FC Bayern nach der Ein­füh­rung von Finan­cial Fair­play“ lang­fristig eine gewich­tige Rolle in Europa spielen wird.
Warten wir’s mal ab. Die Rege­lung soll ab 1. Juli 2014 greifen, aber ich bin sehr gespannt, ob sich alle Klubs daran halten werden, den Sport nur aus Eigen­mit­teln zu finan­zieren.

Sie zwei­feln?
Ich bin nicht sicher, ob es seriös umge­setzt wird. Schon jetzt wird mit großer Krea­ti­vität gear­beitet. Es sind einige Anwälte unter­wegs, die nach Lücken in den Sta­tuten suchen, ob die Ein­füh­rung von Finan­cial Fair­play“ juris­tisch mit den EU-Gesetzen über­haupt in Ein­klang zu bringen ist. Des­halb hoffe ich sehr, dass mein Freund Michel Pla­tini, es wirk­lich schafft, seine Idee in die Tat umzu­setzen.

Ver­fügt der FC Bayern auf euro­päi­scher Ebene über aus­rei­chend Macht, um in dieser Frage mit­zu­reden?
Als Vor­sit­zender der ECA habe ich natür­lich Mög­lich­keiten. Wir haben 2009 in Man­chester eine Gene­ral­ver­samm­lung mit Ver­tre­tern von 150 Klubs gemacht. Ver­eine wie der FC Chelsea oder Man­chester City konnten sich damals nicht mal im Ansatz mit der Idee von Finan­cial Fair­play“ anfreunden. Schließ­lich wird es für solche Ver­eine nicht ein­fach, das Break-even zu erfüllen. Da wurde hitzig dis­ku­tiert und es drohte aus dem Ruder zu laufen. Ich habe des­halb inständig an alle appel­liert, für das Paket zu stimmen.

Wie sah das Abstim­mungs­er­gebnis aus?
Ich berief eine Kaf­fee­pause ein. Ein poli­ti­scher Schachzug, damit alle noch mal mit ihren Ver­trauten plau­dern können. Und dann haben wir uns ein­stimmig auf Finan­cial Fair­play“ geei­nigt. Ich bin Demo­krat und auch bereit, mich Kom­pro­missen zu beugen. Aber Finan­cial Fair­play“ wird der Fuß­ball­welt helfen, zur Ratio­na­lität zurück­zu­kehren.

Das müssten die anderen Ver­eine ähn­lich sehen.
Finan­cial Fair­play“ wird von einigen nicht als Hilfe ver­standen, son­dern als Pro­blem. Die Klubs müssen lernen, dass ihnen diese Regeln die Mög­lich­keit geben, unab­hängig von einem Share­holder zu sein, der nach eigener Kas­sen­lage Gelder inves­tiert oder raus­zieht.

Bleibt der euro­päi­sche Fuß­ball in der Welt lang­fristig der bedeu­tendste Markt? China, Russ­land und Bra­si­lien holen auf.
Ich denke schon. Natür­lich schreitet die Glo­ba­li­sie­rung voran, aber bei der letzten WM spielten 75 Pro­zent der Profis in Europa. Europa ist der Top-Kon­ti­nent, den der Fuß­ball braucht. Der welt­weite Fuß­ball hat ver­standen, dass man nicht gegen die ECA arbeiten kann – genauso wenig wie gegen die FIFA. Man kann nur mit ihr arbeiten und ver­su­chen, die Dinge in Har­monie zu lösen.

Wie rezi­pieren Sie das Bild des FC Bayern in den Medien?
Ich lese mor­gens beim Früh­stück die TZ“. Im Büro schaue ich in unseren Pres­se­spiegel. Wenn es mal hoch her­geht, lese ich auch etwas inten­siver.

Die lus­tigste Head­line im Zusam­men­hang mit dem FC Bayern?
Damals war ich stock­sauer über den FC Hol­ly­wood“, aber im Nach­hinein muss ich zugeben, der Redak­teur lag richtig. Basler, Effen­berg, Mat­thäus, Herzog – das war ein­fach Hol­ly­wood.

Wie sehr ver­folgt Sie Ihr eins­tiges Killer-Kalle“-Image noch?
Der Autor, der diesen Begriff prägte, hat beim Spiegel“ große Kar­riere gemacht. Sicher­lich auch wegen dieses Arti­kels. (Lacht.) Damals – das ist jetzt fast zwanzig Jahre her – habe ich mich furchtbar auf­ge­regt, aber im Fuß­ball ver­blassen diese Dinge schnell. Ins­be­son­dere, wenn man beim FC Bayern arbeitet.

Der Aus­löser war das Rän­ke­spiel im Prä­si­dium im Jahr 1994.
Ich fand es sehr unge­recht. Wir waren sport­lich nicht unter den Top drei, wirt­schaft­lich sahen wir gerade noch die Nebel­schluss­leuchte. Wir holten Lothar Mat­thäus, und unser Schatz­meister musste bei drei Banken anrufen, um einen Kredit von drei Mil­lionen Mark zu bekommen. Wir brauchten Auf­bruch­stim­mung im Klub und einen Prä­si­denten mit Cha­risma. Franz Becken­bauer sollte es machen. Aber wie er nun mal ist, wollte er auf den Thron getragen werden. Unser dama­liger Prä­si­dent Fritz Scherer wie­derum war nicht bereit, von sich aus zurück­zu­treten. Es musste im Prä­si­dium knallen. Aber dafür war ich weiß Gott nicht allein ver­ant­wort­lich.

Haben Sie sich bei dem Herrn vom Spiegel“ beschwert?
Das hat meine Frau für mich erle­digt. Sie hat dem Redak­teur einen hand­schrift­li­chen Brief zukommen lassen, in dem sie beschrieb, wie sie mich im Garten beim Unkraut­jäten beob­achtet. Ein herr­li­cher Brief.

Wie müssen wir uns das vor­stellen?
Sie schil­derte, es würde ihr das Herz bre­chen, mir dabei zuzu­schauen, wie ich da draußen den Efeu ermorde. Sie schrieb: Lieber Herr …, offen­sicht­lich haben Sie meinen Mann durch­schaut. Ein Killer durch und durch.“ Ich habe mich kaputt­ge­lacht.

Karl-Heinz Rum­me­nigge, wann ist Ihr Lebens­werk als Vor­stands­boss des FC Bayern voll­endet?
Wenn Sie so fragen, könnte ich, sollten wir in diesem Jahr tat­säch­lich das Triple gewinnen, abdanken. Aber das hat sich inzwi­schen über­holt, weil ich gerade meinen Ver­trag als Vor­sit­zender bis 2016 ver­län­gert habe. Ich habe eine hoch­in­ter­es­sante und fas­zi­nie­rende Auf­gabe.

Jemals mit dem Gedanken gespielt, alles hin­zu­werfen?
Die Zeit, in der Jürgen Klins­mann Trainer war, hat mir zuge­setzt. Sport­lich lief es nicht beson­ders, und als Vor­stand musste ich viel Kritik ein­ste­cken. Nach einer Haupt­ver­samm­lung bekam ich den Brief eines Bei­rats­mit­glieds. Er hatte in der Sit­zung gesehen, wie sehr mir einige Reden zusetzten. Er schrieb: Kalle, ruhig bleiben. Keine vor­schnellen, emo­tio­nalen Hand­lungen.“

Sonst hätten Sie den Schluss­strich gezogen?
So weit will ich nicht gehen, aber ich habe mich sehr schlecht behan­delt gefühlt. Denn für die sport­liche Situa­tion war ich ja nun nicht allein ver­ant­wort­lich.
2016 sind Sie 42 Jahre beim FC Bayern. Wann ist Schluss mit Fuß­ball? Da gibt es keinen fest­ge­legten Zeit­punkt. Aber eins ist klar: Jeder ist ersetzbar.

Da spricht der Ost­west­fale.
Richtig. Wissen Sie, ich erin­nere mich noch an den Tag, als Franz Becken­bauer sein Abschieds­spiel hatte und nach New York ging. Damals titelte Bild“: Bayern am Ende!“ In der Tat führte sein Abgang zu Irri­ta­tionen, aber bald waren wir wieder in der Spur. Selbst einen Spieler wie Becken­bauer konnte dieser Klub ersetzen. Es wird also auch nach mir einen Vor­stands­chef beim FC Bayern geben.

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Hin­weis: Dieses Inter­view wurde bereits im April 2013 geführt und ist in 11FREUNDE #139 erschienen.